Der Bußprediger von Bergamo.

Der dänische Schriftsteller Jens Peter Jacobsen (1847–1885) verfasste eine Erzählung mit dem Titel Die Pest in Bergamo. Darin beschreibt er die Situation von Menschen, die von der Pest heimgesucht werden. Menschen, die den Tod vor Augen haben, Menschen, die wissen, dass ihre Augenblicke gezählt sind. Das Volk tobt sich aus. Es ist von einem Sinnentaumel ohnegleichen hingerissen: »Die Luft war erfüllt von Lästerung und Gottlosigkeit, vom Stöhnen der Schlemmer und vom Geheul der Trinker, und die wildeste Nacht barg nicht mehr Unzucht, als ihre Tage es taten
… Ja, wären nicht schon alle Sünden vorher erfunden gewesen, so wären sie jetzt erfunden worden, denn es gab keinen Weg, den sie in ihrer Verwerflichkeit nicht eingeschlagen hätten.«
Mitten in diesem Treiben zieht plötzlich eine seltsame Schar von fremden Büßern in die Stadt ein. Zuerst verspottet man sie, aber dann ergreift einer von ihnen, ein junger Mönch mit »düsteren, schmerzverhärteten Zügen«, das Wort. Er entwirft vor den Augen der Bewohner von Bergamo ein drastisches Bild der Hölle, der sie entgegengehen, und schildert dann in
grellen Einzelheiten die Kreuzigung Christi – aber mit einer überraschenden Wendung: »Und er dort oben [Christus] sah auf die Soldaten herab, die um sein ungenähtes Gewand würfelten, und auf die ganze heulende Menge, für die er litt, damit sie erlöst werden könne, und in der ganzen Menge war nicht ein mitleidiges Auge …
Da wurde Gottes eingeborener Sohn in seinem Sinne erzürnt und sah, dass sie nicht der Erlösung wert waren, jene Mengen, die die Erde anfüllen, … und er sprang hinab auf die Erde und riss sein Gewand an sich, sodass die Würfel über den Abhang von Golgatha hinabrollten, und er warf es um sich mit dem Zorn eines Königs und fuhr zum Himmel auf. Und das Kreuz stand leer, und das große Werk der Versöhnung wurde niemals vollbracht.«
Offenbar will der Bußprediger sagen: Wenn Christus heute gekreuzigt werden sollte, würde er darauf verzichten und lieber gen Himmel fahren; sein letzter Blick würde nicht dieser verdorbenen und von Sinnenlust verpesteten Masse gelten, und sein letztes Wort würde nicht sein: »Es ist vollbracht«, sondern:
»Es lohnt sich nicht.«
Aber hier irrt der Bußprediger. Er denkt menschlich. Seine Reaktion leuchtet ein. Seine Geduld ist am Ende. Aber Gott ist der Geduldsfaden nicht gerissen.
Seine Liebe zu uns ist größer als unsere Sünde und Sinnenlust. Er kennt uns und die Menschen in Bergamo. Er kennt sie in Hamburg und in London, in Paris und in New York. Hätte Christus so gedacht, stände auf Golgatha kein Kreuz, und das Wort: »Es ist vollbracht« wäre ein frommer Wunsch geblieben. Wie sehr muss Gott uns lieb haben!
nach Heinz Schäfer
(aus: Mach ein Fenster dran)

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