Bemerkungen zu drei atheistischen Argumenten gegen den Gottesglauben.

Das geistige Klima der vergangenen Jahre wurde oft mit dem Ausdruck ,postmodern‘ gekennzeichnet. Damit war der prinzipielle Abschied von Weltanschauungssystemen und absoluten Wahrheiten gemeint, gepaart mit einer damit einhergehenden Toleranz, die es dem Einzelnen selber überlässt, seine ganz persönlichen Wertvorstellungen und Glaubensinhalte zu wählen.

Im Hinblick auf das Christentum hat dieses Klima einerseits zum Niedergang der Autorität der, Institution Kirche‘ geführt, zugleich aber einen Freiraum des Subjektivismus eröffnet, in welchem auch der Glaube des Individuums kreativ und ungebremst gedeihen kann. Der alte Gegensatz zwischen Glaube und Unglaube schien überwunden, zumindest seines Konfliktpotentials entkernt. Denn ‚jeder glaubt schließlich irgendetwas‘. Der damit verbundene Traum eines toleranten multikulturellen Zeitalters ist jedoch schwieriger zu verwirklichen als anfänglich gedacht. Und so hat sich, vor allem unter dem Eindruck der Stosskraft des Islam, für den viele junge Moslems offenbar zu sterben bereit sind, der von manchen schon tot geglaubte Atheismus wieder zu Wort gemeldet. Religion und Gottesglaube seien inkompatibel mit Toleranz, Freiheit und Demokratie; diese könnten sich vielmehr nur unter Voraussetzungen des Atheismus entfalten.
In der sich hier und da wieder abzeichnenden Theismus-Atheismus-Debatte tauchen einige Argumente gegen den Gottesglauben auf, die ich kurz beleuchten möchte. Manche Einwände richten sich gegen den Gottesglauben im Allgemeinen (Theismus), andere machen nur Sinn im Hinblick auf den christlichen Glauben. Im Wesentlichen sind es drei Argumente, die in mannigfachen Variationen vorgebracht werden.
Ein Standardargument lautet:
1) Gott ist lediglich eine Projektion des menschlichen Geistes.
Diese These richtet sich im Prinzip gegen jede religiöse Gottesvorstellung. Was der Mensch nicht ist, aber zu sein wünscht, das projiziert er gleichsam auf eine überdimensionale transzendente Leinwand. Unerfüllte Sehnsüchte und menschliche Phantasien führen auf diese Weise zur Bildung allerlei Gottesvorstellungen, die aus diesem Grunde allerdings nicht Göttliches, sondern lediglich Menschliches widerspiegeln. Sie reflektieren die menschliche Kondition. Gott ist dieser Auffassung zufolge eine Art verschlüsselte Darstellung des menschlichen Wesens. Der Philosoph Ludwig Feuerbach (1804- 1872), der diese Religionskritik konzipiert und erarbeitet hat, hat diese folgendermaßen zusammengefasst: Theologie ist Anthropologie. D. h. Wissenschaft von Gott ist im Grunde Wissenschaft vom Menschen. Feuerbach wollte seine Projektionstheorie in den Dienst der Emanzipation des Menschen stellen. Der Mensch sollte lernen, Gottesbilder als Spiegelbilder der menschlichen Gattung zu verstehen; er sollte sich also selber darin wieder erkennen. In diesem Zusammenhang spricht Feuerbach davon, dass Religion zur Selbstentfremdung des Menschen geführt habe. Er erwartete darum auch, dass der Mensch die scheinbar göttlichen Eigenschaften als seine eigenen Eigenschaften erkennen und sie für sich wieder einfordern würde. Erst dann sei der Mensch wieder ganz und damit glücklich. Karl Marx (1818-1883) hat diese Projektionstheorie übernommen und sie in seine umfassende Gesellschafts- und Kapitalismus-Kritik eingefügt. Dadurch gelangt er zu einer anderen Deutung von Religion. Religion, so Marx, ist Ausdruck der elenden materiellen und ökonomischen Situation des Menschen. Religion bietet ihm Trost, ohne welchen der Mensch dieses irdische Jammertal nicht ertragen könnte. Aber- Religion ist ein falscher Trost. Religion vertröstet lediglich. Statt sich zu erheben und sein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen, ergibt sich der religiöse Mensch passiv seinem Elend. In Marx‘ Worten: Religion ist Opium des Volkes. (Lenin wird später diesen Satz kämpferisch und kirchenkritisch verändern in; Religion ist Opium für das Volk.) Marx glaubte, mit der Verbesserung der ökonomischen Lage werde die Religion von selber absterben, weil ja ihre Trostfunktion dann hinfällig geworden sei. (In diesem Sinne verkündete der damalige Sowjetpremier Chrustschow einmal anlässlich der Vorstellung eines neuen 5- Jahresplanes für Sowjetwirtschaft, man werde im Jahre 1970 den letzten Christen im Fernsehen zeigen.) Sigmund Freud (1856-1939) griff ebenfalls auf Feuerbachs Theorie zurück. Er erklärt die religiöse Projektion jedoch nicht aus den sozial-ökonomischen Lebensbedingungen der Menschen, sondern vielmehr als Folge der Wirksamkeit bestimmter psychologischer Faktoren. Für Freud war Religion ein neurotisches Phänomen, entstanden aufgrund einer steckengebliebenen Entwicklung, Zeichen von Infantilität. Ausdruck von Nicht-erwachsen-geworden- sein. Der religiöse Mensch ist in Freuds Sicht einer, der nicht den Mut hat. auf eigenen Beinen zu stehen und sich stattdessen wie ein Kind verhält, das noch von seinem Vater abhängig ist. Da aber Freud zufolge, dieser himmlische Vater nicht existiert, beruht Religion auf einer (wenn auch weit verbreiteten) Illusion. Auch hier geht es um das emanzipatorische Interesse, mittels der Psychoanalyse diesen illusorischen Charakter zu durchschauen, um erwachsen werden zu können. In gewisser Hinsicht könnte man in diesem Zusammenhang auch den Namen des bekannten Theologen Karl Barth (1886-1968) erwähnen, der in seiner frühen Periode stark auf den radikalen Unterschied von Religion und (christlichem) Glauben pochte: Religion ist Unglaube. Für Barth ist alle Religion Projektion; d.h. aus dem Menschen hervorgehend, Menschenwerk. Hierin sieht Barth das (relative) Recht der Feuerbachschen Projektionsthese. Der Glaube jedoch kommt von oben, von Gott und ist deshalb keine Projektion. An sich ist der Grundgedanke der Projektionstheorie sehr alt. Schon in der Antike behauptete der Philosoph Xenophanes (ca. 570-477 v.Chr.), die Götter seien lediglich in Übergröße vorgestellte Menschen (.Hätten die Ochsen Götter, würden diese Ochsen gleichen“). Allerdings hatte Xenophanes keineswegs die Absicht, Religion als solche abzuschaffen; vielmehr ging es ihm um die Erkenntnis und Verehrung der wahren Gottheit. Das Göttliche, so Xenophanes, ist völlig anders als alle menschlichen Darstellungen und Vorstellungen davon. Das Göttliche ist rein geistig und darum auch nur dem (philosophischen) Geist zugänglich. Es ist gut, sich die Projektionskritik zuallererst als Selbstkritik zu Herzen zu nehmen. Projektion ist bekannterweise ein allgemein-menschliches Phänomen. Hinter schönen frommen Vorstellungen steckt ja leider allzu oft Eigeninteresse. Irdischen Belangen wird manchmal allzu schnell ein himmlisches Mäntelchen umgehängt. Religion und kirchliches Leben sind keineswegs frei davon. Nachdem dieses zugegeben ist, kann aber nun auf eine Schwachstelle der Projektionsthese hingewiesen werden, sofern diese als Totalkritik der Religion auftritt. Diese Schwachstelle hängt mit dem kritiklos vorausgesetzten Mensch- und Geschichtsbild zusammen. Implizit wird nämlich das Modell einer Verfallsgeschichte hantiert, wonach Religion letztlich als etwas dem menschlichen Wesen zutiefst Fremdes aufgetreten sei. Als ob der gute natürliche Urzustand jener des freien Menschen ohne Religion sei. Solch ein profanes Menschenbild ist jedoch das Produkt unseres neuzeitlichen abendländischen Denkens. Die Philosophen der Aufklärung konnten Religion nur in dem Sinne bejahen, als diese auf die moralische Entscheidungskompetenz des autonomen Menschen reduzierbar ist. Historisch ergibt sich aber ein anderes Bild. Zu allen Zeiten haben Menschen sich im Lichte ihrer Religion und ihrer religiösen Erfahrungen gesehen und verstehen gelernt. Gottesbild und Menschenbild sind immer schon unentwirrbar miteinander verflochten gewesen. Religion war nie etwas Sekundäres, nachträglich Hinzugekommenes. Religion war der Rahmen, innerhalb dessen Menschen sich und ihre Erfahrungen gedeutet haben. Die Geschichte zeigt, dass Religion innerlich immer schon zum Menschen gehörte, vergleichbar etwa der Sprache. Es handelt sich also um einen Anachronismus, wenn man Religion als Illusion auffasst, die durch die Wirksamkeit entgleister psychologischer oder sozial-ökonomischer Zustände den Menschen seiner selbst entfremdet habe. Mit mehr Recht ließe sich Feuerbachs These umdrehen und sagen: Nicht die menschliche Erfahrung bestimmt das Gottesbild, sondern das Gottesbild bestimmt die menschliche Erfahrung. Nicht; Theologie ist Anthropologie, sondern: Anthropologie ist Theologie. Wenn dem so ist, dann könnte der Projektionsverdacht vielleicht einmal auf die atheistische Religionskritik selber zurückfallen. Es ist aber zur Projektionsthese mehr zu sagen als nur diese allgemeine kritische Bemerkung, denn der Begriff der Projektion scheint geeignet zu sein, aus biblischer Sicht die Beziehung zwischen Gott und Menschen zu erhellen. In Gen 1,26 steht: „Lasset uns Menschen machen nach unserem Bild.“ Der Mensch ist nach dem Bilde Gottes geschaffen; er ist Bildträger Gottes, wie es auch ausgedrückt wird. Ohne jetzt exegetisch tiefer auf diese Stelle einzugehen, kann man ihr soviel entnehmen, dass im geschaffenen Menschen etwas von Gott selber erkennbar oder wahrnehmbar sein muss. Der Mensch ist gleichsam eine „Projektion“ Gottes. Der Mensch spiegelt etwas von seinem Schöpfer wider. Liegt in dieser Spiegel-Beziehung nicht der Ursprung dessen, was als religiöses Projektionsvermögen bezeichnet wird? In diesem Sinne gehört dieses Vermögen zur Grundausstattung des Geschöpfes Mensch. Es gehört hinein in die Kommunikationsgemeinschaft mit Gott In einer intakten Gottesbeziehung dient Projizieren demnach der Erkenntnis Gottes. Nun ist aber diese Beziehung nicht mehr intakt, und damit ist auch unsere Projektionstätigkeit gestört und verzerrt. Gen 3 berichtet von dem Bruch, der sich vollzogen hat, und von der damit einhergehenden Verdunkelung unserer Gotteserkenntnis. Wir sehen den Menschen, wie er sich (vergeblich) vor Gott zu verbergen sucht, weil er von Angst und Scham erfasst wird. Wir sehen den Menschen, wie er in seinem Selbsterhaltungstrieb verzweifelt die Schuld und Verantwortung von sich abschiebt. Der erste, dem Adam dabei im grunde die Schuld gibt, ist Gott: „Du hast mir ja selber diese Frau gegeben“ (Gen 3,12). Man kann hier geradezu mitansehen, wie der Selbsterhaltungstrieb sich ein passendes Gottesbild schafft. Das von Gott verliehene Projektionsvermögen wird zur eigenen Entlastung eingesetzt. Von jetzt an ist die Erkenntnis Gottes jedoch fragmentarisch, verzerrt, verstümmelt, doppeldeutig, oft unansehnlich und hässlich, illusorisch, ja falsch. Gibt es einen Ausweg aus dieser Lage? Genau das ist das grosse Thema der Bibel welches in das Evangelium von Jesus Christus mündet. Was immer die Erlösung durch Christus bedeutet, sie bedeutet auch das Ende aller fruchtlosen religiösen Projektionen. Es klinkt, als knüpfe Paulus an die Aussage vom Menschen als nach dem Bild Gottes geschaffen an, wenn er im Zusammenhang mit der auf dem Herzen liegenden Decke, welche nur in Christus weggenommen wird, sagt: „Wir alle aber spiegeln mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden in dasselbe Bild verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie von dem Herrn aus, welcher Geist ist; (2. Kor 3,18) Dies ist Projektion, wie Gott sie gemeint hat. Ein zweites Argument des Atheismus hängt eng mit dem vorhergehenden zusammen, insofern als auch hier das emanzipatorische Anliegen leitend ist. Man sagt:
2) Der Glaube an Gott als den Allmächtigen stellt eine Bedrohung der menschlichen Freiheit dar.
Wenn dieser Gott wirklich existiert, ist der Mensch dann nicht eine blosse Marionette? Ist nicht alles schon von Ewigkeit her vorbestimmt und festgelegt? Lähmt der Glaube an einen solchen Gott nicht jede menschliche Entscheidungsfreude und den Willen zur eigenen Lebensgestaltung? Im Namen der menschlichen Freiheit und Autonomie muß der Glaube an Gott bekämpft werden! Hier wird ein Gegensatz postuliert zwischen dem Gottesglauben und der menschlichen Entscheidungsfreiheit. Es ist entweder – oder. Und weil wir unzweifelhaft die Erfahrung menschlicher Wahl- und Gestaltungsfreiheit machen, muss der Glaube an einen allmächtigen Gott weichen. Es sind weniger rationale Argumente als vielmehr praktische Gründe, die hier vorgebracht werden. Die Erfahrung und die Lebenspraxis werden zum Maßstab für die Gültigkeit und Relevanz religiöser Aussagen. Dieser Ansatz ist bestimmend für unsere westliche Kultur – eine Kultur, die häufig als Erlebnis- und Erfahrungskultur bezeichnet wird, wobei die Kirchen und Gemeinden keineswegs von dieser Entwicklung verschont geblieben sind.
Friedrich Nietzsche (1844-1900), der Philosoph des Nihilismus, sagte: „Wenn es Gott gäbe, wie könnte ich es ertragen, kein Gott zu sein!“ Für Nietzsche gibt es nur eine Instanz, vor welcher sich jeder Wahrheitsanspruch legitimieren muss: das Leben. Im Namen des ,Lebens‘ meinte er, den ,Tod Gottes‘ verkündigen zu müssen. Gott ist ihm eine Chiffre für das Ressentiment gegen das Leben. Ein Ressentiment, das zu Sklavenmoral führt, zur Unterdrückung des freien Willens und des freien Geistes. Erst wenn der Mensch dem Gottesglauben radikal abschwört, kann er sich erheben zu der Höhe des absolut Freien, der kein anderes Gesetz akzeptiert als sein eigenes – das Gesetz des ,Ich will es so‘. Auch an diesem Punkt muss das Christentum Selbstkritisch zugeben, dass Unterdrückung und Unfreiheit allzu oft die kirchliche Agenda bestimmt haben, zusammengefasst in den Stichworten ‚Inquisition‘ und ‚Kreuzzug‘. Darüber hinaus trifft der Vorwurf, der Gottesglaube sei eine Bedrohung der menschlichen Freiheit durchaus auch bestimmte theologische Gottesbilder, z.B. bestimmte Formen der extremen Prädestinationslehre, welche eine deterministische Weltauffassung begünstigt haben.
Obwohl Christen sich auch diese Kritik gewiss zu Herzen nehmen sollten, muss doch zugleich gesagt werden, dass hier Verzerrungen und Entstellungen des biblischen Glaubens vorliegen. Der Gott, den Jesus von Nazareth offenbart hat, ist ein anderer Charakteristisch für diesen Gott ist ja gerade, dass er ein Befreier und Erlöser ist Dies gilt nicht bloss für das Neue Testament, sondern genauso für das Alte Testament. Der Glaube Israels bildete sich um die großen Taten Gottes herum, die Taten von Befreiung und Rettung waren. Das Gesetzbuch für Israel wird eröffnet mit den Worten: .Ich bin der Herr. dein. Gott, der dich aus dem Sklavenhaus befreit hat.“ Gott stellt sich dem Volk als Befreier vor. Dieses Rettungswerk setzt Jesus fort. Sein Leben steht völlig im Zeichen der Befreiung aus Gebundenheit und Besessenheit. Höhepunkt ist das Kreuz Jesu, von dem Christen bekennen, dass in diesem Kreuz unser Heil beschlossen liegt – und damit die Verfassung des neuen Lebens bei Gott. Was zum ersten atheistischen Argument gesagt wurde, muss hier wiederholt werden; Es trifft ein Zerrbild von Gott, aber nicht die biblische Offenbarung. Gott ist nicht eine Bedrohung der menschlichen Freiheit, sondern umgekehrt, Gott ist die Quelle und der Garant dieser Freiheit. „Wen der Sohn frei macht, der ist wirklich frei“, sagt Jesus (Joh 8, 36). Wer Gott vertraut, vertraut der Macht göttlicher Liebe. Der Glaube an den biblischen Gott ist Ausdruck einer Hoffnung, die selbst über den Tod hinausragt.
Das dritte Argument, das häufig gegen den Gottesglauben vorgebracht wird, lautet:
3) Wenn Gott existiert, warum gibt es dann Leiden in der Welt?
Diesem Argument muss sich der Christ stellen, denn es betrifft eine Frage, die vermutlich jedem Gläubigen einmal zu schaffen macht. Nun kann man diese Frage auf hohem theoretischen Niveau behandeln, indem man die logische Struktur und die logischen Implikationen dieses Arguments analysiert. Dieser Aufgabe hat sich etwa der amerikanische Philosoph Alvin Plantinga gewidmet. Er hat zeigen können, dass die Gegenwart von Leiden in der Weit die Existenz eines liebenden Gottes nicht logisch-notwendig ausschliesst. Seine Publikationen haben. nebenbei bemerkt, in der Philosophie die scheinbar schon erledigte Diskussion über die Möglichkeit und Geltung von Gottesbeweisen wieder auf die Agenda gesetzt.
Die Kraft des Obigen Arguments ist aber vielmehr existentieller Art. Nicht die logische Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Glaubens an Gott in einer Welt voll Leiden bereitet uns Mühe, es ist vielmehr unser Mit-Leiden und Mit-Fühlen mit dem leidenden Menschen, das manchmal unerträglich schwer sein kann. Christen sind genauso betroffen und werden genauso getroffen durch Leiden und Schmerz wie andere Menschen auch. Ja, es tritt noch der Aspekt hinzu, dass ein Christ weiss, dass Leiden und Schmerz dem Sinn der Schöpfung widerspricht. Eben zurück zur logischen Seite. Das christliche Bekenntnis, dass Gott Liebe ist. führt angesichts des Leidens in der Welt offenbar in ein Trilemma. Es werden drei Aussagen gemacht, die. so der Einwand, nicht alle drei zugleich wahr sein können: a) Gott ist allmächtig, b) Gott ist Liebe. c) es gibt Leiden in der Welt. Dieses Argument richtet sich gegen die Annahme eines allmächtigen und zugleich liebenden Gottes, also nicht gegen die Existenz Gottes an sich. Das Leiden ist eine unbezweifelbare Tatsache, und Menschen stimmen im allgemeinen darin überein. dass Leiden nicht sein sollte. Warum schafft Gott dann das Leiden nicht ab? Entweder kann er nicht, oder er will nicht. Wenn er nicht kann, dann ist er nicht allmächtig. Dann hilft auch kein Bitten und Flehen, denn er kann einfach nicht helfen. Wenn er nicht will, dann ist er nicht Liebe. Das würde aber bedeuten, dass man nicht auf Gott vertrauen kann. Es entsteht das Bild eines willkürlich handelnden, ja sadistischen Gottes – ein fürchterlicher, beängstigender Gedanke Eine dritte Möglichkeit besteht dann, das Leiden zu bagatellisieren oder zu leugnen. Es gibt religiösphilosophische Strömungen, in welchen das Leiden als blosser Schein aufgefasst wird; allerdings begegnet man in unserer Kultur dieser Vorstellung eher selten.
Das Argument richtet sich also hauptsächlich gegen das christliche Bekenntnis eines allmächtigen liebenden Gottes. Dieses Trilemma (Allmacht, Liebe, Leiden) ist in der Philosophie oft behandelt worden und bekannt unter dem Namen „Theodizee“. Unter Theodizee versteht man den Versuch, Gott angesichts des Leidens in der Welt zu rechtfertigen. Ein berühmter Philosoph, der die Theodizeefrage auf logisch schlüssige Weise zu beantworten suchte, war Gottfried Wilhelm Leibniz(1646-1716). Er kam zu dem Schluss, dass es (auch für Gott) unmöglich sei, eine bessere Welt als die unsrige zu schaffen, denn diese Welt sei „die beste aller möglichen Welten“. Leibniz hat damit eine-oft heftige – Diskussion provoziert.
Warum gibt es Leiden in der Welt? Eine Antwort lautet: Leiden hängt innerlich mit der Freiheit des Menschen zusammen. Wer ein Wesen mit einem freien Willen schafft, der geht das Risiko ein, dass dieses Wesen auch verkehrte Entscheidungen trifft, die dann Leiden nach sich ziehen. So gesehen, würde die Existenz des Leidens und des Bösen in der Welt darauf hinweisen, dass der Mensch tatsächlich mit einem freien Willen geschaffen ist. Im Kern ist dies auch die Sicht der Bibel. Der Mensch ist mit einem freien Willen geschaffen, und das war zugleich der Risikofaktor, d.h. dies barg die Möglichkeit des Sündenfalls in sich.
Die „Warum-Frage“ kann man allerdings auch anders auffassen; nicht um die Existenz des Leidens und des Bösen zu erklären, sondern vielmehr aus der Not heraus, mit diesem Leiden umzugehen und damit fertigzuwerden. Wie kann ich Leiden ertragen? Warum trifft es gerade mich? Gibt es einen Ausweg daraus? Oder bin ich dem Bösen machtlos ausgeliefert? Wo ist Gott, wenn ich leide? Gibt es ein  „Wozu“? Diese und ähnliche Fragen werden auch in der Bibel gestellt. Beispiele sind das Buch Hiob und die Psalmen. Die biblische Antwort auf diese Fragen besteht allerdings nicht in einer umfassenden theoretischen Erklärung, vielmehr sind ihre Antworten eher einem Rettungsring zu vergleichen, der uns zugeworfen wird.
Es sind Antworten, die nicht nur mit dem Verstand angenommen werden wollen, sondern mit unserem ganzen Leben. Gott distanziert sich nicht vom Leiden und vom Leidenden. Im Gegenteil, er hat sich in Jesus Christus hineinbegeben in unser Leiden. Darum finden Gläubige im Leiden und Sterben Jesu Trost, Halt und Kraft im Leiden. Zugleich bekennen wir Christus als den Auferstandenen. In ihm ist die Verheissung, dass das Leiden einmal definitiv vorbei sein wird. Dies ist die Perspektive des letzten Buches der Bibel: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde … und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz“ (Offb 21). Gott wird alle Tränen abwischen.
Ein Christ leugnet nicht die Schwere und das Gewicht des Leidens, aber es ist ihm kein Argument gegen den Glauben an einen allmächtigen und liebenden Gott. Umgekehrt: Gott ist ihm der Bundesgenosse im Kampf und im Widerstand gegen Leiden und Ungerechtigkeit. Gott ist die Kraft der Hoffnung gegen alle Hoffnungslosigkeit. Gegen Sinnlosigkeit und Tod steht das Vertrauen.
Prof. Dr. Gianfranco Schultz (Theologische Beilage zur STH Postille Nr.4/2005)

Kommentar verfassen