Der Schriftsteller und Philosoph Gunnar Kaiser ist aus dem Leben geschieden. Ein Nachruf.

Als die Welt im Frühjahr 2020 mit einem Schlag Kopf stand und die gewaltigen Veränderungen der Lebensverhältnisse anschließend gar kein Ende mehr nehmen wollten, gehörte Gunnar Kaiser zu jenen wenigen öffentlichen Personen, die den Verzweifelten Kraft und intellektuelle Orientierung gaben. Der Philosoph, Schriftsteller und ehemalige Lehrer erhob frühzeitig seine Stimme, stellte Fragen, unterhielt sich mit seinen Gästen, er kritisierte die gesellschaftliche Antwort auf das Corona-Virus insgesamt. Auch ich lauschte seinen Gedanken nach der Arbeit beim Kochen. Ich bin nicht allein, sah ich. Das tat gut.

In diesem Sinn bekunden unzählige Menschen in den Kommentarspalten ihre Trauer: „Ich weine um einen Menschen, der mir mit seinen Beiträgen, seiner Sichtweise und auch seiner Menschlichkeit in schlimmen Zeiten das Leben zu ertragen möglich gemacht hat“, schreibt etwa eine Frau. Der Kanal „Der Kult – Zur Viralität des Bösen“ enthält ein wohl von ihm angelegtes, wertvolles Archiv der Verrücktheiten der Corona-Jahre, Kaisers gleichnamiges Buch ist auf seiner Webseite bestellbar.

Für sein unnachgiebiges Wirken wurde er aus dem Mainstream-Diskurs verbannt und mit Schmähartikeln denunziert, tat man ihm Unrecht. Die Cancel-Culture ist unbarmherzig, in Zeiten eines gesellschaftsumgreifenden Kults, in dem Umarmungen und Ungeimpft-Bleiben als Körperverletzungen galten, umso mehr. Gunnar Kaiser hat sich von der Mediengewalt nicht kleinkriegen lassen. Er war konsequent. Vor einem Jahr fragte er: „Was, wenn wir eine Gesellschaft nicht mehr ertragen? Was, wenn uns nichts mehr hält, in dem, was wir einst Zuhause nannten (…)?“ Seinen Monolog schloss er ab mit einem Fallschirm-„Sprung ins Ungewisse“, vor einem Alpenpanorama. Er schenkte sich auch in hässlichen Zeiten die schönsten Momente.

Jedes einzelne seiner auf seinem YouTube-Kanal zu sehenden Videos zeigt einen vergeistigten und einfühlsamen, einen denkenden Menschen, gegenüber dem die Ausgrenzer und Herrschaftshörigen wirken wie bemitleidenswerte Kleingeister. Gunnar Kaiser vertrat, was unter Deutschlands Intellektuellen, die sich vor allem mit klebrigem Moralismus hervortun, selten ist: die Freiheit des selbstdenkenden und für sich entscheidenden Individuums, wie es die Aufklärung hochhält, und dies auch schon vor Corona. Er misstraute dem Gerücht, der veröffentlichten Stimmung und machte sich lieber aus eigener Anschauung eine Vorstellung von den Dingen, selbst von Personae non Gratae – auch, indem er sie konfrontierte.

Nach langem Kampf mit dem Krebs verstarb der freundliche Denker am 12. Oktober 2023. Er wusste seit Längerem, dass er nicht mehr lange zu leben hat. In der ihm verbliebenen Zeit reiste er, tat also das, für was man ihn schätzte und ihm zuhörte. Er öffnete seinen Blick für die Welt. Felix Perrefort/Achse des Guten

Es ist zu hoffen, das er erkannt hat, dass es absolut vernünftig ist zu glauben. Das Christentum hat für sich schon immer in Anspruch genommen, vernünftig zu sein. Keine echte wissenschaftliche Erkenntnis kann dem Glauben widersprechen, wenn Gott wirklich Gott der Schöpfer der Welt ist. Aber der Beweis wird immer fehlen, positiv gesprochen: Die Freiheit des Menschen, zu glauben, bleibt erhalten. Wir hoffen, dass er zu Gott gekommen ist.

“Ich bin ungläubig, sondern: ich bin unwissend. “Eine Geschichte: Ein Theologie-Professor sass im Zug einer offensichtlich gesellschaftlich besser gestellten Dame gegenüber. Es entwickelte sich ein Gespräch zwischen den beiden. Als sich das Gespräch Richtung Religion und Glaube bewegte, blockte die Dame ab: „Entschuldigen sie, darüber denke ich wohl anders als sie, ich bin nämlich ungläubig.“ Der Professor meinte, er wolle das respektieren, würde sich aber doch interessieren, wie sie ungläubig geworden sei. Er meinte: „Als gebildete Frau lasen Sie gewiss einmal ein Buch über den christlichen Glauben.”Er nannte ihr zwei Bücher. “Nein, ich erinnere mich nicht.” “Aber”, fuhr er fort, „sie haben bestimmt in der Bibel gelesen. “Nein, was denken sie Herr Professor, wie sollte ich mich mit einem so alten Buch beschäftigen.“ “Nun, verehrteste Frau”, meint er ruhig und mit netter Stimme, “dann entschuldigen Sie ein freies, offenes Wort; dann müssten Sie eben nicht sagen: Ich bin ungläubig, sondern: ich bin unwissend.”Viele Menschen, die sich als ungläubig bezeichnen, sind in Wirklichkeit unwissend. Sie haben im Grund überhaupt keine Ahnung weder vom christlichen Glauben noch von Religionen.Durch ihre Unwissenheit glauben sie die verrücktesten Dinge.Ein weiser Mann meinte mal:Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht etwa an nichts mehr, sondern sie glauben alles. (Chesterton)

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