Ein Dompteur hatte unter den Tieren, mit denen er umherzog und die er dem Publikum vorführte, auch eine dressierte Riesenschlange. Er hatte sie vor 25 Jahren als ganz kleines, junges Tier bekommen und sie vortrefflich gebändigt. Die Vorführung der Riesenschlange war immer eine Glanznummer seiner Vorstellungen. Zuerst musste sie auf seinen Befehl vor dem Publikum allerlei Verbeugungen machen. Dann kam die Hauptattraktion. Die Schlange wickelte sich ganz um den Bändiger. Ring um Ring machte sie, bis der Mann ganz und gar umwickelt war, so dass man nichts mehr von ihm sah. Und dann schaute die Schlange mit hoch erhobenem Kopf empor und züngelte stolz dem Publikum entgegen, das in lautes Beifallklatschen ausbrach. So war es auch eines Abends gegangen. Bis zu dieser Nummer war alles gut verlaufen. Die Schlange hatte ihren Gebieter ganz und gar umwunden. Da – drückte sie ihren gewaltigen Ring ein wenig fester an. Ein dumpfes Krachen ertönte und ein Todesschrei. Die Riesenschlange hatte ihrem Bändiger alle Knochen im Leibe zerdrückt. Tot wurde er aus den Umwindungen der Schlange hervorgeholt. 25 Jahre hatte er mit der Schlange gespielt, und sie hatte sich seine Herrschaft gefallen lassen. Aber nun kam eine Stunde, in der sie ihm zeigte: Ich bin die Herrscherin.
25 Jahre lang hielt er sich für ihren Gebieter, jetzt brachte sie ihn um. Gerade so geht es, wenn man mit der Sünde spielt. Das ist ein vermessenes Spiel! Es endet damit, dass früher oder später die Sünde dir zeigt: Die Herrscherin bin ich! Und dann gibt es ein Ende mit Schrecken. Spielst du etwa auch mit der Sünde? Hast du etwa auch eine Lieblingssünde, die du nicht aufgeben willst? Nimm dich in Acht. Es geht eine Weile gut. Eine Zeit lang kannst du dir einbilden, du wärest der Herr. Und dann zeigt sie dir: Die Herrschaft habe ich! Und sie richtet dich zugrunde. O, gib dein verwegenes Spiel mit der Sünde auf! Es ist Wahnsinn, mit der Sünde zu spielen. Halte ein! Noch heute! Sonst trägt das Ende die Last. Du bist gewarnt. Denke an die Riesenschlange.
