Wolfgang Dyck wurde am 25.07.1930 in Berlin geboren. Pflegeeltern, Kinderheim, Erziehungsanstalten, insgesamt elf Jahre Freiheitsentzug kennzeichneten sein Leben.
Wolfgang Dyck wurde in Berlin als unehelicher Sohn seiner Mutter geboren. Mit vererbt wurde ihm die Fähigkeit, mit dem Mund immer und überall voraus zu sein (die berühmt berüchtigte „Berliner Schnauze”). Als Schnellsprecher hätte er Wettbewerbe gewinnen können. Seine Mutter war Krankenschwester und weil die Fürsorge es so wollte, kam Wolfgang von klein auf zu Pflegeeltern. Wolfgang machte sehr viel Dummheiten und muss wohl sehr frech gewesen sein. Die Prügelstrafen am Abend durch den Vater hatten keine Wirkung. Er wehrte sich nur und machte weiter. Schon hier fing er an zu stehlen, einfach nur weil es ihm Spaß machte, und dachte sich nichts dabei.
So musste er mit ungefähr neun Jahren ins Heim. In diesem Erziehungsheim gefiel es ihm nicht. Oft lief er weg, auch zu seiner leiblichen Mutter und bestahl sogar sie. Sie warnte ihn: „Junge, wenn du so weitermachst, dann endest du noch einmal im Zuchthaus.” Aber Wolfgang tat, als ob er nichts hörte. Es waren doch nur kleine Dinge! Er übersah, dass vieles, was zunächst noch harmlos aussieht, wie ein Schneeball ist, der dann, wenn er mehr und mehr abwärts in Bewegung kommt, zu einer vernichtenden Lawine wird.
Wegen der Bombenangriffe wurde das Heim nach Hannover und später nach Altenau/Oberharz, (ClausthalZellerfeld) evakuiert. Die Schule war ihm egal. Er brachte es insgesamt nur auf sechs Jahre Schulbildung. Mangewährte ihm dann noch den Hauptschulabschluss, weil er intelligent wirkte. Er war so ausgelassen und frech, tanzte den Lehrern auf der Nase herum und ließ sich einfach nichts sagen. Kam ihm ein Lehrer mit dem Stock zu nahe (damals gab es noch Prügelstrafe), kletterte er aus dem Fenster. Sein Verhalten wurde so untragbar, dass er in die Anstalt für schwer erziehbare Jungen nach Streistatt ins Moor verlegt wurde. Er musste im Moor hart arbeiten und wurde hart bestraft. Aber es machte keinen Eindruck auf ihn. Er hörte Predigten, aber seine Ohren waren auf Durchzug gestellt.
Nach dem Heim kam er zu einem Bauern nach Dedensen bei Hannover. Von dort wurde ihm 1945 eine Lehrstelle als Sattler, Polsterer und Linoleumverleger vermittelt.
In der Nachkriegszeit wurde viel organisiert, was später wieder stehlen hieß. Wolfgang machte mit und hatte großen Spaß dabei. Als die Amis ihn beim Klauen erwischten, schnitten sie ihm auf der Stelle eine leuchtende Glatze. Er wagte es nicht, zu seiner Lehrstelle zurückzukehren, und haute ab. In der Nähe von Braunschweig fand er Arbeit bei einer Baufirma. Weil er sich an eine zweite Einnahmequelle gewöhnte hatte, machte er mit Stehlen weiter. Aber schon bald wurde er mit seinem Komplizen gefasst und sie bekamen Jugendarrest.
Mit dem Jugendarrest war er noch gut weggekommen. Nach der Entlassung kam er zu seiner Mutter nach Ostberlin. Wolfgang sollte und wollte etwas lernen und fand auch eine Lehrstelle. Dort lernte er Helmuth kennen, der auch im Heim gewesen war. Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Helmuth hatte die Idee, russische Offiziere zu beklauen. Wolfgang war sofort dabei. Skrupel oder ein mahnendes Gewissen kannte er nicht. Die Russen erwischten und sperrten sie ein. Sie wurden wie andere Gefangene gemein und brutal behandelt. Hier lernte er den ersten Christen kennen. Es war ein russischer Mongolo, der ein Kruzifix trug. Wolfgang verstand zwar nichts vom Christsein, aber er wusste, dass er von diesem Mann keine Schläge bekommen würde. Die Russen verurteilten sie zu einem Jahr KZ. Die Behandlung dort war mit den bekannten Konzentrationslagern der Nazis zu vergleichen. Wolfgang hatte Glück. Er überlebte und wurde mit seinem Freund termingerecht entlassen.
Mit Einwilligung seiner Mutter ging Wolfgang in den Westen. Er fand Arbeit bei einem Landwirt in der Nähe von Hamburg. Dort wurde er gut aufgenommen und begann mit Freude seine neue Arbeit auszuführen. Das ging ein halbes Jahr gut. Dann war er nicht mehr zu halten. Er wollte die Reeperbahn, die „große Freiheit” genießen.
Sein Geld hatte er schnell verspielt. Er spezialisierte sich auf Tankstellen-Diebstähle. Schon bald hatte er eine Jugendstrafe abzusitzen. Das berührte ihn nicht. Nach seiner Entlassung ging es wie vorher weiter. Er wurde wieder bei einem Tankstellen-Diebstahl erwischt und zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
Im Gefängnis entdeckte er, dass Lernen und Studieren auch Freude macht. Er lernte einige Berufe und versuchte seine fehlende Schulbildung nachzuholen. Bei einer Verlegung nach Bremen kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Dyck hatte erfolglos gegen diese Verlegung gekämpft. Nun stieg er als Letzter in die „Grüne Minna” ein und erfuhr als Letzter von einem geplanten Fluchtversuch. Er war sofort einverstanden. Als der Toiletteneimer ausgetauscht wurde, kam es zu einem Handgemenge, an dem Dyck aktiv beteiligt war. Es hätte zu einem Blutbad kommen können, denn Dyck entwendete einem Polizisten die Pistole. Die Gefangenen erreichten letztlich nichts. Wolfgang Dyck war für die Polizisten gefährlich geworden, was ihm eine entsprechende Behandlung und drei Jahre zusätzlich einbrachte. So hatte er sechseinhalb Jahre abzusitzen. Was hatte er erreicht?
Als freier Mann war er ausgezogen und nun war alles verspielt. Insgesamt saß er elf Jahre hinter Gittern. Seine Mutter verlor er nun auch, denn sie schämte sich ihres missratenen Sohnes und sagte sich los von ihm.
Ein Beamter, der, wie er später erfuhr, auch Christ war, fiel ihm durch seine gleich bleibende Freundlichkeit auch gegenüber den härtesten Burschen auf. Viel verdankte er Hans A. De Boer, damals Sozialsekretär des CVJM Hamburg, der ihn besuchte und immer wieder aufmunternde Karten schrieb. Mit 22 Jahren lernte er im Gefängnis die Heilsarmee kennen. Aus Langeweile ging er zu den Gottesdiensten. Diese Menschen, die sich zum Gespött machen ließen, hielt er für echte Christen. Aber für ihn selbst schien das unerreichbar. Nur eine Predigt eines kriegsbeschädigten Pastors machte Eindruck auf ihn. Sie weckte in ihm die Sehnsucht glauben zu können und neu anfangen zu dürfen.
Bei seinen Studien entdeckte Wolfgang Dyck auch die Philosophen wie Plato, Kant, Nietzsche und Schopenhauer. Man nannte ihn Prof. Dr. Karlchen Miesmecke, Professor für Besserwissenschaften. Die Gedanken der Philosophen faszinierten ihn, aber sie machten ihm auch die Sinnlosigkeit des Daseins deutlich. Hoffnungslosigkeit erfüllte ihn und er startete nicht lange vor seiner Entlassung einen Selbstmordversuch. Mit einer Rasierklinge schnitt er sich die Pulsadern auf. Ein Beamter entdeckte das Blut und er wurde noch gerettet.
Am 10.02.1958, an einem Sonntag wurde er entlassen. Ein verpfuschtes Leben lag hinter ihm und eine ungewisse Zukunft vor ihm. Er hatte keine Wohnung und keine Arbeit. Ein Pastor hörte davon und sein Diakon vermittelte es, dass er in ein Heilsarmeeheim in Hamburg einziehen konnte. Wolfgang Dyck nahm das Angebot an.
An einem Sonntagabend stieß er am Hauptbahnhof auf eine Menschenansammlung, die einem christlichen Straßenprediger zuhörte und sich über ihn lustig machte. Dyck fand auch nicht alles gut, aber er half ihm doch. Bald war er in ein Gespräch verwickelt, das immer mehr Menschen verfolgten. Die Zuhörer hoben ihn einfach auf das Podest, wo vorher der andere stand. Er war so beschäftigt, Antworten zu geben, dass er nicht die Polizei bemerkte, die sich wegen der vielen Leute sorgte. Der Polizei gelang es nicht, die Menschenansammlung zu zerstreuen. Das
Einfachste war, Dyck mitzunehmen, der ja auch keine Erlaubnis für eine Versammlung hatte. Dyck ließ sich von ihnen zum CVJM bringen. Auf dem Rückweg musste er wieder am Hauptbahnhof vorbei. Noch immer standen Menschen dort. Einige erkannten ihn und ließen ihn nicht gehen. Fast die ganze Nacht diskutierten sie. Am nächsten Morgen stand in der Zeitung: „Prophet am U-Bahnhof. Ein harmloser Narr gibt seine religiöse Überzeugung vor etwa 300 Besuchern zum Besten.” Er erhielt die polizeiliche Erlaubnis und predigte bald jeden Sonntag ab 19.00 am Hauptbahnhof. Er tat einfach das Nächstliegende und erlebte, wie Gott ihn führte.
Ca. elf Jahre verbrachte Wolfgang Dyck als Verbrecher hinter Gittern. Aber elf Jahre war er auch unermüdlich in Tanzlokalen, Nachtclubs, Gefängnissen, Erziehungsheimen, auf der Straße, in Schulen, Kirchen und Gemeinden unterwegs, um das Evangelium weiterzusagen. Wolfgang Dyck heiratete noch und war dankbar für seine Frau, die ihn in unüberbietbarer Treue liebte. Er deutete an, dass er nicht an eine lange Lebenszeit glaubte. So war es auch.
Nach einer Evangelisation in Korbach fuhr ihn sein Mitarbeiter nach Hause. Kurz vor Hachenburg (Westerwald) übersahen sie einen unbeleuchteten am Straßenrand parkenden Lkw. Durch den Aufprall waren sie sofort tot. Das geschah am 16.02.1970. Frau Dyck erwartete in diesen Tagen ihr drittes Kind. Gottes Handeln ist nicht immer zu verstehen. Über Wolfgang Dycks Leben kann man diesen Bibelvers schreiben:
„Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Sei es nun, dass wir leben, sei es, dass wir sterben, wir sind des Herrn.” Römer 14,8
