Stellen Sie sich vor, Sie wollen zu einem Gottesdienst gehen und müssen vorher Ihren Namen und Ihre Adresse angeben, bevor Sie das Kirchengebäude überhaupt betreten dürfen – weil der Staat es so angeordnet hat. Was in Deutschland als Ausnahmezustand galt, ist für Christen in der chinesischen Provinz Henan Alltag. Im neuen Weltverfolgungsindex des christlichen Hilfswerks OpenDoors (mehr dazu hier) kommt China auf Platz 17 von 50. Das Land auf Rang 1, in dem Christen am stärksten verfolgt werden, ist Nordkorea. Hauptgrund für die Platzierung ist in beiden Ländern staatliche Repression. In China geht die Kommunistische Partei (KPCh) seit Jahrzehnten gegen Gläubige vor, weil sie von der Partei als Gefahr angesehen werden. Denn es wird keine andere Wahrheit neben dem Kommunismus geduldet.
Schon während der Kulturrevolution unter Mao begann aus diesem Grund die Verfolgung, wie Zhang Roliang in seiner Biografie „I stand with Christ” beschreibt. Nur die von der Regierung kontrollierte protestantische „Drei-Selbst-Bewegung” und „Patriotische Katholische Vereinigung” sind offiziell erlaubt. Von den schätzungsweise rund 96 Millionen Christen in China sind jedoch viele in staatlich nicht erlaubten „Hauskirchen” oder „Untergrundkirchen” organisiert. Pastoren und Mitglieder solcher Gemeinden werden immer wieder verhaftet.
Technische Mittel wie Gesichtserkennungskameras und die Digitalisierung erhöhen dabei den Druck. So werden Gemeinden beispielsweise verpflichtet, an ihren Türen Kameras anzubringen, die die Gesichter der Menschen erkennen, wie CBS News im Mai berichtete. Auch im Innenraum und an der Kanzel müssen Kameras angebracht sein, damit alle Teilnehmer eines Gottesdienstes registriert werden können. 2023 wurde in der Provinz Henan die „Smart Religion App” von der Kommission für ethnische und religiöse Angelegenheiten entwickelt. Gottesdienstbesucher mussten vorab einen Platz reservieren und dabei Daten wie Name, Personalausweisnummer, Wohnort und Geburtsdatum angeben, bevor sie zum Gottesdienst dürfen, wie die Menschenrechtsorganisation ChinaAid berichtet.
Die US-Regierung notierte in einem Bericht zur Religionsfreiheit in China vor fünf Jahren, dass es gegenüber den Vereinten Nationen Berichte gab, dass bei Christen und anderen religiösen Minderheiten wie muslimischen Uiguren oder Anhängern von Falungong in Gefängnissen Organe entnommen wurden. Bei anderen religiösen Minderheiten wie Anhängern von Falungong werden auch Blutproben gesammelt oder Iris-Scans angefertigt. Es gibt Berichte über Umerziehungslager, in die Christen gebracht werden, um so lange durch Folter bearbeitet zu werden, bis sie Jesus absagen. Gegenüber Radio Free Asia berichtete eine Person, dass sie acht Monate in Einzelhaft in einem Raum ohne Belüftung oder Fenster festgehalten wurde.
Es ist verboten, Minderjährige zu jeglichen religiösen Veranstaltungen mitzunehmen. Die Jugendarbeit von Kirchen wird dadurch stark erschwert. Wenn Kollekten gesammelt werden, gilt dies als Geldwäsche und Pastoren können dafür verhaftet werden. Der Staat greift dabei auch in den Ablauf von Gottesdiensten ein: So soll in den Kirchen der staatlich genehmigten „Drei-Selbst-Bewegung” zu Beginn die Nationalhymne gesungen werden, was den Vorrang des Kommunismus vor Christus symbolisieren soll….Im Südosten Chinas in der Stadt Wenzhou wurde die Yayang-Kirche geschlossen und das Kirchengebäude laut ChinaAid durch Kräne und Bulldozer demoliert. Das Kreuz auf der Kirche soll abgenommen worden sein. Wenzhou gilt als das „Jerusalem Chinas”, weil dort zahlreiche Christen wohnen. Dass dort Christen wohnen, hat eine lange Tradition und geht auf europäische Missionare zurück, die dort im 19. Jahrhundert tätig waren. Vor 1949 soll ein Zehntel aller Christen im ganzen Land dort gewohnt haben.
Bereits im Sommer kam es im Osten Chinas zu Verhaftungen von 70 Christen, gegen viele wurde eine Geldstrafe verhängt. Etwa 80 Kleingruppen von Gläubigen stellten daraufhin ihre Treffen ein. „Aufgrund der jüngsten Razzien ist unsere Gemeindearbeit zum Stillstand gekommen. Einige Brüder und Schwestern sind aus der Kirche ausgetreten, während mehrere andere kurz davor stehen, ihren Glauben zu verlieren”, sagte eine lokale Kontaktperson zu OpenDoors.
Bereits seit 2018 ist es verboten, Bibeln über das Internet zu verkaufen, wenn der Händler nicht der staatlich kontrollierten „Drei-Selbst-Bewegung” oder dem „Chinesischen Christenrat” angehört. Wer es dennoch tut, riskiert eine Gefängnisstrafe. So wurde beispielsweise ein Buchhändler 2020 zu sieben Jahren Gefängnis und zu einer Geldstrafe von 200.000 Yuan (rund 23.000 Euro) verurteilt, weil er im Ausland Bibeln und christliche Bücher bestellte und diese in China verkaufte. Ausländische Bücher bekommen keine chinesische ISBN zugeteilt und gelten deshalb als illegal. 2024 wurde ein Chinese zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil er Bibeln und Materialien für Sonntagsschulen verkaufte. Die Behörden hatten die Versandquittungen der Kunden kontrolliert und waren so auf den Buchhändler aufmerksam geworden.
Auch der Kauf von Bibel-Apps für Smartphones wurde verboten, wie OpenDoors schreibt. Zugleich werden zentrale Passagen der Bibel verfälscht. So wurde 2020 in einem Schulbuch die Geschichte von der Ehebrecherin behandelt. Doch im Gegensatz zur biblischen Geschichte, wo Jesus die Frau nicht verurteilt und sie anweist, nicht mehr zu sündigen, steinigt er sie im chinesischen Schulbuch selbst. Er sagt, dass er auch ein Sünder sei – während die Bibel klar die Sündlosigkeit Jesu betont.
Die stark ausgebaute technische Überwachung in der chinesischen Gesellschaft wird für die Christen zur Herausforderung. Apollo-News.de
