Generation X – Die Nomaden

Generation X – Die Nomaden

von Brenda Plonis

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Ich
habe das Glück, einen Beruf auszuüben, bei dem ich reisen kann.
Unterwegs suche ich immer das Gespräch mit Gleichaltrigen oder etwas
Jüngeren. Dabei ist mir aufgefallen, dass viele von ihnen offenbar
ebenfalls häufig „auf Achse“ sind.

Wir alle wandern durch die
Welt auf der Suche nach einer Lebensbestimmung und einem Lebenssinn.
Wir suchen im Internet, in Gesprächen mit Freunden, in kultigen Cafés,
Kneipen und Kolloquien, selten aber in der Kirche.

Der Frust
packt uns. Wir fühlen uns missachtet, unbeheimatet, missverstanden. Wir
sind die Generation X genannt worden, die im Stich gelassene
Generation, ein Haufen Ratloser. Sind wir das? Wir mögen wie Medien-
und Internet-Süchtige erscheinen, aber trotz aller virtuellen Realität,
die unsere Welt immer stärker bestimmt, wollen wir doch immer noch das
Echte, nicht das Falsche, Vorgetäuschte, Scheinheilige. Wir wollen
nicht, dass uns jemand predigt, wie man den Obdachlosen zu helfen habe.
Wir wollen, dass einer selbst hingeht und die Ärmel hochkrempelt und
uns dann um Hilfe bittet.

Von der Zukunft erwarten wir nicht
allzu viel. Morgen, das ist weit weg; bringen wir erst einmal das Heute
hinter uns. Nächste Woche? Kommt irgendwann. Nächstes Jahr? Warum
sollten wir so weit vorausdenken? Von Minute zu Minute ändert sich die
Welt. Wie ein junges Mädchen in Frankreich mir sagte: „Es ist leichter,
nicht darüber nachzudenken. Ich kann ja schon morgen sterben.“

Vielleicht
waren unsere Vorfahren darin ehrgeiziger. Sie wurden Ärzte und Anwälte,
weil sie hinter den gut bezahlten Berufen her waren. Wir dagegen
studieren Philosophie, Psychologie, Geisteswissenschaften und müssen
nach dem Examen froh sein, einen Job zu ergattern – irgendeinen.
Nicht, dass wir faul wären. Nur scheint Ehrgeiz immer sinnloser zu sein bei einer so unsicheren Zukunft.

Eine
der wenigen systematischen Studien über die Seelenlage unserer
Generation stammt von dem Harvard-Absolventen Tom Beaudoin. In seinem
Buch Virtual Faith – The Irreverent Spiritual Quest of Generation X
(„Virtueller Glaube: Die respektlose spirituelle Suche der Generation
X“) beleuchtet er unsere „Suche“ vom Standpunkt eines Leidensgenossen
dieser Generation X: „Wir sind die erste Generation Amerikaner, die
kein gemeinschaftliches Anliegen, keinen ,common cause’, mehr haben.
Frühere Generationen hatten den Vietnamkrieg, den zweiten Weltkrieg,
die Weltwirtschaftskrise und den ersten Weltkrieg als Fixpunkte ihres
Engagements. Die Generation X dagegen ist groß geworden ohne ein
Leitmotiv oder sogar: mit dem Leitmotiv des ,Ohne’.“ Er entdeckte, dass
„Xer“ letztendlich nach Spiritualität suchen, wenn auch meist nicht
mehr an den herkömmlichen heiligen Orten.

Zukunftsangst
In
Deutschland habe ich neulich mit Englischschülern gesprochen. Sie
gingen auf eine kleine reiche Privatschule und blickten trotzdem der
Zukunft mit Bangen entgegen. Anschließend kam ihre Lehrerin zu mir,
überrascht, dass ihre betuchten und verhätschelten Zöglinge so schwarz
sähen. „Was können sie denn noch mehr wollen?“, fragte sie. „Sie haben
herrliche Häuser, Autos … Ich begreife das nicht.“
Sie begriff es
wirklich nicht, nämlich, dass Menschen wie diese Jugendlichen – wie ich
– geistige Nomaden sind. Mit Materiellem – Fernsehern, Nintendos,
Stereoanlagen, Handys, Computern – sind wir reicher gesegnet als
irgendjemand je zuvor. Doch seelisch und geistig leben wir in Armut.
Wir
sind wurzellos. Wie die Nomaden sind wir unaufhörlich auf der Suche
nach der „grüneren“ Weide. Ich habe mir sagen lassen, dass dies
gefährlich sei, weil Entwurzelte dazu neigen, sich treiben zu lassen
und jeder windigen Idee zu folgen. Also: Wo finden wir festen, sicheren
Grund, auf dem wir unser Zelt aufschlagen und heimisch werden können?

Eine Generation von Nörglern
Es
ist schwierig, älteren Generationen unsere Suche plausibel zu machen.
Unsere mangelnde Bodenhaftung mag der Grund sein, warum unsere Eltern
(die Babyboomer) uns für eine Generation undankbarer Meckerfritzen
halten. Aber sie haben uns erst dazu gemacht.

Wir sind die
Schlüsselkinder von gestern, diejenigen, deren Eltern sich massenhaft
scheiden ließen oder Trinker, Drogenabhängige und Kinderschänder waren.
Wir waren diejenigen, die man vor dem Fernseher geparkt hat, um uns
ruhig zu stellen.

Ein junger Deutscher erzählte mir, auf einem
Besuch in England hätten einheimische Jungen ihn mit Steinen und Sand
beworfen und „Hitler!“ gebrüllt.
„Wieso soll ich mich schuldig
fühlen für etwas, an dem ich unbeteiligt war? Ich war damals überhaupt
noch nicht geboren  warum soll ich die Folgen tragen müssen?“, fragte
er.

Ähnlich wie dieser junge Mann denkt meine Generation über ihr Leben – womit haben wir das verdient, was wir durchmachen?
Viele
von uns haben zu rasch heranwachsen müssen. Jüngeren Geschwistern
mussten wir die Eltern ersetzen oder schon als Heranwachsende den
Haushalt durch Jobben mit unterhalten.

Tom Beaudoin sagt dazu:
„Zu klagen, die Älteren verstünden die Schwierigkeiten nicht, vor denen
die Xer heute stehen, ist eines; darauf hinzuweisen, in welchem Ausmaß
unsere Generation gezwungen war, die Elternrolle für unsere eigenen
Eltern zu spielen, ist ein anderes … Es geht ja nicht nur um ein
Gejammere ,Was soll ich morgen anziehen?’, es geht um Zukunftssuche
trotz der atomaren Bedrohung, trotz AIDS, trotz der nicht von uns
aufgehäuften Staatsschuld, die wir mit tragen müssen.“

Nur
ungern hören wir, wenn Ältere uns sagen: „Ja, als ich so alt war wie du
…“ Als sie so alt waren wie wir, haben sie sich da Sorgen gemacht
über die verschmutzte Umwelt, die Gentechnik, die Unterstützung
alternder Eltern, die fürs Alter nicht vorgesorgt hatten?
Wir sind
in unserem jungen Leben schon zu oft enttäuscht worden, als dass wir
noch wagen würden, unsere Hoffnung allzu hoch zu hängen.

Und so
ziehen wir immer weiter durch die spirituelle Wüste auf der Suche nach
der höheren Kraft, die uns helfen wird. Allmählich erkennen wir aber,
dass die Welt Nomaden nicht erträgt. Unsere Eltern wollen, dass wir
sesshaft werden, Arbeit finden, Vernunft annehmen, ein gut bürgerliches
Leben fristen. Merken sie nicht, dass sie uns zu ihrer Vergangenheit
hindirigieren, nicht in unsere Zukunft? Wir wollen nicht nur existieren
– wir wollen einen Grund zu leben.

Die Botschaft des Kreuzes
Seltsamerweise
ist die Botschaft des Christentums genau das, was wir suchen. Wenn sie
uns nur auf eine Weise vermittelt werden könnte, die uns nicht abstößt!
Prediger, die auf der Kanzel stehen und Feuer und Schwefel auf die
sündige Gemeinde herabbeschwören – ein Gruselbild für uns. Leute, die
auf der Straße Traktätchen verteilen und uns sagen „Bereue“, sonst
kommst du in die Hölle  die ärgern uns nur. Derlei haben wir in
unserem jungen Leben schon genug gehört.

Wir wollen
Authentizität und persönliche Beziehungen, und beides finden wir in der
organisierten Religion kaum noch. Wir sind nicht daran interessiert,
die Kirchen zu besuchen, wo Gott unter jahrtausendealten Traditionen
verschüttet zu sein scheint. Mit Skepsis erfüllen uns Kirchen, deren
Früchte Hader und deren Schäfchen Scheinheilige sind. Wenn wir an einen
Gott glauben sollen, dann muss der in der Lage sein, in Beziehung zu
uns zu treten. Einer, der wirklich einer von uns ist  Jesus. Es ist
vielleicht überraschend für Sie, zu erfahren, dass viele von uns trotz
allem an die Botschaft des Kreuzes glauben. Wir identifizieren uns mit
dem Schmerz und der Qual, die Jesus am Kreuz erlitten haben muss. Aber
ich glaube, wir sehen es aus einem anderen Blickwinkel als unsere
Eltern und Großeltern. Die neigen dazu, Jesu Opfer mehr als persönliche
Hilfeleistung anzusehen, indem er ihre Sündenstrafe auf sich genommen
hat. Meine Generation identifiziert sich mehr mit dem Jesus, der so
viel unverdientes Leid erduldet hat.

Jesus Christus hat nichts
getan, womit er Folter und Tod am Kreuz verdient hätte, ebenso wenig
wie wir die Welt verdienen, die wir geerbt haben. Wir können Jesu Gebet
im Garten Gethsemane nachfühlen. Er betete in tiefer Inbrunst, während
sein Schweiß wie Blut zu Boden rann. Wohl jeder von uns wird als Kind
schon seine Stoßgebete zum Himmel geschickt haben, Gott möge ihm diese
und jene Heimsuchung ersparen.

Kurz vor seiner Gefangennahme
sagte Jesus zu seinen Jüngern, dass die Welt ihn grundlos hasse. Das
ist eine Aussage, die auch wir nachvollziehen können. Als Kinder haben
wir gehört, wie unsere Eltern rumschrien und sich stritten, Teller
zerschmissen (oder Schlimmeres taten), uns an den Kopf warfen, sie
wünschten, wir wären nie geboren. Wir fühlten uns schuldig und machten
uns verantwortlich für die Ehescheidungen, Drogenprobleme und
Krankheiten unserer Erzeuger.

Deshalb wollen wir keinen Gott, der unsere Schuldgefühle über das bereits vorhandene Maß hinaus noch verstärkt.

Tom
Beaudoin schätzt unsere Stellung in der Gesellschaft zusammenfassend
ziemlich gut ein: „Gen-Xer haben in ihrer Generation, in ihrem eigenen
Leben und im Leben ihrer Umwelt genug Leid gesehen. Viele haben jenes
Leiden durch- und vorgelebt, das die Kirchen und andere Institutionen
meinen, wenn sie predigen. Doch diese Institutionen ziehen Gen-Xer
theologisch wie liturgisch nur höchst selten zu Rate, äußern sich oft
abschätzig über deren Populärkultur und gründen ihre Predigt kaum je
auf Lebenserfahrungen der Xer. Die Kirchen sollten das Leid  die
Frucht all des Misslungenen, Missratenen, deren Folgen die Gen-Xer
schultern mussten – in einem theologischen Kontext sehen, statt dieses
Leid zu verstärken oder auszubeuten. Christlich ausgedrückt, haben
manche Xer Jahrzehnte am Kreuz verbracht. Jetzt sollten sie Positiveres
vom Leben erwarten dürfen.“

Aber sind wir, als Generation, etwa
bereits des Lebens überdrüssig? Ich hoffe  nicht. Freilich wird diese
geistige Pilgerfahrt für manche von uns immer beschwerlicher. Doch
Jesus selbst hat gesagt: „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und
beladen seid; ich will euch erquicken.“ Führe uns zu ihm, wenn du den
Weg weißt! Und wenn du ihn nicht weißt, dann stehe uns bitte nicht im
Wege.

Bibelstellen: Lukas 22,39-44; Johannes 14,25; Matthäus 11,28.

wcg.org

Kommentare

  1. Ölzweig

    Wenigstens sind nicht alle so verlassen!

    Wer mit Gott und einem Ziel durch’s Leben geht, lässt sich auch durch ein paar Probleme nicht abschrecken.
    Ich sage, die Generation X ist einfach zu *faul* und zu *unselbstständig* um sich aufzuraffen. Lieber schwelgt man im Selbstmitleid (hört Nirwana) und jammert wie schlimm doch die Welt ist (natürlich immer die anderen).

    Die Generationen davor haben sich mit Wirtschaftskrise, NS-Zeit, Weltkriegen, Wiederaufbau, usw. rumschlagen müssen. Glauben die X-ler vielleicht, dass war einfacher?
    Ich denke, sie nahmen sich selbst zu wichtig und haben gemerkt, dass sie es nicht sind!
    Sie wollten alles, hatten alles und merkten dann, dass sie doch nichts hatten.
    Sie wollten überall sein und sind nirgends angekommen.

    Zur Info: ich bin Jahrgang ’73

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