Wir, ein Team aus 10 jungen Christen, brachen die Woche vor Ostern in Griechenland auf, um den Flüchtlingen im Camp im griechischen Grenzort Idomeni zu dienen. Bereits seit Februar 2016 ist die Grenze zu Griechenland im Süden Mazedoniens de facto dicht. Flüchtlinge und Migranten dürfen nicht mehr passieren und auf der sogenannten „Balkanroute“ Richtung Nordeuropa reisen. Seither sind im besagten Camp rund 12.000 Menschen versammelt, die auf die Öffnung der Grenzen warten. Sie leben dort unter schlechten Bedingungen in einem provisorischen Lager, das ursprünglich nur für kurze Aufenthalte gedacht war. Zum Zeitpunkt unseres Einsatzes befanden sich viele der Flüchtlinge bereits 30 Tage dort. Der Großteil der Flüchtlinge in dem Lager sind Syrer, entweder Araber oder Kurden. Daneben gibt es viele Jesiden und Kurden aus dem Irak. Afghanen machen einen geringen Anteil aus. Wir waren erstaunt über die vielen Kinder, die sich überall herumtummelten und die Anspannung in dem Camp durch ihre Unbekümmertheit und Lebensfreude etwas milderten.
Neben den vielen aufgeschlagenen Campingzelten stehen im Camp ein paar große beheizbare Zelte mit Stockbetten. Viele Flüchtlinge besitzen ein Smartphone und können – dank WLAN im ganzen Camp (das Equipment und die Verbindung werden von Bruder Ilijas und einer griechischen christlichen Gemeinde bezahlt, die UN machen sowas nicht)- mit ihren Familien kommunizieren. Die täglichen Essensausgaben durch die griechische Entwicklungsagentur liefen trotz langer Warteschlangen sehr ordentlich ab.
Wir konnten während dieser Woche mit der christliche Organisation ‚WorldHelp‘ im Camp arbeiten. Ein Team von motivierten Christen sind schon seit Sommer wöchentlich dort, um Kleider- und Schuhspenden zu verteilen und Beziehungen mit Flüchtlingen aufzubauen. Es war sehr hilfreich, Teil eines solchen organisierten Hilfsaktion zu sein, da uns die Polizei am Weg des Öfteren angehalten hat und wissen wollte, wer wir sind und was wir im Camp machen.
Die Geschwister waren sehr dankbar für die Unterstützung. Es ist eine kräftezehrende Arbeit, und wir bewunderten ihren treuen Einsatz über eine so lange Zeit!
Wir kamen täglich um 16 Uhr an, bepackten Taschen mit Kleidung und Schuhen und gingen dann je zu zweit zu Zelten hin und fragten, wer etwas braucht. Nach einem Tag mit Regen waren Gummistiefel sehr gefragt, der Boden war sehr aufgeweicht und schlammig. Viele der Familien trafen wir am Lagerfeuer vor ihren Zelten an, viele hießen uns willkommen und baten uns, Platz zu nehmen. Manche boten uns sogar Tee und ein selbstgekochtes Essen an. Trotz Sprachbarrieren konnten wir Beziehungen aufbauen und Gottes Wort in dieser und jener Form weitergeben. Nur wenige sprachen Englisch. Wir gaben ihnen ein Blatt mit ausgewählten Bibelpassagen wie die des verlorenen Sohnes und die Fußwaschung Jesu auf Arabisch weiter; die meisten lasen es sehr aufmerksam.
Ein paar Erfahrungen unserer Begegnungen:
Tabea: „Ich kam am ersten Abend zu einer kurdische Familie, die am Feuer saß. Ein 18-jähriges Mädchen (Reem) konnte gut Englisch. Im Laufe des Gesprächs erzählte sie, dass sie in Athen ein Neues Testament erhalten hatte. Sie erzählte viel von sich, war sehr gottesfürchtig und darauf bedacht, Gott mit guten Werken zu gefallen. Ich erklärte ihr das Evangelium und fragte sie, ob sie schon im Incil (=Neuen Testament) gelesen hat. Am letzten Tag war sie bei Matthäus 4; wir lasen gemeinsam und Reem hatte viele Fragen.“
Michi: „Ein jesidischer junger Mann (Semir) erzählte mir, dass er in seiner Heimat eine Bibel hat. Ich frage ihn, ob er eine haben möchte. Am nächsten Tag schenkte ich ihm ein Incil. Er saß am Feuer mit anderen jungen Männern. Ich setzte mich dazu und wurde von einem Iraker (Achmed) auf meinen Ehering angesprochen: Das sei doch eher untypisch für einen jungen Europäer. So kamen wir ins Gespräch über den Glauben, das wir die nächsten zwei Tage weiterführten. Die Männer waren so dankbar dafür, dass man sich zu ihnen setzt und mit ihnen redet. Semir hatte am nächsten Tag schon bis Matthäus 10 gelesen und mittlerweile das Incil ganz durchgelesen (wir kommunizieren per whatsapp).
Diana: „Ich durfte Ola, ein 15-jähriges nettes Mädchen aus Syrien kennenlernen. Nach einem vertrauensvollen Gespräch über ihren Vater, der bereits in Deutschland ist, über ihre Anreise usw. sprachen wir auch über Glauben und Religion. Die Bibel, die ich ihr danach schenkte, nahm sich kurzerhand einer ihrer Zeltnachbarn. Am nächsten Tag bat sie mich – während sie mir fleißig beim Verteilen von Gewand und Übersetzen half – um eine weitere Bibel. Sie meinte, dass ich auch den Koran lesen solle und dass, wenn wir uns dann einmal wiedersehen, wir sehen werden, wer von uns sich umentschieden hat. Wir sind über whatsapp in Kontakt.“
Im Camp tummelten sich täglich viele westliche Reporter und Helfer. Außer an einem Tag: Es war gespenstisch ruhig, die Wege waren leer, es waren keine Helfer und Reporter weit und breit zu sehen, es gab keine Essensausgabe. Der Grund war, dass der Bahnübergang, der ins Innere des Camps führte, von Demonstranten blockiert wurde, sodass nicht einmal die Polizei passieren konnte.
Ein ähnliches Bild bot sich uns am drauffolgenden Tag: Wir fuhren wie gewohnt auf der Autobahn Richtung Idomeni. Nach wenigen Minuten mussten wir anhalten: Einige Flüchtlinge sperrten die Straße mit einem Banner mit der Aufschrift „Open the border” ab. Ein paar Kinder lagen demonstrativ auf der nassen Straße. Daneben liefen ein paar Fotografen hin und her.
Zwei aus unserem Team sprachen mit den Flüchtlingen und wollten ihnen durch die Erklärung der Situation nahe bringen, dass ihr Protest ihnen nichts bringt. Sie verstanden das und waren schon bereit, die Blockade aufzulösen – wenn da nicht ein paar Aktivisten gewesen wären, die dazwischen kamen, die Flüchtlinge verwirrten und uns aufs Ärgste beschimpften. Der Höhepunkt war ein deutscher Aktivist, der auf ein ruhiges Wort von Jonathan hin so zornerfüllt wurde, dass er ihn krankenhausreif geschlagen hätte, hätten ihn nicht mehrere Männer zurückgedrängt.
Die Zeitungen schrieben am Tag drauf wörtlich: „Hunderte von Flüchtlingen blockieren die Autobahn zur Grenze nach Idomeni“. Wir waren vor Ort und bezeugen, dass dies nicht der Fall war. Dieses Erlebnis mit dem folgenden Zeitungsbericht ist exemplarisch für folgendes Dilemma:
Die Reporter und linken Aktivisten bringen die Flüchtlinge dazu zu demonstrieren. Dies wiederum führt dazu, dass es kein Essen im Camp gibt, weil aufgrund des blockierten Übergangs keine Lieferung kommen kann. Mit den Leuten werden politische Spielchen getrieben. Es werden ihnen Lügen erzählt, dass die Grenzen geöffnet werden, wenn sie demonstrieren – und damit werden die Flüchtlinge betrogen, da dies eher das Gegenteil bewirkt: Die Medien greifen solche Szenen nämlich auf und sprechen dann von den „aggressiven, frustrierten Flüchtlingen”, die bereit sind, Zäune zu durchbrechen.
Auch die griechische Regierung hofft immer noch darauf, dass die Grenze vielleicht doch aufgeht, um die Flüchtlinge loszuwerden. Die Polizei hat die Anweisung, nicht gegen Aktivisten und Reporter vorzugehen, obwohl in den meisten Fällen offensichtlich ist, dass es diese Aktivisten sind, die die Proteste schüren.
Wir haben mit eigenen Augen gesehen, dass die meisten Flüchtlinge eine solche Demonstration niemals aus eigenem Antrieb tun würden. Sie möchten ihren Kindern ganz einfach eine sichere Zukunft ermöglichen und harren geduldig bei ihren Zelten aus, still wartend und hoffend auf eine baldige Weiterreise. Ein Flüchtling, der sehr gut Englisch sprach, berichtete uns an dem Tag der Demonstration: “Bitte, wenn ihr zurück in euer Land kommt, sagt, dass wir – die meisten in diesem Camp – nichts mit diesen Unruhestiftern zu tun haben. Wir wollen nichts, kein Geld, und warten ganz ruhig auf eine bessere Zukunft für unsere Kinder.”
Griechenland richtet gerade bessere Quartiere für die Leute in Idomeni her, aber niemand sagt ihnen das. Die meisten Leute, die mit ihnen kommunizieren, sind linke Aktivisten, die ihnen mitteilen, dass sie in den anderen Lagern in Griechenland eingesperrt werden.
Auch die UN, die das Lager in Idomeni führt, hat kein Interesse daran, dass die Zahl der Flüchtlinge in dem Camp abnimmt, da dies weniger Geld für sie bedeuten würde.
Inmitten dieser miserablen Zustände haben wir scharenweise Kinder mit strahlenden Augen und lachenden Gesichtern angetroffen. Viele Erwachsene haben ihre Lebensfreude und Würde als Menschen nicht verloren. Sie sind ein Indikator dafür, dass die Hoffnung für ein Morgen, für ein besseres Morgen, bleibt.
Liebe Leute, wir haben Verantwortung auch für die Desinformation. In Idomeni wimmelt es nur so von linken Aktivisten – aber wo sind die Christen? Wer sagt den Leuten, die in ihren 2-Mann Zelten ausharren, das sie hier ihre Zeit vergeuden und schon lange in besseren Unterkünften sein könnten?
Die griechischen Hilfsorganisationen sind beschäftigt, die Lage unter Kontrolle zu halten und den Menschen die notwenidige Hilfe zu bieten. Zeit zum Reden und Erklären bleibt da nicht.
Natürlich können wir nicht das Schicksal aller Flüchtlinge in Idomeni ändern, aber doch von einer ganzen Anzahl. So konnten wir während unseres Einsatzes einige Flüchtlinge ermutigen, in ein Camp in der Nähe von Katerini zu gehen, wo sie besser untergebracht werden.
Die christliche Gemeinde in Katerini hat 16 Leute aus Idomeni aufgenommen, und sie sind bereit, mehr aufzunehmen wenn sie Platz und Finanzen dazu haben (siehe mein anderes Posting dazu). Und du? Was trägst du bei?
Schaust du weiter zu, wie diese Menschen von Reportern und Aktivisten missbraucht werden, um Schlagzeilen zu produzieren?
Für Ende April (23.-30.4.) ist wieder ein Einsatz geplant. Bei Interesse: jonathanpaul52@gmail.com
