Ist der christliche Glaube nur eine psychologische Krücke?

Kurz gesagt: Nein. Der Vorwurf, Gott sei nur eine Wunschprojektion, lässt sich genauso gegen den Unglauben wenden. Außerdem passt der Gott der Bibel nicht zu einem Wunschbild: Er ist heilig und gerecht, er nennt uns Sünder, und seine Nachfolge kostet etwas. Dass Menschen sich nach Gott sehnen, erklärt die Bibel damit, dass er uns für sich geschaffen hat.

Woher kommt der Vorwurf?

Vor allem von Sigmund Freud. Für ihn war Religion eine Illusion, eine Erfüllung der „ältesten, stärksten und dringendsten Wünsche der Menschheit“. Der Mensch suche aus kindlicher Hilflosigkeit Schutz bei einem himmlischen Vater („Ist das Christentum nur eine psychologische Krücke?“; Quelle). Im Volksmund heißt das: Glaube ist etwas für Schwache.

Gilt das Argument nicht in beide Richtungen?

Doch. Wenn Christen glauben, weil sie sich Gott wünschen, könnten Atheisten genauso gut nicht glauben, weil sie sich wünschen, dass es keinen Gott gibt (Quelle). Der Philosoph Thomas Nagel hat das offen ausgesprochen: „Ich will nicht, dass es einen Gott gibt; ich will nicht, dass das Universum so ist“ (Quelle).

Der Artikel „Ist der christliche Glaube eine Zwangsjacke?“ zeigt zudem: Wer behauptet, alle Aussagen über Gott seien nur psychologische Projektionen, müsste dasselbe von seiner eigenen Aussage annehmen. Wer alles durchschauen will, sieht am Ende gar nichts mehr.

Passt der Gott der Bibel zu einem Wunschbild?

Kaum. Die Artikel nennen mehrere Gründe (Quelle; Quelle):

  • Gott ist heilig und gerecht. Er verurteilt viele unserer Gedanken und Taten. Wer sich einen Gott ausdenkt, würde eher einen erfinden, der nur liebevoll ist und das Gericht weglässt.
  • Nicht alles am Glauben ist tröstlich. Die Lehre von der Hölle oder die Erkenntnis, dass alle Menschen Sünder sind, die vor Gott aus eigener Kraft nicht bestehen können, wärmen nicht gerade das Herz.
  • Nachfolge ist nicht bequem. Die Bibel sagt nicht, dass das Leben mit Christus leichter wird. Jesus selbst wurde gekreuzigt, die Nachfolge war schon im ersten Jahrhundert gefährlich, und das Christentum lehrt, sein Kreuz auf sich zu nehmen und Spott zu ertragen.
  • Im Zentrum steht das Kreuz. Warum sollte eine Wunschprojektion auf dem Eingeständnis der eigenen Schuld beruhen?

Ist Glaube nur etwas für Schwache?

Dass auch Schwache und Ausgestoßene im Glauben Erfüllung finden, beweist nicht, dass er nur für sie ist. Viele Intellektuelle finden ebenso zu Christus (Quelle). Manche wollten gar nicht glauben: C. S. Lewis sagte von sich, in ganz England habe es keinen unwilligeren Bekehrten gegeben als ihn (Quelle). Josh McDowell zog als Student aus, um das Christentum zu widerlegen. Seine Nachforschungen führten ihn zu dem Schluss, dass man der Bibel vertrauen kann und dass Jesus Gott ist und auferstanden ist. Am Ende überwand ihn die Liebe Gottes, die er bei gläubigen Studenten gesehen hatte („Was geschah, als ich auszog, das Christentum zu widerlegen?“).

Warum sehnt sich der Mensch nach Gott?

Die Bibel antwortet: Gott hat den Menschen für sich geschaffen, als sein Bild (1. Mose 1,26). Augustinus formulierte: „Du hast uns für dich selbst gemacht, oh Herr, und unsere Herzen sind rastlos, bis sie ihren Frieden in dir finden.“ Zugleich sagt die Bibel, dass der Mensch Gott von Natur aus eher wegdrängt und die Wahrheit über ihn niederhält (Römer 1,18–22; Quelle). Die Sehnsucht nach Gott ist also kein Beweis gegen ihn, sondern ein Hinweis auf ihn.

Häufige Anschlussfragen

Macht der Glaube unfrei?

Ein Fisch, den man aus dem Wasser „befreit“, verliert seine Freiheit. Wahre Freiheit gibt es nur in den richtigen Grenzen – vor allem in der Liebe, mit der Gott uns in Jesus geliebt hat (Quelle).

Was ist, wenn die Auferstehung nicht stimmt?

Dann hätte man nach Josh McDowell nichts verloren. Ist Jesus aber auferstanden und damit als Sohn Gottes bestätigt (Römer 1,4), dann gibt es nichts Wichtigeres, als ihm nachzufolgen (Quelle).

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