Heute vor 145 Jahren, starb Fjodor Dostojewski.


“Eine bewußte Hinwendung zum christlichen Glauben geschah allerdings erst in seiner Zeit im Straflager, in der Katorga, in der Nähe von Omsk in Sibirien (1850-1854). Auf dem Wege dorthin wurde ihm ein Neues Testament geschenkt. Das Neue Testament war das einzige Buch, das in der Katorga erlaubt war.

Seine Frau schreibt in ihren Memoiren:

”Während der ganzen vier Jahre seiner Gefangenschaft gestattete Fjodor Michailowitsch nicht eine Minute lang eine Trennung von dem heiligen Buch.. Als er 20 Jahre später sich seiner Leiden und seiner Bekümmerung erinnerte, pflegte er zu sagen, daß das Evangelium das Einzige war, das ihm überhaupt die Hoffnung erhielt. Nur von diesem Buch wurde er aufgerichtet. Wann immer er sich ihm zuwandte, fühlte er sich mit neuer Energie und Stärke gefüllt.” – ”Vier Jahre lang pflegte es im Gefängnis unter meinem Kissen zu liegen”, erzählt der Schriftsteller selbst. ”Von Zeit zu Zeit las ich darin und las anderen laut vor.”

Seine Frau Anna Grigorjewna sagte später, daß das Exemplar des Neuen Testaments immer auf dem Schreibtisch zu finden war: ”Wann immer er in Gedanken verloren schien oder in Zweifel über etwas stand, öffnete er das NT an einer beliebigen Stelle und las, was immer er auf der aufgeschlagenen linken Seite fand.” Sicher eine etwas merkwürdige Art, das Neue Testament zu lesen!

Dieses Exemplar des Neuen Testaments wurde 1983 im Lenin-Museum in Moskau von dem norwegischen Dostojewski-Forscher G. Kjetsaa, der auch eine Biographie über Dostojewski geschrieben hat, ausgewertet.

Es finden sich etwa 200 Anstreichungen bzw. Anmerkungen in dieser Ausgabe, und zwar betreffen sie 21 der 27 Bücher des Neuen Testaments. Das Markusevangelium wird zweimal, das Lukasevangelium siebenmal, aber der 1. Johannesbrief sechsmal, die Offenbarung des Johannes 16mal, das Johannesevangelium 58mal angestrichen. Ein Grund dafür ist sicher, daß das Johannesevangelium das Evangelium der Ostkirche ist.. Für die Bevorzugung des Johannesevangeliums spricht nach Kjetsaa aber auch, daß das Johannesevangelium in besonderer Weise die Tatsache betont, daß Jesus der Eine ist, in dem sich Gott den Menschen offenbart. In den Notizen zu den “Dämonen” schrieb Dostojewski: ”Es ist nicht Christi moralisch-menschliches Beispiel, noch seine Lehre, die die Welt retten werden, nein, es ist allein der Glaube, daß das Wort Fleisch wurde.”

Eine Vorliebe hatte Dostojewski für Abschnitte, die sich mit dem Gericht Gottes und mit Ermahnungen in der Bibel befassen. Darüber hinaus kann man drei Themen in besonderer Weise beobachten:

1. Wie kommt man vom Zweifel zum Glauben?

2. ”Auferstehung”, und

3. die Person Jesu Christi

Zu 1. streicht er die Geschichte von Nathanael an, dem ersten Zweifler, der auf die Frage, ob nicht Jesus etwa der verheißene Prophet sei, mit dem wahrhaft skeptischen Zitat antwortet: ”Was kann aus Nazareth Gutes kommen?” (Joh 1,46). Hierhin gehört auch die Geschichte von Thomas, dem letzten, im gleichen Evangelium erwähnten Zweifler: ”Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meine Finger in das Mal der Nägel lege und lege meine Hand in seine Seite, so werde ich nicht glauben” (Joh 20,25). Angestrichen ist auch der Abschnitt über die Verwandten Jesu, die ihn nicht verstanden (Joh 7,5) und ihn sogar für verrückt hielten (Mk 3,21). Aber er streicht auch den beschriebenen Glauben und das Bekenntnis bei Nathanael an: ”Du bist der Sohn Gottes, der Sohn Israels” oder bei Thomas: ”Mein Herr und mein Gott.”( Joh 1,49; Joh 20,28)

Zu 2: Beispiel für das Thema “Auferstehung” ist vor allen Dingen die Geschichte der Auferweckung des Lazarus, Joh 11, aber auch ein Satz wie Joh 6,40: “Wer an den Sohn glaubt, der wird das ewige Leben haben, und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.”

3. Zur Person Jesu: ”Wer mich sieht, sieht den Vater”(Joh 14,9), ”Ich und der Vater sind eins” (Joh 10,30), ”Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben”( Joh 14,6).

Kommen wir nun von seinen im Neuen Testament angestrichenen Stellen zu seinen Werken. Hier wird das Neue Testament oft direkt zitiert, z.B. als eines der beiden Mottos zu Beginn der ”Dämonen” oder als Motto für ”Die Brüder Karamasow”. Auf beide Textstellen wird in den Romanen jeweils ausdrücklich Bezug genommen. Das Motto der “Brüder Karamasow” findet sich auch auf dem Grabstein Dostojewskis.

Es werden auch längere Abschnitte zitiert, z.B. Joh 11,1-46 die Auferweckung des Lazarus in “Schuld und Sühne” oder Mt 4,1-11 die Versuchungsgeschichte Jesu ( bei Dostojewski vom Standpunkt des Versuchers aus erzählt) in der Geschichte vom Großinquisitor und die Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit in Kana (Joh 2,1-11) in den “Brüdern Karamasow”.

Werfen wir einen kurzen Blick auf diese Beispiele. Der Großinquisitor sagt zu Christus: Dir wurden die drei wichtigsten Fragen der Menschheit gestellt. Du hast sie alle drei falsch beantwortet. Erstens: Brot oder Freiheit? Du gabst den Menschen die Freiheit, sie aber wollen Brot und sie wollen jemanden, an den sie ihre Freiheit abgeben, dem sie sich unterordnen können. Das werden wir ihnen geben. Zweitens: Wunder, Autorität und Geheimnis oder Gott? Du sagst: Gott ist wichtiger als Wunder, Autorität und Geheimnis, du überforderst auch hier die Menschen. Du bist nur für die Auserwählten, die Starken da, wir nehmen uns auch der Schwachen an. Drittens.:Es wurde dir angeboten, alle Reiche dieser Welt zu vereinigen. Du hast abgelehnt. Aber die Vereinigung aller Reiche auf Erden ist der große Traum der Menschheit, dahin zielt ihr Streben.

Darüber hinaus beschreibt der Großinquisitor Mechanismen, die von den Diktaturen dieses Jahrhunderts beherzigt wurden: Wer die Menschen beherrschen will, muß ihre Gewissen beherrschen. Ein Gewissen beherrscht man, wenn man es entlastet. Die Entlastung der Gewissen in diesem Jahrhundert lautete: Der Führer hat immer recht – die Partei hat immer recht.

Jesus gibt dem Großinquisitor einen Kuß – schweigend. Durch diese Geste stimmt er nicht zu, sondern macht dem Großinquisitor mit dieser Geste das Angebot zu ihm, dem Leben umzukehren, sich von ihm ansprechen zu lassen .Der Großinquisitor ist kurz bewegt – es zuckt an seinem Mundwinkel – doch er bleibt bei seiner früheren Idee. Er ist weder zur Umkehr noch gar zur Reue fähig.

Die Bekehrungsgeschichte Aljoschas in den “Brüdern Karamasow” ereignet sich im Zusammenhang mit der Lesung der Geschichte von der Verwandlung von Wasser in Wein durch Jesus (Joh 2). Erschöpft und übermüdet nach einem anstrengenden und für ihn niederschmetternden Tag hört Aljoscha – halb schlafend – diese Geschichte ”vom ersten Zeichen, das Jesus tat”. Im Halbschlaf sieht er die Hochzeitsgesellschaft; immer mehr Menschen nehmen an diesem Fest teil. Der von ihm verehrte und geliebte Staretz ist ebenfalls anwesend und ruft ihn, auch zu kommen. ”Nicht das Leid, nein, die Freude der Menschen suchte Jesus auf, als er sein erstes Wunder vollbrachte, zur Freude verhalf er ihnen….Er hat Wasser in Wein verwandelt, damit die Freude der Gäste nicht aufhöre. Neue Gäste erwartet Er, und ununterbrochen lädt Er neue ein, und so fort bis in alle Ewigkeit…”

“Es war Aljoscha, als brenne etwas in seinem Herzen und erfülle es mit unsäglichem Schmerz. Tränen der Begeisterung lösten sich aus seiner Seele…Er breitete seine Arme aus, schrie auf und erwachte … Ihm war, als verbänden sich unsichtbare Fäden von all diesen zahllosen Welten Gottes in ihm, und seine ganze Seele erschauerte ‘in der Berührung mit anderen Welten’. Er wollte allen alles vergeben und selbst um Vergebung bitten… Sein ganzes Leben lang, niemals, niemals konnte Aljoscha diesen Augenblick vergessen… ‘Jemand hat in dieser Stunde meine Seele heimgesucht’”.

Ludolf Müller interpretiert diese Stelle so: “’Jemand’… sucht die Seele Aljoschas heim. Es ist wohl kein Zufall, daß Dostojewski hier das personhafte Pronomen benutzt, während er sonst eher geneigt ist, Gott mit unpersönlichen, nicht -personhaften Wendungen zu umschreiben. Das Empfinden der Berührung mit anderen Welten wird in Aljoscha hier so stark, so konkret, daß das göttliche Sein als Person, als ‘jemand’ … empfunden, erlebt wird.”

Nach Ludolf Müller zeigt Dostojewski in der Bekehrungsgeschichte Aljoschas, daß die “Beziehungen zwischen Gott und Welt echte Wechselbeziehungen sein können, Beziehungen, die nicht nur vom Menschen in der Meditation hinaufgehen zu Gott, sondern auch von Gott herab zum Menschen.”

Sehen wir uns ein anderes Beispiel etwas genauer an, und zwar die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus.

Auf diese Geschichte aus dem Johannesevangelium wird dreimal im Roman ”Schuld und Sühne” Bezug genommen. Zunächst im ersten Gespräch Raskolnikows mit dem Untersuchungsrichter Porfirij. Raskolnikow spricht vom neuen Jerusalem als Ziel der Geschichte der Menschheit. Porfirij fragt ihn ganz überrascht: ”Sie glauben also immerhin an das Neue Jerusalem?” “Ich glaube”, antwortete Raskolnikow mit Bestimmtheit; als er antwortete wie auch während seiner langen Rede, blickte er zu Boden, wo er sich einen bestimmten Punkt auf dem Teppich ausgesucht hatte.

“Und… und…und glauben Sie auch an Gott?”… “Ich glaube”, wiederholte Raskolnikow, wobei er den Blick zu Porfirij hob.

“Und … glauben Sie auch an die Auferweckung des Lazarus?”

“Ich … ich glaube. Warum wollen Sie das wissen?”

“Glauben Sie buchstäblich daran?” “Buchstäblich.”

Die drei Fragen des Untersuchungsrichters sind eine Steigerung hin zum Konkreten. Der Glaube an das neue Jerusalem, also an das Paradies auf Erden war ein Glaube, den im 19. und selbst im 20. Jahrhundert viele Menschen hatten. Der unbestimmte Glaube an einen Gott ist nicht nur für das 19., sondern auch für das 20. Jahrhundert zutreffend, daß man also irgendwie an irgendeine höhere Macht glaubt. Aber die Auferweckung des Lazarus zu glauben , bedeutet, daß man ein konkretes, historisches Ereignis glaubt, das ein Zeichen der Macht Jesu Christi ist.

Unmittelbar nach diesem Gespräch ist Raskolnikow bei Sonja und sieht eine Ausgabe des Neuen Testamentes bei ihr auf dem Schrank liegen. Das Neue Testament, das 1821, im Geburtsjahr von Dostojewski, ins Russische übersetzt worden ist. Diese Ausgabe des Neuen Testamentes war ”alt, fleißig genutzt, in Leder gebunden”, wie übrigens auch Dostojewskis eigene Ausgabe. Raskolnikow fordert sie auf, die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus vorzulesen; wahrscheinlich, um sich zu erinnern, was er denn nun ”buchstäblich” glaubt. Nach der Lesung tritt für fünf Minuten Schweigen ein. Wer einmal versucht hat, mit wenigen Menschen in einem Raum für eine Minute ganz still zu sein, weiß wie bedrückend lang solche Minuten sein können. Raskolnikow ist betroffen. Diese Geschichte spiegelt seine eigene Situation wieder. Tot und bereits der Verwesung nahe, das ist er. Leben ist das, was er möchte, Auferstehung ist das, was er nötig hat. Deshalb wird er von der Aussage Jesu so stark angesprochen: ”Ich bin die Auferstehung und das Leben…”(Joh 11,25).

Im Epilog taucht dann die Lazarusgeschichte zum dritten Mal auf. Warum eine solche Betonung der Lazarusgeschichte? Ludolf Müller vermutet, weil nach David Friedrich Strauß die Lazarusgeschichte die unwahrscheinlichste aller Wundergeschichten im Neuen Testament ist, und Dostojewski hatte als Student das einflußreiche Buch von David Friedrich Strauß (”Das Leben Jesu – kritisch bearbeitet”) gelesen und setzt sich gerade deshalb damit auseinander.

Über die angegebenen Beispiele hinaus gibt es noch eine Fülle anderer wörtlicher Zitate von Bibelstellen in den Werken Dostojewskis.

Eine andere Frage soll noch angesprochen werden: Wie hat Dostojewski biblische Gedanken in seinem Werk umgesetzt? Ein Beispiel mag den Weg vom Zweifel zum Glauben illustrieren: Dostojewski hat Zweifel an Gott selbst stark erfahren, intellektuell im Kreis von Petraschewski, existentiell hervorgerufen durch die vom Zaren inszenierte Scheinhinrichtung auf dem Semjonowplatz in Petersburg, durch das Leben in der Katorga, und durch den frühen Tod zweier Kinder.

Für ihn ist beim Weg vom Zweifel zum Glauben nicht der Zweifel das Problem, sondern die Lauheit, die Gleichgültigkeit der Menschen. Er zitiert in den ”Bösen Geistern” aus der Offenbarung: ”Daß du doch heiß oder kalt wärest, aber du bist lau.” (Off 3,15). Nathanael und Thomas waren nicht lau, sie wollten die Wahrheit wissen. Sie werden nicht wegen ihrer Zweifel von Jesus getadelt. Zu Nathanael sagt Jesus sogar: ”Ein wahrer Israelit ohne Falsch.” Sie wollen wirklich die Wahrheit wissen und sie lassen sich überzeugen. Sie reagieren auf die Erkenntnis der Wahrheit mit einem Bekenntnis zu Christus.

Für Dostojewski sind die Person Christi und die Tatsache seiner Auferstehung das Zentrum des Evangeliums. Entweder ist Christus auferstanden, oder ich begehe Selbstmord. Die Helden Dostojewskis leben zwischen diesen Extremen, die Konsequenten unter ihnen, nicht alle, kommen entweder zu Christus oder begehen Selbstmord. Daß es nicht alle tun, hängt mit einer Tatsache zusammen, die Camus so beschrieben hat: ”Es ist leicht, logisch zu sein, aber es ist schwer, logisch zu sein bis zum Ende.”

Die Auferstehung Christi ist der Eckstein des Glaubens bei Dostojewski. Christus ist also nicht nur ein Vorbild im ethischen Handeln, er ist Sieger über den Tod. Das Evangelium öffnet sich Dostojewski als ein Buch über die Auferstehung. Alle Tragik und Absurdität des Lebens sieht er in der Auferstehung überwunden. Die Auferstehung hat stattgefunden in der Geschichte. Sie hat Heilsauswirkung bis in die Gegenwart hinein.

Was könnte man innerhalb der Grenzen dieses Weltgeschehens Iwan Karamasow antworten, der angesichts des Todes kleiner Kinder seine Eintrittskarte in diese Welt zurückgeben will? In dieser Welt wird das Leid nicht aufgehoben, hier gibt es keine Antwort. Die einzig mögliche Antwort ist die Tatsache der Auferstehung Jesu. Camus und Dostojewski hielten beide die Geschichte der Welt für absurd, aber es gab in ihrem Denken einen großen Unterschied. Dostojewski ging davon aus, daß Jesus von den Toten auferstanden ist, Camus nicht. Nur einer kann Recht haben. Das Leid ist eine Folge des Abfalls von Gott, und die Auferstehung Jesu ist ein neues Kapitel der Geschichte Gottes mit den Menschen. Entscheidend für die Heilung eines Menschen ist die Umkehr zu Gott.

In dem Roman ”Die Brüder Karamasow” wird das Theodizeeproblem behandelt. Es geht um die Frage: Wie ist ein liebender Gott angesichts der Leiden der Welt denkbar? Die Anfragen und Anklagen werden von Iwan formuliert. Doch wo ist die Antwort Dostojewskis? Die Antwort geschieht nicht auf argumentativem Weg, sondern besteht in der Person des Staretz Sossima. Es werden also keine theoretischen, dogmatischen Antworten gegeben, sondern das Beispiel einer konkreten Person, der man nachfolgen kann, vor Augen gemalt. Die Evangelien enthalten ja auch in erster Linie keine Dogmatik, sondern Mittelpunkt ist eine Person: Jesus von Nazareth. Sein Leben, sein Sterben und seine Auferweckung.

Unmittelbar vor seinem Tod las Dostojewski zwei Texte aus dem Neuen Testament. Das eine war eine zufällige Begegnung mit dem Vers Mt 3,15: ”Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf wohl, daß ich getauft werde von dir, und du kommst zu mir! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Halte mich nicht zurück, also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.” Nachdem er diese Worte gehört hatte, dachte er einen Augenblick nach und sagte dann zu seiner Frau: ”Hast du es gehört? Halte mich nicht zurück. Meine Stunde ist gekommen”.

Später ließ er seine beiden Kinder kommen und las ihnen Lk 15, die Geschichte von den beiden verlorenen Söhnen, vor und sagte: ”Meine Kinder, vergeßt nie, was ihr eben gehört habt. Habt unbedingtes Vertrauen auf Gott und zweifelt nie an seiner Gnade. Ich liebe euch sehr, aber meine Liebe ist nichts im Vergleich zu Gottes unendlicher Liebe zu den Menschen. Selbst wenn ihr ein Verbrechen begehen solltet, so zweifelt niemals an Gott. Ihr seid seine Kinder, demütigt euch vor ihm, so wie der verlorene Sohn sich vor seinem Vater demütigte. Bittet ihn um Vergebung, dann wird er sich freuen, so wie sich der Vater über die Heimkehr des verlorenen Sohnes freute.”

Hier klingen noch einmal zentrale Themen seiner großen Romane an: Reue, Umkehr und Vergebung. Ohne Reue, Umkehr und Vergebung kann der Mensch nicht von seiner inneren Zerrissenheit geheilt werden. Deshalb läßt Dostojewski den Staretz Sossima sagen: ”Wenn nur die Reue in dir nicht erlahmt, so wird Gott alles verzeihen”. Und zur Vergebung gehört nicht nur, daß man sie von Gott annimmt, sondern auch, daß man den anderen vergibt. “Laß dich von den Menschen nicht erbittern und ärgere dich nicht über Kränkungen…vergib im Herzen alles, söhne dich aus … in Wahrheit..”

Am Ende des Romans “Schuld und Sühne” heißt es von Raskolnikow, daß er die Dialektik gegen das Leben eintauscht. Diese Umkehr beginnt für Raskolnikow, als er innerlich realisiert, daß er von Sonja geliebt wird.

In den Manuskripten von ”Schuld und Sühne” läßt Dostojewski Raskolnikow eine Vision von Christus erleben. In der Fassung, die Dostojewski dann zum Druck gebracht hat, denkt Raskolnikow darüber nach, daß sein neues Leben auch damit beginnen sollte, daß er das Neue Testament liest. Die Ersetzung der Vision Christi durch die Lektüre des Neuen Testaments hängt sicher auch damit zusammen, daß das Evangelium das Buch ist, in dem wir Christus begegnen und in ihm das Leben finden können. Davon war Dostojewski überzeugt.” https://www.begruendet-glauben.org/literatur/spiess-2020-dostojeswki-und-das-neue-testament/

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