Weihnachtsgeschichte: Kam Jesus in einer Krippe zur Welt?
„Als sie [in Bethlehem] waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ (Lk 2, 6-7)
Hesemann: Nun, diese romantische Vorstellung hat nichts mit der Realität zu tun! Bei uns im holzreichen Mitteleuropa wurden Ställe und Krippen natürlich aus Holz gebaut, im holzarmen Palästina war das anders. Als Ställe benutzte man dort natürliche oder künstliche Höhlen, die im Sommer schön kühl und im Winter warm waren. Als Futterkrippen dienten Tröge, die man in die Steinwände schlug.
Wer heute die Höhle unter der Geburtsbasilika in Bethlehem besucht, wird solche Futtertröge dort noch finden. Das Jesuskind wurde also in eine Steinkrippe gelegt! Die Stallhöhle befand sich wahrscheinlich sogar auf dem Weideland, das Maria geerbt hatte. Natürlich wäre Josef nie auf die Idee gekommen, seine schwangere Frau in einer verwanzten Karawanserei im Beisein all der Reisenden gebären zu lassen.
Wo wir „Herberge“ lesen, steht im griechischen Originaltext nicht etwa das entsprechende Wort „pandocheion“, sondern „katályma“, wörtlich übersetzt: „Obergeschoss“. Das konnte der Schlafbereich eines Gasthauses sein, aber auch die Wohnstube eines besseren Bauernhauses; im Erdgeschoss waren die Ställe für die Tiere. In einer solchen „Belletage“ aber durfte nach jüdischem Glauben keine Frau gebären, da sie nach der Geburt eines Sohnes vierzig Tage, bei einer Tochter sogar achtzig Tage lang als „unrein“ galt, während derer man nicht ganze Familien ausquartieren konnte. So zogen sich die Gebärenden in weniger „reine“ Teile des Hauses, etwa in Ställe oder Kellerräume zurück.
Weihnachtsgeschichte: Wurde Jesus wirklich in Bethlehem geboren, wie Matthäus und Lukas berichten?
Hesemann: Davon bin ich überzeugt. Manche Theologen behaupten, dass das eine Legende sei. Schließlich hat Prophet Micha im Alten Testament vorausgesagt, dass der Messias in Bethlehem zur Welt kommen werde. Und um den messianischen Anspruch Jesu zu unterstreichen, hätten die Evangelisten die Fakten ein wenig zurechtgebogen…
Nachweisbar gibt es in Bethlehem eine frühe Tradition, die sich auf eine spezielle Höhle am Rande des Dorfes bezieht. Die wird nicht nur im „Protevangelium“ aus dem 2. Jh. erwähnt, sondern auch um 135 n. Chr. von Justin dem Märtyrer, einem frühen Christen, der aus Palästina stammt. Kurz darauf gibt der römische Kaiser Hadrian einen Erlass heraus, nach dem alle jüdischen und christlichen Heiligtümer dem Heidentum zuzuführen seien. So lässt er ein Jupiterheiligtum auf dem Tempelberg errichten und einen Venustempel über dem Heiligen Grab bauen. In Bethlehem wird die Geburtsgrotte in ein heidnisches Adonisheiligtum umgestaltet; ein klarer Hinweis darauf, welch wichtige Rolle sie damals schon als Pilgerziel der frühen Christen hat. Das ist insofern relevant, weil bis 135 n. Chr. sämtliche christliche Bischöfe Jerusalems sog. „Herrenverwandte“ sind, also Vettern Jesu. Diese „Herrenverwandten“ müssen sich gleich zweimal, unter den Kaisern Domitian und Trajan, vor den römischen Behörden verantworten, die sie eben wegen ihrer Abstammung aus der Königsfamilie für gefährlich halten. Auch die Besatzungsmacht bezweifelt nicht, dass Jesus samt seiner Verwandten aus dem Hause Davids stammt. Der Ursprung der Sippe ist Bethlehem. Offenbar gibt es eine Familientradition, die auch den Ort der Geburt Christi festhält, sodass noch um 220 ein weiterer Autor, Origenes, schreibt: „Was da gezeigt wird, ist in der Gegend bekannt. Selbst die Heiden sagen es jedem, der es hören will, dass in der besagten Höhle ein gewisser Jesus geboren wurde …“ Über dieser Höhle entsteht um 325 die heutige Geburtskirche!
Wer waren die Heiligen Drei Könige aus der Weihnachtsgeschichte? Gab es sie wirklich?
„Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem in Judäa geboren wurde, kamen Sterndeuter … nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“ (Mt 2,1-2)
Hesemann: So leid es mir tut, es hat sie nie gegeben, denn von „Königen“ steht kein Wort im Matthäus-Evangelium: da ist im Originaltext vielmehr von „Magoi“ die Rede. Der Begriff ist in der Antike seit Herodot ganz klar definiert: Magoi sind Angehörige der Priesterkaste des persischen Volkes der Meder, die tatsächlich als sternkundige Orakelpriester galten. Ihre Hauptstadt Ekbatana war sogar von sieben Mauern umgeben, die für die damals bekannten sieben Planeten stehen. So ist es kein Wunder, dass die „Sterndeuter“ selbst in der frühesten Katakombenmalerei in persischer Tracht dargestellt werden.
Doch was haben heidnische Astrologen an der Krippe Jesu gesucht? Die Magoi folgen seit dem 6. Jh. v. Chr. einem eigenen Propheten, Zarathustra. Der hat persischen Quellen nach vorausgesagt, dass eines Tages ein Retter mit dem Namen „Saoshyant“ geboren würde, was wörtlich „Heilbringer“, also Heiland, bedeutet. Er würde von einer Jungfrau geboren, würde das Böse besiegen, Tote erwecken und ein neues Zeitalter einleiten. Sein Kommen würde durch die Geburt eines neuen Sternes angekündigt.
So wies er die Magoi an, nach diesem Stern Ausschau zu halten. Nun standen die antiken Perser in ihrer Religion den Juden sehr nahe. Auch Zarathustra lehrt, es gäbe nur einen Gott. Jüdische Quellen halten ihn für einen Schüler des Propheten Daniel, der zur gleichen Zeit wie Zarathustra am persischen Königshof wirkt, während die Perser glauben, Daniel sei ein Schüler des Zarathustra gewesen. Später gründet Königin Esther in Ekbatana eine jüdische Kolonie. Gleich zweimal, nach der Machtergreifung des Herodes und im 7. Jh. n. Chr., verbünden sich Juden mit den Persern. So kann kein Zweifel bestehen, dass den Magoi die jüdischen Messiaserwartung bekannt gewesen ist. Sie haben genau gewusst, wo sie suchen müssen!
Weihnachtsgeschichte: Gab es den Stern von Bethlehem wirklich?
„Herodes ließ sich von den Sterndeutern genau sagen, wann der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Bethlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige. Nach diesen Worten … machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.“ (Mt 2, 9-10)
Hesemann: Sicher die überraschendste Bestätigung der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus ist der Stern von Bethlehem: Es hat ihn wirklich gegeben. Tatsächlich kommt es seit 7 v. Chr. zu einer Reihe spektakulärer Himmelsphänomene, die nach den Regeln der antiken Astrologie die Geburt eines bemerkenswerten Menschen ankündigen. Da ist zunächst die Saturn-Jupiter-Konjunktion, die einige Forscher für den Stern von Bethlehem halten: Dreimal kommen sich 7 v. Chr. die Planeten sehr nahe. Tatsächlich sahen die Astrologen darin ein Zeichen für die Geburt eines Königs (Jupiter) im „Westland“ (Levante) bzw. bei den Juden, die man für Anbeter des Saturn hält, weil sie den Saturntag (Samstag) heiligen. Dann, 6 v. Chr., wird eine dreifache Konjunktion von Jupiter, Saturn und Mars im Sternbild Fische beobachtet, was auf eine „neue Ära“ hindeuten soll. Am 20. Februar 5 v. Chr. schließlich kommt es zu einer Konjunktion von Mond und Jupiter auf der einen und Saturn und Mars auf der anderen Seite des Nachthimmels: „Ein großer König wird geboren und steigt auf, um über Israel zu herrschen und das Böse zu bekämpfen“, deuten antike Astrologen die Konstellation. Spätestens zu diesem Zeitpunkt müssen die Magoi aufgehorcht haben.
Wenige Wochen später ereignet sich die eigentliche Sensation am Nachthimmel: Im Sternbild Adler flammt eine Supernova auf, wie der britische Astronom Prof. Mark Kidger chinesischen und koreanischen Aufzeichnungen entnimmt. Eine Supernova ist eine Sternenexplosion, doch dem Beobachter erscheint sie wie die Geburt eines Sterns. So findet sich im „Protevangelium“ eine präzise Beschreibung einer Supernova: „Wir sahen einen gewaltigen Stern, der leuchtete unter den anderen Gestirnen auf und ließ ihr Licht erblassen.“ Das ist Mitte März 5 v. Chr.; in eben dem Monat, in den die frühen Christen die Geburt des Herrn datieren.
Für die Magoi, deren Gott Ahura Mazda mit Adlerschwingen dargestellt wird, ist die scheinbare Sternengeburt im Adler ein eindeutiges Zeichen – der Heilbringer muss geboren sein. Die vorausgegangenen Himmelszeichen haben immer wieder auf Israel verwiesen. So setzen sie sich in Bewegung, legen die 1700 Kilometer nach Jerusalem in rund 50 Tagen zurück. Natürlich zieht die Supernova ihnen nicht wirklich voran. Doch nach den Gesetzen der Himmelsmechanik würde ein Stern, der im Osten auftaucht, jede Woche eine halbe Stunde früher am Nachthimmel erscheinen, bis er, nach zwei Monaten, exakt im Süden steht. Als sich die Magoi also Mitte Mai 5 v. Chr. von Jerusalem aus ins südlich gelegene Bethlehem aufmachen, müssen sie den Stern direkt vor sich gehabt haben! Tatsächlich geht aus den chinesischen und koreanischen Aufzeichnungen hervor, dass die Supernova gut neun Wochen lang am Himmel sichtbar gewesen ist – also nur, bis die Sterndeuter Bethlehem erreicht haben! Merkur.de
