25. Mai 1977 – Der erste Film der Science-Fiction-Saga „Star Wars – Krieg der Sterne“ von Regisseur George Lucas startet in den amerikanischen Kinos.


Star Wars als Mythos

“Star Wars ist ein mythologischer Film”, stellt Timo Kozlowski in seinem Artikel auf Telepolis fest. Und gleich danach definiert er, was man unter einer Mythologie zu verstehen habe:

Eine Mythologie ist eine Zusammenstellung der einzelnen Mythen eines Volkes. Diese Mythologie umreißt die allgemein anerkannte Weltanschauung eines kulturellen Raumes. Sie stiftet die Identität der Gruppe und fördert ihren Zusammenhalt. Eine Mythologie stellt deshalb keine Fragen und sie kann nicht in Zweifel gezogen werden können, ohne zugleich auch die Gruppenidentität als Ganzes zu schädigen.

Daß George Lucas mit “Star Wars” einen Mythos schaffen wollte, daran besteht kein Zweifel, und das gibt er auch selbst zu. So sagt er in der Dokumentation “The Empire of Dreams” (Bonus-DVD der DVD-Ausgabe der Episoden IV-VI):

I wanted “Star Wars” to have an epic quality, so I went back to the epics. Whether they are subconscious or unconscious, whatever needs they meet, they are stories that have pleased or provided comfort to people for thousands of years.

Und tatsächlich spricht “Star Wars” die Menschen ähnlich stark an wie es die Ilias – jene klassischste aller Heldensagen, von Homer meisterhaft in Worte gefaßt – seit Jahrtausenden zumindest für die abendländisch geprägten Kulturen vermag – der große Erfolg des Films “Troja” (Wolfgang Petersen, USA 2004) spricht für sich.

Der Schlüssel zum Erfolg

Wenn eine Mythologie, eben weil sie identitätsstiftend ist, gerade nicht zwischen verschiedenen Kulturkreisen austauschbar ist – wie läßt sich dann der immense Erfolg von Star Wars über alle Kulturen und Traditionen hinweg erklären? Auch hier bleibt uns Kozlowski eine Erklärung nicht schuldig: “Weil ‚Star Wars‘ letztlich eine Mythologie ohne Inhalt ist”.

Das ist der Schlüssel zum außergewöhnlichen Erfolg der Filmserie über alle kulturellen Grenzen hinaus. Was Star Wars fehlt, ist der moralische Kern: Gut und böse ist an die helle und die dunkle Seite der Macht geknüpft. Doch letztlich sind sich beide Seiten der Macht sehr ähnlich. Das wird besonders deutlich beim Kampf Yodas gegen Count Dooku (Episode II) und gegen Palpatine im leeren Senat auf Coruscant (Ende von Episode III). Beide bekämpfen sich mit den gleichen Mitteln, wenn auch der eine die helle und der andere die dunkle Seite der Macht nutzt.

Da die Interpretation von Gut und Böse und die Übertragung auf konkrete Personen in der Gegenwart ganz vom jeweiligen Standpunkt abhängt, findet sich jeder wieder (ob Palpatine jetzt der “große Satan in Washington” oder “Osama bin Laden” ist, spielt keine Rolle). “Wenn sich niemand an der Geschichte wirklich stoßen kann, dann kann sich auch jeder mit ihren Figuren identifizieren.” (Timo Kozlowski, telepolis)

Gut gegen Böse

Die Einteilung in Gut und Böse hängt bei Star Wars einzig am Gebrauch der Macht: Wer sich – wie die Jedi-Ritter, nur der hellen Seite der Macht bedient, ist “gut”, wer – wie der Kanzler Palpatine und mit ihm Darth Vader, vorher Count Dooku – auf der dunklen Seite der Macht seine Herrschaft gründet, ist “böse”. Die Macht selbst scheint neutral, sie vereinigt in sich die dunkle und die helle Seite. Und letztlich kommt es auf die Balance zwischen beiden an, um wirklichen Frieden zu schaffen und zu erhalten.

Daß sich die “Guten” dabei nicht immer nach unseren Maßstäben gut verhalten, kommt besonders in Episode III zum Vorschein:

Alle Figuren des Films sind gespalten – im Zwielicht, zwischen Demokratie und Diktatur, Menschheit und Technologie, Gut und Böse, Freiheit und Zwang. Pausenlos müssen die Protagonisten Entscheidungen treffen, offen oder verdeckt, glaubwürdig oder unglaubwürdig. Und es gibt fast keinen Moment in diesem Film, in dem nicht noch der beste Freund seinen besten Freund verdächtigt und bespitzelt… Unterdrückung, Aufspaltung, Hochmut und Demütigung sind die Poren, durch welche die dunkle Seite der Macht in alle eindringt.

Peter V. Brinkemper, Telepolis

Hier zeigt sich auch die Grenze des Konzeptes: Die Macht selbst ist weder gut noch böse, sie vereint beide Seiten in sich. Welche Seite der Protagonist wählt, bleibt seiner Entscheidung vorbehalten. Tatsächlich verändert der Gebrauch der Macht den Menschen – das wird besonders deutlich an Anakin:

Der Übertritt zum Bösen und die Taufe zum Darth Vader ist für Anakin keine rein boshafte, lustvolle Angelegenheit, kein klares politisches, separatistisches oder imperiales Projekt. Sondern Ausdruck elendiger Leere, die Demut des irre werdenden Hochmutes, die Verzweifelung der Dunkelheit und die Desorientierung in der anarchischen Situation einer Republik, deren Name nur noch ein mattes Schlagwort für die sich bekämpfenden Lager darstellt. Anakin … liebt nur noch, haltlos, und deshalb kapituliert er vor dem Bösen, das ihm destruktive Eindeutigkeit verspricht, nämlich alles mögliche zu zerstören, nur seine Liebe und das Objekt der Liebe nicht.

Peter V. Brinkemper, Telepolis

Aber gibt es für ihn eine Möglichkeit, sich doch noch einmal von der dunklen Seite der Macht abzuwenden und aus dem Zugriff des dunklen Sith-Lords Sidious alias Kanzler Palpatine zu retten?

Erlösung durch Selbstopferung

Die Antwort ist schon seit Episode VI und damit seit langer Zeit bekannt: Ja, es gibt eine Erlösung für Anakin alias Darth Vader – dadurch, daß er sein eigenes Leben einsetzt, den Imperator vernichtet und so seinen Sohn Luke rettet. “Durch seine eigene Selbstopferung wird Vader so zum Helden und Retter.” (Wilkinson, S. 150)

Dasselbe Motiv tritt uns schon einmal in Episode IV entgegen: Obi-Wan Kenobi opfert sich selbst, indem er Darth Vader zum Lichtschwert-Duell entgegentritt, um seinen Freunden Luke, Leia und den anderen die Flucht vom Todesstern zu ermöglichen.

Obi-Wan Kenobi gibt sein Leben für die Freiheit der anderen. Sein Tod ist etwas mysteriös, doch er ist nicht das Ende. Eine Art Auferstehung scheint stattzufinden. Dasselbe gilt am Ende für Anakin Skywalker. Seine Selbstopferung rettet Luke und ihn selbst, und auch er erlebt eine Art Auferstehung.

Wilkinson, S. 156

Entscheidend bei beiden ist, daß der konkreten Tat eine bewußte Entscheidung vorausgeht: Das gibt dem Retter die persönliche Verantwortung für sein Tun.

Parallelen und Interpretationen

Star Wars wurde schon von vielen in verschiedener Richtung ausgelegt. Und gerade aufgrund seines Charakters als “Mythos ohne Inhalt”, der letztlich hohl bleibt, eignet es sich hervorragend dazu. Letztlich ist Star Wars ist ein “philosophischer Gemischtwarenladen” (Timo Kozlowski, Telepolis). Der Mythos bedient sich hemmungslos bei den verschiedenen religiösen Systemen und Philosophien. Dabei war, so George Lucas selbst, eine der Hauptinspirationsquellen ein Werk Joseph Campbells (“The Hero with a thousand faces”), in dem dieser die einzelnen Elemente mythischer Erzählungen analysiert und quasi das “Urbild” des Heldenmythos herauskristallisiert.

Ein Epos, eine Heldensaga, wollte Lucas schaffen – und das ist ihm gelungen. Und wer sich darauf einläßt, der wird feststellen, daß in der Handlung Fragen aufgeworfen werden: Fragen nach dem Verhältnis zwischen Gut und Böse, nach unserer persönlichen Entscheidungsfreiheit. Aber Star Wars liefert keine Antworten. Genau das wurde zum Schlüssel für den großen Erfolg, denn so kann jeder, egal aus welchem religiösen oder philosophischen Hintergrund er kommt, die Antworten auf die großen Fragen selbst geben. Aber er muß nicht: Wer sich keine Fragen stellen will, der wird trotzdem gut unterhalten.

Gibt es einen Gott im Star Wars-Universum?

Wird die Frage vor einem christlichen Hintergrund gestellt, ist die Antwort ein klares “Nein”. Es gibt sehrwohl eine transzendente Komponente bei Star Wars – die Macht. Aber diese Macht ist unpersönlich, sie vereinigt in sich Gut und Böse. Damit ist sie noch am ehesten mit den fernöstlichen Ansichten von Ying und Yang als zwei Seiten desselben vergleichbar. Gut und Böse erscheinen auch bei Star Wars als zwei Seiten derselben Macht, die für sich genommen neutral ist. Das Ziel ist eine Balance zwischen beiden Seiten. Solange dieses Gleichgewicht nicht hergestellt ist, wird es immer wieder zum Kampf kommen.

Das steht im klaren Gegensatz zu den Aussagen der Bibel: Der Gott der Bibel ist der souveräne und personale Schöpfer Himmels und der Erde. Er ist nur gut, in ihm ist nicht einmal ein Schatten von Finsternis. Der Teufel als Gegenspieler ist kein Widersacher auf Augenhöhe: Er ist nur ein gefallenes Geschöpf, sein endgültiges Ende stand von Anfang an fest und ist durch den Kreuzestod Jesu besiegelt – hier wurde der endgültige Sieg über den Teufel errungen. Frieden wird nicht durch eine Balance zwischen Gut und Böse erreicht, sondern durch die bewußte Entscheidung für das Gute und die endgültige Vernichtung des Bösen durch Gott selbst.

Die Jedi als esoterisch-buddhistischer Orden

Manches an den Jedi erinnert an das christliche Mönchtum – die Kutte, die strengen Regeln, die Unterteilung in Schüler und vollwertige Mitglieder, die (vermeintliche) Unabhängigkeit von den Umständen, die Verteidigung eherner Prinzipien.

Viele dieser Aspekte sind nicht auf ein christlich geprägtes Mönchtum beschränkt, und die Bedeutung von Meditation, das “sich einlassen” auf die Macht, erinnert eher an Esoterik und Buddhismus denn an christliche Glaubenspraxis.

Das Böse

Das “Böse” ist in der Star Wars-Saga über die Verwendung der dunklen Seite der Macht definiert. Die zentale Identifikationsfigur des Bösen ist der Kanzler und spätere Imperator Palpatine alias Lord Sidious. “Es [ist] wichtig für die Logik der gesamten sechs ‚Star Wars‘-Episoden, dass das Böse eben nicht als ein starrer Pol gegenüber einem eindeutig Guten daher kommt, sondern als Konstellation” (Brinkemper, Telepolis). In den Episoden II und III ist der Ausführungsgehilfe des späteren Imperators der ehemalige Jedi Count Dooku. Am Ende von Episode III nimmt Anakin diese Stelle ein, indem er sich auf die dunkle Seite der Macht einläßt und zu Darth Vader wird. Später soll Luke Skywalker diese Stelle einnehmen, weigert sich aber, nachdem er Darth Vader besiegt hat, diesen umzubringen – und durchbricht damit die schicksalhafte Wiederholung der Ereignisse.

In der “Bekehrung” Anakins zur dunklen Seite der Macht kann man Parallelen zur Verführung des Menschen durch den Teufel sehen, wie sie die Bibel beschreibt. Palpatine käme in einer solchen Übertragung die Rolle Satans zu, der Anakin verführt. Und tatsächlich klingen die Versprechungen Palpatines an die der Schlange im Paradies an: “Ihr werdet sein wie Gott, erkennend Gut und Böse” (1Mose 3,5).

Genauso läßt sich die Parallele zu Goethes “Faust” ziehen: Palpatine hier in der Rolle des Mephisto, der dem nach Macht und Einsicht strebenden Anakin in der Rolle des Faust beides verspricht – und ihn mit der Aussicht ködert, seine größte Angst besiegen zu können: den Verlust Padmés als ihm lieber Person. Anakin hat zwar mit der dunklen Seite der Macht die Möglichkeit, Menschen vom Tod zu bewahren – aber nicht gegen deren Willen (siehe Padmé am Ende von Episode III). Und hier eröffnet sich eine weitere Parallele zum “Faust”: Die letzte Begegnung zwischen den beiden erinnert stark an die letzte Begegnung zwischen Faust und Gretchen – “Heinrich, mir graut vor Dir!” wird hier zu “Ich kenne Dich nicht mehr”.

Selbstaufopferung und Erlösung

Die mit Sicherheit stärkste Parallele zum Christentum liefert das Motiv der Selbsthingabe für die Freunde, das uns mehrfach in der gesamten Geschichte begegnet:

Obi-Wan Kenobi gibt sein Leben für die Freiheit der anderen. Sein Tod ist etwas mysteriös, doch er ist nicht das Ende. Eine Art Auferstehung scheint stattzufinden. Dasselbe gilt am Ende für Anakin Skywalker. Seine Selbstopferung rettet Luke und ihn selbst, und auch er erlebt eine Art Auferstehung.

Wilkinson, S. 156

Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Der Erlöser-Gedanke taucht in vielen anderen Filmen und Sagen ebenfalls auf, ein gerade in christlichen Kreisen dafür bekanntes Beispiel ist der erste Teil der “Matrix”-Trilogie (mit wesentlich weitergehenden Parallelen zur Bibel als das bei Star Wars der Fall ist). Außerdem unterscheiden sich die Erlöser-Figuren in Star Wars doch sehr deutlich vom Messias der Bibel: Während man weder Obi-Wan noch Anakin nachsagen kann, daß sie in ihrem Leben sündlos waren (dasselbe gilt für die meisten anderen Erlöserfiguren in Film und Literatur), trifft das auf Jesus Christus zu. Und es ist gleichzeitig die Voraussetzung für Sein Erlösungshandeln: Nur weil er völlig ohne Sünde war, konnte Er unsere Sünden auf sich nehmen und stellvertretend für uns mit dem Tod dafür bezahlen.

Fazit

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man sich zur Star Wars Saga stellt: Man kann sie als Spinnerei abtun oder davon begeistert sein, man kann sich von den Filmen sehr gut unterhalten lassen und sich an den cineastischen Details erfreuen oder die tiefen Fragen hinter der Handlung suchen.

Tatsache ist: Star Wars ist die erfolgreichste Filmserie aller Zeiten – weit über das Kino hinaus. Und es bietet die Möglichkeit, mit Menschen über die großen Themen des Lebens ins Gespräch zu kommen – vorausgesetzt, sie lassen sich darauf ein. Es gibt sicherlich bessere Filme für diesen Zweck, aber es gibt sicher auch Menschen, bei denen Star Wars gerade richtig ist.

Star Wars ist weit davon entfernt, christliche Inhalte in sich zu vereinen. Der Mythos bedient sich hemmungslos verschiedener religiöser Anleihen, auch aus dem Christentum, und er stellt einer technik- und fortschrittsgläubigen (westlichen) Gesellschaft eine Transzendenz, eine Realität jenseits des rein Materiellen, gegenüber. Damit bedient er unser Verlangen nach Religion, nach einem Sinn hinter der Welt, wie wir sie erfahren können.

Aber es gehört wesentlich zum Konzept und zum Erfolgsgeheimnis von Star Wars dazu, hier stehenzubleiben. Die transzendente Komponente wird lediglich angesprochen, aber nicht mit Inhalt gefüllt. Die Frage nach Sinn und Ziel bleibt unbeantwortet.

Nicht nur den Grund für unser Fragen nach Sinn und Ziel können wir von der Bibel her beantworten (“auch die Ewigkeit hat Gott in das Herz der Menschen gelegt”, Pred 3,11) – die Bibel gibt auch Antworten auf diese grundlegenden Fragen des Lebens. Und an dieser Stelle sind wir als Christen gefragt, unseren Glauben authentisch zu leben, Suchenden und Fragenden Rede und Antwort zu stehen und ihnen ein Wegweiser zu sein.

Literatur

Wilkinson, David (2001): Möge die Macht mit uns sein. Die spirituelle Sehnsucht in den Star Wars-Filmen. Brunnen Verlag, Basel und GießenTill


Star Wars als Mythos

“Star Wars ist ein mythologischer Film”, stellt Timo Kozlowski in seinem Artikel auf Telepolis fest. Und gleich danach definiert er, was man unter einer Mythologie zu verstehen habe:

Eine Mythologie ist eine Zusammenstellung der einzelnen Mythen eines Volkes. Diese Mythologie umreißt die allgemein anerkannte Weltanschauung eines kulturellen Raumes. Sie stiftet die Identität der Gruppe und fördert ihren Zusammenhalt. Eine Mythologie stellt deshalb keine Fragen und sie kann nicht in Zweifel gezogen werden können, ohne zugleich auch die Gruppenidentität als Ganzes zu schädigen.

Daß George Lucas mit “Star Wars” einen Mythos schaffen wollte, daran besteht kein Zweifel, und das gibt er auch selbst zu. So sagt er in der Dokumentation “The Empire of Dreams” (Bonus-DVD der DVD-Ausgabe der Episoden IV-VI):

I wanted “Star Wars” to have an epic quality, so I went back to the epics. Whether they are subconscious or unconscious, whatever needs they meet, they are stories that have pleased or provided comfort to people for thousands of years.

Und tatsächlich spricht “Star Wars” die Menschen ähnlich stark an wie es die Ilias – jene klassischste aller Heldensagen, von Homer meisterhaft in Worte gefaßt – seit Jahrtausenden zumindest für die abendländisch geprägten Kulturen vermag – der große Erfolg des Films “Troja” (Wolfgang Petersen, USA 2004) spricht für sich.

Der Schlüssel zum Erfolg

Wenn eine Mythologie, eben weil sie identitätsstiftend ist, gerade nicht zwischen verschiedenen Kulturkreisen austauschbar ist – wie läßt sich dann der immense Erfolg von Star Wars über alle Kulturen und Traditionen hinweg erklären? Auch hier bleibt uns Kozlowski eine Erklärung nicht schuldig: “Weil ‚Star Wars‘ letztlich eine Mythologie ohne Inhalt ist”.

Das ist der Schlüssel zum außergewöhnlichen Erfolg der Filmserie über alle kulturellen Grenzen hinaus. Was Star Wars fehlt, ist der moralische Kern: Gut und böse ist an die helle und die dunkle Seite der Macht geknüpft. Doch letztlich sind sich beide Seiten der Macht sehr ähnlich. Das wird besonders deutlich beim Kampf Yodas gegen Count Dooku (Episode II) und gegen Palpatine im leeren Senat auf Coruscant (Ende von Episode III). Beide bekämpfen sich mit den gleichen Mitteln, wenn auch der eine die helle und der andere die dunkle Seite der Macht nutzt.

Da die Interpretation von Gut und Böse und die Übertragung auf konkrete Personen in der Gegenwart ganz vom jeweiligen Standpunkt abhängt, findet sich jeder wieder (ob Palpatine jetzt der “große Satan in Washington” oder “Osama bin Laden” ist, spielt keine Rolle). “Wenn sich niemand an der Geschichte wirklich stoßen kann, dann kann sich auch jeder mit ihren Figuren identifizieren.” (Timo Kozlowski, telepolis)

Gut gegen Böse

Die Einteilung in Gut und Böse hängt bei Star Wars einzig am Gebrauch der Macht: Wer sich – wie die Jedi-Ritter, nur der hellen Seite der Macht bedient, ist “gut”, wer – wie der Kanzler Palpatine und mit ihm Darth Vader, vorher Count Dooku – auf der dunklen Seite der Macht seine Herrschaft gründet, ist “böse”. Die Macht selbst scheint neutral, sie vereinigt in sich die dunkle und die helle Seite. Und letztlich kommt es auf die Balance zwischen beiden an, um wirklichen Frieden zu schaffen und zu erhalten.

Daß sich die “Guten” dabei nicht immer nach unseren Maßstäben gut verhalten, kommt besonders in Episode III zum Vorschein:

Alle Figuren des Films sind gespalten – im Zwielicht, zwischen Demokratie und Diktatur, Menschheit und Technologie, Gut und Böse, Freiheit und Zwang. Pausenlos müssen die Protagonisten Entscheidungen treffen, offen oder verdeckt, glaubwürdig oder unglaubwürdig. Und es gibt fast keinen Moment in diesem Film, in dem nicht noch der beste Freund seinen besten Freund verdächtigt und bespitzelt… Unterdrückung, Aufspaltung, Hochmut und Demütigung sind die Poren, durch welche die dunkle Seite der Macht in alle eindringt.

Peter V. Brinkemper, Telepolis

Hier zeigt sich auch die Grenze des Konzeptes: Die Macht selbst ist weder gut noch böse, sie vereint beide Seiten in sich. Welche Seite der Protagonist wählt, bleibt seiner Entscheidung vorbehalten. Tatsächlich verändert der Gebrauch der Macht den Menschen – das wird besonders deutlich an Anakin:

Der Übertritt zum Bösen und die Taufe zum Darth Vader ist für Anakin keine rein boshafte, lustvolle Angelegenheit, kein klares politisches, separatistisches oder imperiales Projekt. Sondern Ausdruck elendiger Leere, die Demut des irre werdenden Hochmutes, die Verzweifelung der Dunkelheit und die Desorientierung in der anarchischen Situation einer Republik, deren Name nur noch ein mattes Schlagwort für die sich bekämpfenden Lager darstellt. Anakin … liebt nur noch, haltlos, und deshalb kapituliert er vor dem Bösen, das ihm destruktive Eindeutigkeit verspricht, nämlich alles mögliche zu zerstören, nur seine Liebe und das Objekt der Liebe nicht.

Peter V. Brinkemper, Telepolis

Aber gibt es für ihn eine Möglichkeit, sich doch noch einmal von der dunklen Seite der Macht abzuwenden und aus dem Zugriff des dunklen Sith-Lords Sidious alias Kanzler Palpatine zu retten?

Erlösung durch Selbstopferung

Die Antwort ist schon seit Episode VI und damit seit langer Zeit bekannt: Ja, es gibt eine Erlösung für Anakin alias Darth Vader – dadurch, daß er sein eigenes Leben einsetzt, den Imperator vernichtet und so seinen Sohn Luke rettet. “Durch seine eigene Selbstopferung wird Vader so zum Helden und Retter.” (Wilkinson, S. 150)

Dasselbe Motiv tritt uns schon einmal in Episode IV entgegen: Obi-Wan Kenobi opfert sich selbst, indem er Darth Vader zum Lichtschwert-Duell entgegentritt, um seinen Freunden Luke, Leia und den anderen die Flucht vom Todesstern zu ermöglichen.

Obi-Wan Kenobi gibt sein Leben für die Freiheit der anderen. Sein Tod ist etwas mysteriös, doch er ist nicht das Ende. Eine Art Auferstehung scheint stattzufinden. Dasselbe gilt am Ende für Anakin Skywalker. Seine Selbstopferung rettet Luke und ihn selbst, und auch er erlebt eine Art Auferstehung.

Wilkinson, S. 156

Entscheidend bei beiden ist, daß der konkreten Tat eine bewußte Entscheidung vorausgeht: Das gibt dem Retter die persönliche Verantwortung für sein Tun.

Parallelen und Interpretationen

Star Wars wurde schon von vielen in verschiedener Richtung ausgelegt. Und gerade aufgrund seines Charakters als “Mythos ohne Inhalt”, der letztlich hohl bleibt, eignet es sich hervorragend dazu. Letztlich ist Star Wars ist ein “philosophischer Gemischtwarenladen” (Timo Kozlowski, Telepolis). Der Mythos bedient sich hemmungslos bei den verschiedenen religiösen Systemen und Philosophien. Dabei war, so George Lucas selbst, eine der Hauptinspirationsquellen ein Werk Joseph Campbells (“The Hero with a thousand faces”), in dem dieser die einzelnen Elemente mythischer Erzählungen analysiert und quasi das “Urbild” des Heldenmythos herauskristallisiert.

Ein Epos, eine Heldensaga, wollte Lucas schaffen – und das ist ihm gelungen. Und wer sich darauf einläßt, der wird feststellen, daß in der Handlung Fragen aufgeworfen werden: Fragen nach dem Verhältnis zwischen Gut und Böse, nach unserer persönlichen Entscheidungsfreiheit. Aber Star Wars liefert keine Antworten. Genau das wurde zum Schlüssel für den großen Erfolg, denn so kann jeder, egal aus welchem religiösen oder philosophischen Hintergrund er kommt, die Antworten auf die großen Fragen selbst geben. Aber er muß nicht: Wer sich keine Fragen stellen will, der wird trotzdem gut unterhalten.

Gibt es einen Gott im Star Wars-Universum?

Wird die Frage vor einem christlichen Hintergrund gestellt, ist die Antwort ein klares “Nein”. Es gibt sehrwohl eine transzendente Komponente bei Star Wars – die Macht. Aber diese Macht ist unpersönlich, sie vereinigt in sich Gut und Böse. Damit ist sie noch am ehesten mit den fernöstlichen Ansichten von Ying und Yang als zwei Seiten desselben vergleichbar. Gut und Böse erscheinen auch bei Star Wars als zwei Seiten derselben Macht, die für sich genommen neutral ist. Das Ziel ist eine Balance zwischen beiden Seiten. Solange dieses Gleichgewicht nicht hergestellt ist, wird es immer wieder zum Kampf kommen.

Das steht im klaren Gegensatz zu den Aussagen der Bibel: Der Gott der Bibel ist der souveräne und personale Schöpfer Himmels und der Erde. Er ist nur gut, in ihm ist nicht einmal ein Schatten von Finsternis. Der Teufel als Gegenspieler ist kein Widersacher auf Augenhöhe: Er ist nur ein gefallenes Geschöpf, sein endgültiges Ende stand von Anfang an fest und ist durch den Kreuzestod Jesu besiegelt – hier wurde der endgültige Sieg über den Teufel errungen. Frieden wird nicht durch eine Balance zwischen Gut und Böse erreicht, sondern durch die bewußte Entscheidung für das Gute und die endgültige Vernichtung des Bösen durch Gott selbst.

Die Jedi als esoterisch-buddhistischer Orden

Manches an den Jedi erinnert an das christliche Mönchtum – die Kutte, die strengen Regeln, die Unterteilung in Schüler und vollwertige Mitglieder, die (vermeintliche) Unabhängigkeit von den Umständen, die Verteidigung eherner Prinzipien.

Viele dieser Aspekte sind nicht auf ein christlich geprägtes Mönchtum beschränkt, und die Bedeutung von Meditation, das “sich einlassen” auf die Macht, erinnert eher an Esoterik und Buddhismus denn an christliche Glaubenspraxis.

Das Böse

Das “Böse” ist in der Star Wars-Saga über die Verwendung der dunklen Seite der Macht definiert. Die zentale Identifikationsfigur des Bösen ist der Kanzler und spätere Imperator Palpatine alias Lord Sidious. “Es [ist] wichtig für die Logik der gesamten sechs ‚Star Wars‘-Episoden, dass das Böse eben nicht als ein starrer Pol gegenüber einem eindeutig Guten daher kommt, sondern als Konstellation” (Brinkemper, Telepolis). In den Episoden II und III ist der Ausführungsgehilfe des späteren Imperators der ehemalige Jedi Count Dooku. Am Ende von Episode III nimmt Anakin diese Stelle ein, indem er sich auf die dunkle Seite der Macht einläßt und zu Darth Vader wird. Später soll Luke Skywalker diese Stelle einnehmen, weigert sich aber, nachdem er Darth Vader besiegt hat, diesen umzubringen – und durchbricht damit die schicksalhafte Wiederholung der Ereignisse.

In der “Bekehrung” Anakins zur dunklen Seite der Macht kann man Parallelen zur Verführung des Menschen durch den Teufel sehen, wie sie die Bibel beschreibt. Palpatine käme in einer solchen Übertragung die Rolle Satans zu, der Anakin verführt. Und tatsächlich klingen die Versprechungen Palpatines an die der Schlange im Paradies an: “Ihr werdet sein wie Gott, erkennend Gut und Böse” (1Mose 3,5).

Genauso läßt sich die Parallele zu Goethes “Faust” ziehen: Palpatine hier in der Rolle des Mephisto, der dem nach Macht und Einsicht strebenden Anakin in der Rolle des Faust beides verspricht – und ihn mit der Aussicht ködert, seine größte Angst besiegen zu können: den Verlust Padmés als ihm lieber Person. Anakin hat zwar mit der dunklen Seite der Macht die Möglichkeit, Menschen vom Tod zu bewahren – aber nicht gegen deren Willen (siehe Padmé am Ende von Episode III). Und hier eröffnet sich eine weitere Parallele zum “Faust”: Die letzte Begegnung zwischen den beiden erinnert stark an die letzte Begegnung zwischen Faust und Gretchen – “Heinrich, mir graut vor Dir!” wird hier zu “Ich kenne Dich nicht mehr”.

Selbstaufopferung und Erlösung

Die mit Sicherheit stärkste Parallele zum Christentum liefert das Motiv der Selbsthingabe für die Freunde, das uns mehrfach in der gesamten Geschichte begegnet:

Obi-Wan Kenobi gibt sein Leben für die Freiheit der anderen. Sein Tod ist etwas mysteriös, doch er ist nicht das Ende. Eine Art Auferstehung scheint stattzufinden. Dasselbe gilt am Ende für Anakin Skywalker. Seine Selbstopferung rettet Luke und ihn selbst, und auch er erlebt eine Art Auferstehung.

Wilkinson, S. 156

Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Der Erlöser-Gedanke taucht in vielen anderen Filmen und Sagen ebenfalls auf, ein gerade in christlichen Kreisen dafür bekanntes Beispiel ist der erste Teil der “Matrix”-Trilogie (mit wesentlich weitergehenden Parallelen zur Bibel als das bei Star Wars der Fall ist). Außerdem unterscheiden sich die Erlöser-Figuren in Star Wars doch sehr deutlich vom Messias der Bibel: Während man weder Obi-Wan noch Anakin nachsagen kann, daß sie in ihrem Leben sündlos waren (dasselbe gilt für die meisten anderen Erlöserfiguren in Film und Literatur), trifft das auf Jesus Christus zu. Und es ist gleichzeitig die Voraussetzung für Sein Erlösungshandeln: Nur weil er völlig ohne Sünde war, konnte Er unsere Sünden auf sich nehmen und stellvertretend für uns mit dem Tod dafür bezahlen.

Fazit

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man sich zur Star Wars Saga stellt: Man kann sie als Spinnerei abtun oder davon begeistert sein, man kann sich von den Filmen sehr gut unterhalten lassen und sich an den cineastischen Details erfreuen oder die tiefen Fragen hinter der Handlung suchen.

Tatsache ist: Star Wars ist die erfolgreichste Filmserie aller Zeiten – weit über das Kino hinaus. Und es bietet die Möglichkeit, mit Menschen über die großen Themen des Lebens ins Gespräch zu kommen – vorausgesetzt, sie lassen sich darauf ein. Es gibt sicherlich bessere Filme für diesen Zweck, aber es gibt sicher auch Menschen, bei denen Star Wars gerade richtig ist.

Star Wars ist weit davon entfernt, christliche Inhalte in sich zu vereinen. Der Mythos bedient sich hemmungslos verschiedener religiöser Anleihen, auch aus dem Christentum, und er stellt einer technik- und fortschrittsgläubigen (westlichen) Gesellschaft eine Transzendenz, eine Realität jenseits des rein Materiellen, gegenüber. Damit bedient er unser Verlangen nach Religion, nach einem Sinn hinter der Welt, wie wir sie erfahren können.

Aber es gehört wesentlich zum Konzept und zum Erfolgsgeheimnis von Star Wars dazu, hier stehenzubleiben. Die transzendente Komponente wird lediglich angesprochen, aber nicht mit Inhalt gefüllt. Die Frage nach Sinn und Ziel bleibt unbeantwortet.

Nicht nur den Grund für unser Fragen nach Sinn und Ziel können wir von der Bibel her beantworten (“auch die Ewigkeit hat Gott in das Herz der Menschen gelegt”, Pred 3,11) – die Bibel gibt auch Antworten auf diese grundlegenden Fragen des Lebens. Und an dieser Stelle sind wir als Christen gefragt, unseren Glauben authentisch zu leben, Suchenden und Fragenden Rede und Antwort zu stehen und ihnen ein Wegweiser zu sein.

Literatur

Wilkinson, David (2001): Möge die Macht mit uns sein. Die spirituelle Sehnsucht in den Star Wars-Filmen. Brunnen Verlag, Basel und GießenTill


Star Wars als Mythos

“Star Wars ist ein mythologischer Film”, stellt Timo Kozlowski in seinem Artikel auf Telepolis fest. Und gleich danach definiert er, was man unter einer Mythologie zu verstehen habe:

Eine Mythologie ist eine Zusammenstellung der einzelnen Mythen eines Volkes. Diese Mythologie umreißt die allgemein anerkannte Weltanschauung eines kulturellen Raumes. Sie stiftet die Identität der Gruppe und fördert ihren Zusammenhalt. Eine Mythologie stellt deshalb keine Fragen und sie kann nicht in Zweifel gezogen werden können, ohne zugleich auch die Gruppenidentität als Ganzes zu schädigen.

Daß George Lucas mit “Star Wars” einen Mythos schaffen wollte, daran besteht kein Zweifel, und das gibt er auch selbst zu. So sagt er in der Dokumentation “The Empire of Dreams” (Bonus-DVD der DVD-Ausgabe der Episoden IV-VI):

I wanted “Star Wars” to have an epic quality, so I went back to the epics. Whether they are subconscious or unconscious, whatever needs they meet, they are stories that have pleased or provided comfort to people for thousands of years.

Und tatsächlich spricht “Star Wars” die Menschen ähnlich stark an wie es die Ilias – jene klassischste aller Heldensagen, von Homer meisterhaft in Worte gefaßt – seit Jahrtausenden zumindest für die abendländisch geprägten Kulturen vermag – der große Erfolg des Films “Troja” (Wolfgang Petersen, USA 2004) spricht für sich.

Der Schlüssel zum Erfolg

Wenn eine Mythologie, eben weil sie identitätsstiftend ist, gerade nicht zwischen verschiedenen Kulturkreisen austauschbar ist – wie läßt sich dann der immense Erfolg von Star Wars über alle Kulturen und Traditionen hinweg erklären? Auch hier bleibt uns Kozlowski eine Erklärung nicht schuldig: “Weil ‚Star Wars‘ letztlich eine Mythologie ohne Inhalt ist”.

Das ist der Schlüssel zum außergewöhnlichen Erfolg der Filmserie über alle kulturellen Grenzen hinaus. Was Star Wars fehlt, ist der moralische Kern: Gut und böse ist an die helle und die dunkle Seite der Macht geknüpft. Doch letztlich sind sich beide Seiten der Macht sehr ähnlich. Das wird besonders deutlich beim Kampf Yodas gegen Count Dooku (Episode II) und gegen Palpatine im leeren Senat auf Coruscant (Ende von Episode III). Beide bekämpfen sich mit den gleichen Mitteln, wenn auch der eine die helle und der andere die dunkle Seite der Macht nutzt.

Da die Interpretation von Gut und Böse und die Übertragung auf konkrete Personen in der Gegenwart ganz vom jeweiligen Standpunkt abhängt, findet sich jeder wieder (ob Palpatine jetzt der “große Satan in Washington” oder “Osama bin Laden” ist, spielt keine Rolle). “Wenn sich niemand an der Geschichte wirklich stoßen kann, dann kann sich auch jeder mit ihren Figuren identifizieren.” (Timo Kozlowski, telepolis)

Gut gegen Böse

Die Einteilung in Gut und Böse hängt bei Star Wars einzig am Gebrauch der Macht: Wer sich – wie die Jedi-Ritter, nur der hellen Seite der Macht bedient, ist “gut”, wer – wie der Kanzler Palpatine und mit ihm Darth Vader, vorher Count Dooku – auf der dunklen Seite der Macht seine Herrschaft gründet, ist “böse”. Die Macht selbst scheint neutral, sie vereinigt in sich die dunkle und die helle Seite. Und letztlich kommt es auf die Balance zwischen beiden an, um wirklichen Frieden zu schaffen und zu erhalten.

Daß sich die “Guten” dabei nicht immer nach unseren Maßstäben gut verhalten, kommt besonders in Episode III zum Vorschein:

Alle Figuren des Films sind gespalten – im Zwielicht, zwischen Demokratie und Diktatur, Menschheit und Technologie, Gut und Böse, Freiheit und Zwang. Pausenlos müssen die Protagonisten Entscheidungen treffen, offen oder verdeckt, glaubwürdig oder unglaubwürdig. Und es gibt fast keinen Moment in diesem Film, in dem nicht noch der beste Freund seinen besten Freund verdächtigt und bespitzelt… Unterdrückung, Aufspaltung, Hochmut und Demütigung sind die Poren, durch welche die dunkle Seite der Macht in alle eindringt.

Peter V. Brinkemper, Telepolis

Hier zeigt sich auch die Grenze des Konzeptes: Die Macht selbst ist weder gut noch böse, sie vereint beide Seiten in sich. Welche Seite der Protagonist wählt, bleibt seiner Entscheidung vorbehalten. Tatsächlich verändert der Gebrauch der Macht den Menschen – das wird besonders deutlich an Anakin:

Der Übertritt zum Bösen und die Taufe zum Darth Vader ist für Anakin keine rein boshafte, lustvolle Angelegenheit, kein klares politisches, separatistisches oder imperiales Projekt. Sondern Ausdruck elendiger Leere, die Demut des irre werdenden Hochmutes, die Verzweifelung der Dunkelheit und die Desorientierung in der anarchischen Situation einer Republik, deren Name nur noch ein mattes Schlagwort für die sich bekämpfenden Lager darstellt. Anakin … liebt nur noch, haltlos, und deshalb kapituliert er vor dem Bösen, das ihm destruktive Eindeutigkeit verspricht, nämlich alles mögliche zu zerstören, nur seine Liebe und das Objekt der Liebe nicht.

Peter V. Brinkemper, Telepolis

Aber gibt es für ihn eine Möglichkeit, sich doch noch einmal von der dunklen Seite der Macht abzuwenden und aus dem Zugriff des dunklen Sith-Lords Sidious alias Kanzler Palpatine zu retten?

Erlösung durch Selbstopferung

Die Antwort ist schon seit Episode VI und damit seit langer Zeit bekannt: Ja, es gibt eine Erlösung für Anakin alias Darth Vader – dadurch, daß er sein eigenes Leben einsetzt, den Imperator vernichtet und so seinen Sohn Luke rettet. “Durch seine eigene Selbstopferung wird Vader so zum Helden und Retter.” (Wilkinson, S. 150)

Dasselbe Motiv tritt uns schon einmal in Episode IV entgegen: Obi-Wan Kenobi opfert sich selbst, indem er Darth Vader zum Lichtschwert-Duell entgegentritt, um seinen Freunden Luke, Leia und den anderen die Flucht vom Todesstern zu ermöglichen.

Obi-Wan Kenobi gibt sein Leben für die Freiheit der anderen. Sein Tod ist etwas mysteriös, doch er ist nicht das Ende. Eine Art Auferstehung scheint stattzufinden. Dasselbe gilt am Ende für Anakin Skywalker. Seine Selbstopferung rettet Luke und ihn selbst, und auch er erlebt eine Art Auferstehung.

Wilkinson, S. 156

Entscheidend bei beiden ist, daß der konkreten Tat eine bewußte Entscheidung vorausgeht: Das gibt dem Retter die persönliche Verantwortung für sein Tun.

Parallelen und Interpretationen

Star Wars wurde schon von vielen in verschiedener Richtung ausgelegt. Und gerade aufgrund seines Charakters als “Mythos ohne Inhalt”, der letztlich hohl bleibt, eignet es sich hervorragend dazu. Letztlich ist Star Wars ist ein “philosophischer Gemischtwarenladen” (Timo Kozlowski, Telepolis). Der Mythos bedient sich hemmungslos bei den verschiedenen religiösen Systemen und Philosophien. Dabei war, so George Lucas selbst, eine der Hauptinspirationsquellen ein Werk Joseph Campbells (“The Hero with a thousand faces”), in dem dieser die einzelnen Elemente mythischer Erzählungen analysiert und quasi das “Urbild” des Heldenmythos herauskristallisiert.

Ein Epos, eine Heldensaga, wollte Lucas schaffen – und das ist ihm gelungen. Und wer sich darauf einläßt, der wird feststellen, daß in der Handlung Fragen aufgeworfen werden: Fragen nach dem Verhältnis zwischen Gut und Böse, nach unserer persönlichen Entscheidungsfreiheit. Aber Star Wars liefert keine Antworten. Genau das wurde zum Schlüssel für den großen Erfolg, denn so kann jeder, egal aus welchem religiösen oder philosophischen Hintergrund er kommt, die Antworten auf die großen Fragen selbst geben. Aber er muß nicht: Wer sich keine Fragen stellen will, der wird trotzdem gut unterhalten.

Gibt es einen Gott im Star Wars-Universum?

Wird die Frage vor einem christlichen Hintergrund gestellt, ist die Antwort ein klares “Nein”. Es gibt sehrwohl eine transzendente Komponente bei Star Wars – die Macht. Aber diese Macht ist unpersönlich, sie vereinigt in sich Gut und Böse. Damit ist sie noch am ehesten mit den fernöstlichen Ansichten von Ying und Yang als zwei Seiten desselben vergleichbar. Gut und Böse erscheinen auch bei Star Wars als zwei Seiten derselben Macht, die für sich genommen neutral ist. Das Ziel ist eine Balance zwischen beiden Seiten. Solange dieses Gleichgewicht nicht hergestellt ist, wird es immer wieder zum Kampf kommen.

Das steht im klaren Gegensatz zu den Aussagen der Bibel: Der Gott der Bibel ist der souveräne und personale Schöpfer Himmels und der Erde. Er ist nur gut, in ihm ist nicht einmal ein Schatten von Finsternis. Der Teufel als Gegenspieler ist kein Widersacher auf Augenhöhe: Er ist nur ein gefallenes Geschöpf, sein endgültiges Ende stand von Anfang an fest und ist durch den Kreuzestod Jesu besiegelt – hier wurde der endgültige Sieg über den Teufel errungen. Frieden wird nicht durch eine Balance zwischen Gut und Böse erreicht, sondern durch die bewußte Entscheidung für das Gute und die endgültige Vernichtung des Bösen durch Gott selbst.

Die Jedi als esoterisch-buddhistischer Orden

Manches an den Jedi erinnert an das christliche Mönchtum – die Kutte, die strengen Regeln, die Unterteilung in Schüler und vollwertige Mitglieder, die (vermeintliche) Unabhängigkeit von den Umständen, die Verteidigung eherner Prinzipien.

Viele dieser Aspekte sind nicht auf ein christlich geprägtes Mönchtum beschränkt, und die Bedeutung von Meditation, das “sich einlassen” auf die Macht, erinnert eher an Esoterik und Buddhismus denn an christliche Glaubenspraxis.

Das Böse

Das “Böse” ist in der Star Wars-Saga über die Verwendung der dunklen Seite der Macht definiert. Die zentale Identifikationsfigur des Bösen ist der Kanzler und spätere Imperator Palpatine alias Lord Sidious. “Es [ist] wichtig für die Logik der gesamten sechs ‚Star Wars‘-Episoden, dass das Böse eben nicht als ein starrer Pol gegenüber einem eindeutig Guten daher kommt, sondern als Konstellation” (Brinkemper, Telepolis). In den Episoden II und III ist der Ausführungsgehilfe des späteren Imperators der ehemalige Jedi Count Dooku. Am Ende von Episode III nimmt Anakin diese Stelle ein, indem er sich auf die dunkle Seite der Macht einläßt und zu Darth Vader wird. Später soll Luke Skywalker diese Stelle einnehmen, weigert sich aber, nachdem er Darth Vader besiegt hat, diesen umzubringen – und durchbricht damit die schicksalhafte Wiederholung der Ereignisse.

In der “Bekehrung” Anakins zur dunklen Seite der Macht kann man Parallelen zur Verführung des Menschen durch den Teufel sehen, wie sie die Bibel beschreibt. Palpatine käme in einer solchen Übertragung die Rolle Satans zu, der Anakin verführt. Und tatsächlich klingen die Versprechungen Palpatines an die der Schlange im Paradies an: “Ihr werdet sein wie Gott, erkennend Gut und Böse” (1Mose 3,5).

Genauso läßt sich die Parallele zu Goethes “Faust” ziehen: Palpatine hier in der Rolle des Mephisto, der dem nach Macht und Einsicht strebenden Anakin in der Rolle des Faust beides verspricht – und ihn mit der Aussicht ködert, seine größte Angst besiegen zu können: den Verlust Padmés als ihm lieber Person. Anakin hat zwar mit der dunklen Seite der Macht die Möglichkeit, Menschen vom Tod zu bewahren – aber nicht gegen deren Willen (siehe Padmé am Ende von Episode III). Und hier eröffnet sich eine weitere Parallele zum “Faust”: Die letzte Begegnung zwischen den beiden erinnert stark an die letzte Begegnung zwischen Faust und Gretchen – “Heinrich, mir graut vor Dir!” wird hier zu “Ich kenne Dich nicht mehr”.

Selbstaufopferung und Erlösung

Die mit Sicherheit stärkste Parallele zum Christentum liefert das Motiv der Selbsthingabe für die Freunde, das uns mehrfach in der gesamten Geschichte begegnet:

Obi-Wan Kenobi gibt sein Leben für die Freiheit der anderen. Sein Tod ist etwas mysteriös, doch er ist nicht das Ende. Eine Art Auferstehung scheint stattzufinden. Dasselbe gilt am Ende für Anakin Skywalker. Seine Selbstopferung rettet Luke und ihn selbst, und auch er erlebt eine Art Auferstehung.

Wilkinson, S. 156

Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Der Erlöser-Gedanke taucht in vielen anderen Filmen und Sagen ebenfalls auf, ein gerade in christlichen Kreisen dafür bekanntes Beispiel ist der erste Teil der “Matrix”-Trilogie (mit wesentlich weitergehenden Parallelen zur Bibel als das bei Star Wars der Fall ist). Außerdem unterscheiden sich die Erlöser-Figuren in Star Wars doch sehr deutlich vom Messias der Bibel: Während man weder Obi-Wan noch Anakin nachsagen kann, daß sie in ihrem Leben sündlos waren (dasselbe gilt für die meisten anderen Erlöserfiguren in Film und Literatur), trifft das auf Jesus Christus zu. Und es ist gleichzeitig die Voraussetzung für Sein Erlösungshandeln: Nur weil er völlig ohne Sünde war, konnte Er unsere Sünden auf sich nehmen und stellvertretend für uns mit dem Tod dafür bezahlen.

Fazit

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man sich zur Star Wars Saga stellt: Man kann sie als Spinnerei abtun oder davon begeistert sein, man kann sich von den Filmen sehr gut unterhalten lassen und sich an den cineastischen Details erfreuen oder die tiefen Fragen hinter der Handlung suchen.

Tatsache ist: Star Wars ist die erfolgreichste Filmserie aller Zeiten – weit über das Kino hinaus. Und es bietet die Möglichkeit, mit Menschen über die großen Themen des Lebens ins Gespräch zu kommen – vorausgesetzt, sie lassen sich darauf ein. Es gibt sicherlich bessere Filme für diesen Zweck, aber es gibt sicher auch Menschen, bei denen Star Wars gerade richtig ist.

Star Wars ist weit davon entfernt, christliche Inhalte in sich zu vereinen. Der Mythos bedient sich hemmungslos verschiedener religiöser Anleihen, auch aus dem Christentum, und er stellt einer technik- und fortschrittsgläubigen (westlichen) Gesellschaft eine Transzendenz, eine Realität jenseits des rein Materiellen, gegenüber. Damit bedient er unser Verlangen nach Religion, nach einem Sinn hinter der Welt, wie wir sie erfahren können.

Aber es gehört wesentlich zum Konzept und zum Erfolgsgeheimnis von Star Wars dazu, hier stehenzubleiben. Die transzendente Komponente wird lediglich angesprochen, aber nicht mit Inhalt gefüllt. Die Frage nach Sinn und Ziel bleibt unbeantwortet.

Nicht nur den Grund für unser Fragen nach Sinn und Ziel können wir von der Bibel her beantworten (“auch die Ewigkeit hat Gott in das Herz der Menschen gelegt”, Pred 3,11) – die Bibel gibt auch Antworten auf diese grundlegenden Fragen des Lebens. Und an dieser Stelle sind wir als Christen gefragt, unseren Glauben authentisch zu leben, Suchenden und Fragenden Rede und Antwort zu stehen und ihnen ein Wegweiser zu sein.

Literatur

Wilkinson, David (2001): Möge die Macht mit uns sein. Die spirituelle Sehnsucht in den Star Wars-Filmen. Brunnen Verlag, Basel und GießenTill

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