“Ach, dann gehe ich doch lieber in die Hölle. Da ist sowieso mehr los.“ 

Vielleicht hat die Hölle gerade deshalb ihren Schrecken verloren. Auch weil die Gemeinde aufgehört hätte, an ihre Existenz zu glauben…… “Vielleicht haben wir weniger die Hölle vergessen als Gott selbst. Wer ihn nur noch als freundlichen Begleiter versteht, wird seine Abwesenheit kaum als Verlust empfinden. Wer ihn dagegen als Ursprung allen Lebens, aller Wahrheit und aller Liebe erkennt, hört den Satz von der größtmöglichen Gottesferne plötzlich ganz anders. Ist Gott selbst Liebe, Wahrheit, Leben und Schönheit, dann bedeutet Gottesferne die endgültige Abwesenheit all dessen, wonach der Mensch sich letztlich sehnt. Feuer und Schwefel erscheinen dagegen beinahe nebensächlich. Sie sind Bilder. Das eigentliche Grauen liegt tiefer: Wenn Gott Liebe ist, dann ist Gottesferne radikale Lieblosigkeit. Wenn Gott Wahrheit ist, dann ist Gottesferne radikale Unwahrheit. Wenn Gott Leben ist, dann ist Gottesferne radikaler Tod. Wenn Gott Schönheit ist, dann ist Gottesferne die endgültige Abwesenheit aller Schönheit. Nicht das Feuer macht die Hölle zur Hölle. Sondern die endgültige Abwesenheit dessen, was jedes menschliche Herz letztlich sucht – auch dann, wenn es sich dessen gar nicht bewusst ist.

Diese Gedanken helfen vielleicht auch, ein Wort Jesu neu zu hören, das heute kaum noch zitiert wird. Er spricht vom engen Tor und vom schmalen Weg, der zum Leben führt, während der Weg ins Verderben breit ist (siehe Mt 7,13-14). Viele empfinden diese Worte als hart. Vielleicht deshalb, weil wir sie sofort als Drohung verstehen. Doch vielleicht beschreiben sie zunächst nur eine Wirklichkeit. Christus ist der Weg. Und doch kann der Mensch an ihm vorbeigehen. Nicht weil Gott den Menschen verlieren möchte. Sondern weil Liebe niemals erzwungen werden kann.

Warum Gottesferne das Schrecklichste wäre, hängt deshalb ganz davon ab, wer Gott überhaupt ist. Genau darauf antwortet Jesus überraschend. Er sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Das ist einer der kühnsten Sätze des ganzen Evangeliums. Jesus beschreibt nicht einen Weg zu Gott. Er beschreibt sich selbst. Wer ihm begegnet, begegnet nicht nur einem Lehrer oder Propheten. Er begegnet dem, der selbst Wahrheit, Leben und Liebe ist…. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Jesus so selten den Himmel beschreibt. Er malt keine Postkarten vom Jenseits. Er spricht nicht von Wolken, Harfen oder goldenen Straßen. Er ruft die Menschen vielmehr in seine Gemeinschaft. Denn das Ziel des christlichen Glaubens ist nicht zuerst ein Ort. Das Ziel ist eine Person. Und vielleicht liegt genau hier auch der Denkfehler hinter dem Satz der älteren Dame. Wer den Himmel für langweilig hält, stellt sich offenbar einen Ort vor. Das Christentum verspricht aber keine ewige Unterhaltung. Es verspricht die vollkommene Gemeinschaft mit Gott. Wenn Gott Liebe, Wahrheit, Leben und Schönheit ist, dann ist der Himmel nicht bloß Gemeinschaft mit einer Person, sondern Gemeinschaft mit Liebe selbst, mit Wahrheit selbst, mit Leben selbst und mit unvorstellbarer Schönheit.

C. S. Lewis hat die Hölle einmal als eine Stadt beschrieben, die immer größer und gleichzeitig immer leerer wird. Nicht weil Gott die Menschen voneinander trennt. Sondern weil Menschen, die Gott ablehnen, am Ende auch die Liebe ablehnen und deshalb jede Gemeinschaft verlieren. Ob Lewis damit recht hat, wissen wir nicht. Aber der Gedanke erschüttert mich. Denn wenn Gott Liebe ist, dann könnte die größtmögliche Gottesferne tatsächlich die größtmögliche Einsamkeit sein.

Der obere Satz erschreckt bis auf die Knochen. Nicht weil sie von der Hölle sprach. Sondern weil Gottesferne für sie offenbar kein Verlust mehr war. Wenn Christus wirklich der Weg und die Wahrheit und das Leben ist, dann ist die eigentliche Frage nicht, ob es die Hölle gibt. Sondern: Wann haben wir aufgehört, Gott zu vermissen? Vielleicht beginnt der Weg zu Gott genau dort, wo ein Mensch wieder merkt, dass ihm etwas fehlt. Vielleicht ist die Sehnsucht nach Wahrheit, nach Liebe und nach Leben bereits der erste leise Ruf Gottes. Nicht weil der Mensch Gott gefunden hätte. Sondern weil Gott längst begonnen hat, ihn zu suchen.” Diakon Ulrich Franzke/kath.net

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