V – wie verkehrt?

„Politiker lügen, um die Wahrheit zu vertuschen. Künstler lügen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.“ So einfach ist also die Welt der Brüder Wachowski, die ja selbst auch Künstler sind.

Sie haben uns nach ihrer kultigen Matrix-Trilogie mit V- wie Vendetta ihr neustes Werk beschert. Wie schon Matrix zeichnet sich auch dieser Film neben einer genialen Inszenierung durch Dialoge mit Tiefengehalt aus. Ein Film, der auch den Verstand ansprechen will, der
Gesellschaftskritik übt und zum Nachdenken einlädt. So weit, so gut.

Doch mit V- wie Vendetta wagen sich die Brüder
Wachowski weiter aus dem Fenster, als bei Matrix. Die Botschaften, die sie vermitteln sind klarer, die Parallelen zur heutigen Welt deutlicher.

Im Mittelpunkt des Films steht ein Terrorist, ein historischer und ein fiktiver, er ist Symbolfigur und Held zugleich. Wir sollen ihn nicht nur bewundern, sondern seiner gedenken („Remember, remeber the 5. of November“) und in seinem Geist handeln.

Der historische Terrorist ist nicht eine Romanfigur wie Robin Hood, sondern Guy Fawkes, der im Jahre 1605 das englische Parlament in die Luft sprengen und so die Regierung von König James I. beenden wollte. Wäre es ihm geglückt, der Mann hätte den König, seine gesamte Familie, alle Parlamentarier und viele Zuschauer, Frauen und
Kinder, in den Tod gerissen, oder grausam verstümmelt.

Warum wollte Guy Fawkes so ein schreckliches Verbrechen begehen? War er wirklich ein Kämpfer für die religiöse und multikulturelle Freiheit, wie das im Film behauptet wird? Nein, das pure Gegenteil! Er war ein fanatischer Gotteskrieger, ein religiöser Extremist
erster Güte. Er meldete sich als Freiwilliger, um im europäischen Kontinent gegen die Protestanten zu kämpfen. Auch sein Attentat war religiös motiviert, es sollte England wieder unter die Herrschaft des Vatikans bringen. Soweit die historische Geschichte.

Man fragt sich also, warum die Wachowkis ausgerechnet einen Fawkes als Symbolfigur gewählt haben, um vor einem totalitären Regime zu warnen (was ja an sich eine gute Sache ist!). Fawkes kämpfte ja nicht gegen, sondern für ein totalitäres Regime. Es stand ihm nicht
um Religionsfreiheit, sondern um vatikanische Allherrschaft.

Aber ja, sie haben es uns ja im Film gesagt: sie sind Künstler und – ja, sie lügen, doch nur um die Wahrheit zu sagen.

Und was ist die Wahrheit nach V- wie Vendetta? Was ist die Botschaft? Wir sollen uns vor Diktaturen hüten und uns nie von staatlicher Macht einschüchtern
lassen. Gut, das tönt politisch korrekt. Doch schauen wir noch einmal genauer hin:

Der religiöse Terrorist, der Gebäude in die Luft sprengt die „Statussymbol“ haben, ist eigentlich ein edler Mensch. Wenn er auch brutal ist, so nur darum, weil er eine Reaktion ist auf das Regime, das er angreift. Ja er ist sogar ein Produkt dieses Regimes. Das
Regime hat ihn selbst herangezüchtet. Und was den Terror betrifft, die paar Gebäude, die in die Luft fliegen, das sind ja nur Feuerwerke, die wirklich großen Attentate, sind Ergebnisse einer Verschwörung, die das Ziel hat, eine Diktatur zu errichten.

Wir haben verstanden. Die Künstler haben gezaubert und auf einmal werden aus den religiösen Terroristen, die an symbolträchtigen Orten wie den Twin Towers, oder dem Bahnhof in Madrid oder London unzähligen Menschen das Leben zerstörten, Helden. Religiöse Terroristen, welche die Werte, die den Wachowkis heilig sind, von tiefstem Herzen hassen.
Diese Rebellen, die dafür kämpfen, dass die religiöse Unterdrückung immer mehr Menschen knechtet haben die Wachowkis in ihrem Film einfach ignoriert, bzw. zu 100% uminterpretiert. Der Film will warnen, aber nicht vor der Ideologie des Terrors, der ist höchstens „schöne Lyrik“(!), nein, der Film will warnen vor den „Regimen“, die Zielscheibe der Terroristen sind. Denn den Terror haben diese „Regime“ selbst verschuldet oder sogar selbst inszeniert.

Und so wird Wahrheit mit Lüge vermischt, verdreht und verdreht bis am Schluss die Verwirrung perfekt ist: Nazis sind die, die eigentlich für Religionsfreiheit und Menschenrechte stehen und Freiheitskämpfer sind die, die religiösen Wahnsinn und „jüdische
Weltverschwörung“ propagieren. Hoffentlich war das nicht die Absicht der Filmemacher, aber jedenfalls haben sie wieder Wasser auf diese Mühlen gegossen.

Fazit: auch ein Künstler verdunkelt die Wahrheit, wenn er mit Lügen hantiert.

Quellentexte:

https://www.soulsaver.de/assets/img/1210/4173_guy_fawkes.jpg

https://www.soulsaver.de/assets/img/1210/4174_a-foxday.jpg

Kommentare

  1. Anonymous

    es ist mir bekannt J., sie haben die Idee aufgegriffen – aber will der Film V nicht einen aktuellen politischen Bezug herstellen? V ist doch nicht nur reinie Fiktion: das könnte in 50 Jahren mal sein. Und wir haben ja heute religiöse Bomber, die Gebäude mit Symbolträchtigen Charakter in die Luft sprengen. Warum werden diese Fanatiker als Freiheitskämpfer dargestellt, sie – wie auch Fawkes kämpften gerade für ein Regime, gegen das Wachowskis anscheinend sind.
    merry

  2. Jeary

    An sich ein netter Text. Soweit ich weiß, beruht der Film inclusive seiner Handlung und dem Guy-Fawkes-Bezug auf einem Comic von Alan Moore, erschienen 1982 – 1985.
    Ich finde es deshalb nicht gerechtfertigt, den Wachowskis die Wahl der Symbolfigur anzulasten. Ja, sie haben diesen Stoff verfilmt – aber sicher nicht mit so weitgehenden Gedanken, sich einen Terroristen mit Symbolcharakter selbst auszuwählen.

    J.-

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