Ich vergab dem Mörder meiner Tochter.

Ursula Link

„Seit meiner Scheidung 1992 bin ich, Ursula Link, allein erziehende Mutter von zwei Mädchen. Sie waren damals noch relativ jung, Nadine war sechs und Steffi acht Jahre alt. Ich war Teilzeit berufstätig, doch als Ausgleich hatten wir einen kleinen Stall auf einer gepachteten Wiese und jede von uns hatte ein Pony, bzw. Kleinpferd. Dort verlebten wir viele schöne Stunden, hatten sehr viel Freude und hielten wie ein Kleeblatt alle drei immer fest zusammen. Steffi als die Ältere hat sich immer schon sehr liebevoll um Nadine gekümmert, die Zwei waren fast unzertrennlich. Ich genoss jeden Moment des Zusammenseins mit meinen Kindern. Es war nicht immer leicht, es gab viele Tiefen, aber auch Höhen, oft Sorgen und Nöte, besonders auch finanziell, aber auch sehr viele schöne Zeiten, für die ich heute besonders dankbar bin.

Von Gott hatte ich mich seit meiner Jugendzeit getrennt. Meine Großeltern waren evangelisch, und sie haben mir viel von Jesus erzählt, mich gelehrt zu beten und mir Geschichten aus der Bibel nahe gebracht. Als sie nicht mehr lebten kam ich zu der Meinung, dass Gott nicht existiert, wenn er so viel Leid und Probleme überall und besonders in meinem Leben zuläßt.

Als Steffi in das Alter kam, um konfirmiert zu werden, meldete ich sie zum Konfirmandenunterricht an. Wir lebten damals in Bad Krozingen. Der Pfarrer sagte zu uns Eltern, wir sollten die Kinder zum Gottesdienst begleiten, damit wir evtl. mit ihnen darüber reden können. Der Sonntag war eigentlich der einzige Tag, an dem ich mal länger schlafen konnte, doch ich ging, Steffi zuliebe, mit ihr in die Gottesdienste. Doch wie erstaunt war ich, als ich merkte, dass da etwas mit mir passierte: Oft schon nach 10 Minuten fing ich an, oft vom Alltag und aller Verantwortung sehr erschöpft, durchzuatmen, konnte ich mich gerade hinsetzen, spürte, dass ich neue Kraft bekam und empfand, dass die Predigten voll in mein Leben hineinsprachen. So freute ich mich mehr und mehr auf den nächsten Sonntag, spürte, dass ich dort für die ganze Woche Kraft empfing. Nach Steffis Konfirmation 1998 ging ich weiterhin sonntags zum Gottesdienst, meistens alleine.

In der Neujahrsnacht 2000 geschah dann das Unfaßbare, von dem ich nie gedacht hätte, dass es in meinem Leben geschehen könnte, ich dachte immer, so etwas geschieht nur im Fernsehen oder in Romanen: Steffi kam von der Silvesterfeier in Freiburg, auf der sie mit Freundinnen war, nicht mehr nach Hause. Sie wurde in dieser Nacht sehr grausam und sehr brutal ermordet.

Für Nadine und mich brach damals unsere Welt zusammen. Der Schmerz über den Tod von Steffi und besonders auch über die Grausamkeit der Tat, ließ uns vollkommen zusammenbrechen. Wir sahen auf einmal keinen Sinn mehr in unserem Leben, konnten und wollten uns nicht mehr freuen, wussten nicht, wie wir den Alltag, der über kurz oder lang wieder weitergehen sollte, bewältigen sollten, da wir zu dem Schmerz auch noch besonders stark durch Alpträume gequält wurden. Wir wagten gar nicht mehr, schlafen zu gehen. Wir konnten keine Menschen um uns herum ertragen, auch war es unerträglich zu sehen, wie für sie der Alltag weiterging, während unser Leben zerstört war, es gab für uns keinen Alltag mehr, nur einen riesengroßen Schmerz. Probleme holten uns mehr und mehr ein, Nadine in der Schule, sie wurde zur Außenseiterin, weil ihre Freunde und Freundinnen nicht wussten, wie sie ihr begegnen sollten, für mich bei der Arbeit, weil ich keine Kraft mehr hatte, oft in hemmungsloses Weinen ausbrach, und deshalb gar nicht unter Menschen sein wollte. Finanzielle Sorgen kamen noch zusätzlich erschwerend hinzu. Kurz: Wir gingen durch die Hölle. Es gab keine Perspektive mehr für unser Leben. Es war auch kein Trost, dass der Täter bald von der Kriminalpolizei gefaßt und verurteilt wurde. Viele Freunde versuchten uns zu helfen. Auch ein Ehepaar vom Weißen Ring, mit dem uns bald eine sehr gute Freundschaft verband. Wir erhielten eine wirklich sehr gute Unterstützung und Begleitung durch Beamte der Kriminalpolizei, aber keiner konnte wirklich verstehen, wie es in uns aussah.

Etwa zwei Jahre nach der Tat unternahm Nadine einen Selbstmordversuch, weil sie dieses Leben nicht mehr ertragen konnte. Ich dachte auch immer wieder darüber nach, wie ich es am schmerzlosesten durchführen könnte, aber ich wollte doch noch für Nadine da sein, dachte, ich kann sie doch nicht allein lassen. Nadine wurde gerettet, kam nach dem Krankenhausaufenthalt in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Freiburg, verbrachte dort einige Wochen und im Laufe des Jahres nahmen wir dort beide an einer Verhaltenstherapie teil. Doch auch das half wenig, genauso wie eine Therapie, die ich begonnen hatte, sie jedoch wieder abgebrochen habe, da ich sie nur als ein Salz-in-die-Wunde-streuen empfunden habe. Nadine empfand kurzfristige Erleichterung ihrer seelischen Not, wenn sie sich ritzte, und das Blut floss. Die Ärzte sagten, das ist auch eine Form von Selbstmord, aber auf Raten.

Irgendwann in dieser Zeit dachte ich daran, wie gut es mir in Bad Krozingen in der Kirche ergangen war. So begann ich wieder, sonntags in die Gottesdienste zu gehen. Jedoch kam ich immer erst etwas später, da der Pfarrer einen am Eingang begrüßte. Setzte mich dann in die allerletzte Reihe in die Ecke, in der Hoffnung, dass sich niemand neben mich setzt, da ich das nicht ertragen hätte, und ging dann auch wieder früher. Ich spürte wieder, es tat mir gut, da zu sein, und so ging ich regelmäßig, bis ich eines Tages, während der Predigt, eine Vision von Steffi bekam: Es war, als würde im Gottesdienstraum eine große Filmleinwand erscheinen, und da war Steffi! Ich sah nur ihr Gesicht. Sie redete nicht, strahlte nur, sah wunderschön aus und in ihrem Blick war ein tiefer, tiefer Frieden. Nie werde ich dieses Bild vergessen!

Ich dankte Gott für dieses Erlebnis, ich dachte, so kann nur jemand aussehen, der ganz nah bei Gott ist! Es machte mir Mut, weiter zu leben, und es gab mir eine neue Hoffnung. Doch der Alltag war weiterhin überfordernd. Sehr große finanzielle Probleme kamen erschwerend zu allem anderen hinzu. Es kam ein Punkt, an dem Nadine und ich nicht mehr weiterwussten. Wir dachten, wir gehen jetzt noch zu einer Freundin von uns (d. h. der Mutter ihrer Freundin), sie hatte uns einmal Hilfe, auch finanziell, angeboten. Es war uns beiden sehr peinlich, aber wir dachten, das ist unsere letzte Chance. Diese Freundin sagte uns, dass sie uns im Moment auch nicht weiterhelfen könnte. Eigentlich gibt es nur noch einen, der euch in eurer Situation helfen kann, und das ist Jesus. Wenn ihr bereit seid, ihm eurer Leben anzuvertrauen, wird er euch helfen! Wenn ihr möchtet, bete ich mit euch!

Kein Mensch konnte uns bis hierher helfen. Also, was soll’s, dachten wir, es ist sowieso vorbei, wir haben nichts zu verlieren. Warum sollen wir es nicht versuchen (ich dachte immer, ich habe doch meinen Glauben an Gott, er hilft mir doch schon, und mehr geht einfach nicht). Am 24. Oktober 2002, an diesem Abend, betete unsere Freundin mit uns, und Nadine und ich übergaben beide unser Leben in die Hände von Jesus. Wir nahmen IHN als unseren HERRN und Erlöser an und wollten IHM von nun an vertrauen, dass ER für uns sorgt!

Tatsächlich gingen wir mit neuer Hoffnung in unseren Herzen nach Hause. In den nächsten Tagen und Wochen gingen wir sehr regelmäßig zusammen zu unserer Freundin, sie betete mit uns, wir lasen gemeinsam in der Bibel, sie beantwortete uns Fragen und zeigte uns, wie man lebt, wenn man Jesus vertraut, an IHN glaubt. Ich begann auch abends, vor dem Einschlafen, in der Bibel zu lesen („Hoffnung für alle“ – hatte mir mal jemand geschenkt), und danach konnte ich schlafen ohne Alpträume und fühlte mich am nächsten Morgen so fit, dass ich zur Arbeit gehen konnte. Ich dachte, dass das ein Zufall war, so probierte ich es am nächsten Tag wieder, und es geschah wieder so. Von da an las ich regelmäßig selber in der Bibel, wollte Jesus kennen lernen, und konnte gar nicht genug von IHM hören, lesen, und IHN erfahren. ER heilte uns. Langsam, Schritt für Schritt, kam Heilung in uns, Depressionen verschwanden, Alpträume wurden zuerst weniger, dann hörten sie auf. Nadine schnitt sich nicht mehr und sogar ihre schlimmen Narben waren eines Tages einfach weg. Nicht nur meine Seele war bis dahin ein einziger Schmerz, auch mein Körper. Ich litt an vielen, schmerzhaften Erkrankungen. Jesus heilte mich, immer wieder ein Stückchen mehr. Und ich wurde so hungrig danach, IHN kennen zu lernen. Eine Zeit lang ging ich noch in die evangelische Kirche, doch irgendwann ‘wagte’ ich es, mit Nadine in die Freikirche unserer Freundin zu gehen, eine Pfingstgemeinde. Anfangs ähnlich wie oben beschrieben: Ich kam zu spät und ging viel früher, um mit niemandem reden zu müssen, ich hatte immer wieder Angst, dabei in Tränen auszubrechen, stand immer ganz hinten in einer Ecke. Da stand dann beim nächsten mal ein Stuhl für mich. Als an einem Sonntag das Abendmahl gefeiert wurde, kam jemand auf mich zu und bot mir Brot und Wein an. Von da ab wurde ich sicherer, und bald gehörte ich zu der Gemeinde dazu, bekam neue Freunde, eine neue Familie, Nadine und ich fühlten uns dort sehr wohl. Wir beide waren lichterloh für Jesus entbrannt. Es tat so gut, sich von IHM helfen zu lassen! Unser Leben war von diesem besagten Abend an voll auf IHN ausgerichtet.

Etwa ein halbes Jahr später hatte ich den dringenden Wunsch, mich taufen zu lassen. In der Taufvorbereitungszeit kam bei mir mehr und mehr die Frage auf: Was ist denn mit Steffi? Nadine und ich hatten unser Leben Jesus anvertraut und hatten ein vollkommen neues Leben geschenkt bekommen. Doch beim Lesen in der Bibel erfuhr ich immer wieder: Nur wer sich bekehrt hat das Ewige Leben, nur wer den Sohn annimmt wird beim Vater sein, und Jesus sagt: Ihr müsst von neuem geboren werden…. Das bewegte mich sehr. Ich hatte doch die Vision von ihr, dachte, sie ist ganz nah bei Gott, doch war das wirklich so?

Kurz vor meiner Taufe überfielen mich diesbezüglich nochmals Depressionen. Ich schrie innerlich und im Gebet zu Jesus: Was ist mit Steffi? Da fühlte ich mich wie von einer Kraft geführt, vom Sofa aufzustehen und zu meinem Wohnzimmerschrank zu gehen. Dann nahm ich eine kleine Bibel in die Hand, die ich beim Aufräumen in ihrem Zimmer gefunden hatte. Ich wollte sie schon wegwerfen, weil ich dachte, die Kinder haben zur Einschulung und Konfirmation Bibeln bekommen, wir haben genug, dieser kleine grüne Kunststoffeinband, gefiel mir nicht so sehr. Doch ich warf sie nicht weg, sondern legte sie in meinen Schrank. Also, ich hatte sie schon öfter in der Hand gehabt, aber als ich mich so dahin gezogen fühlte und sie nahm, schlug ich sie auf. Ich schlug genau die Seite auf, auf der Steffi in dieser Gideonbibel auf der letzten Seite das Übergabegebet unterschrieben hatte, im Alter von 11 Jahren! Meine Worte reichen hier an dieser Stelle nicht aus, meine Freude zu beschreiben, mein Glück, meine Dankbarkeit an Jesus, der mir in diesem Augenblick alle Zweifel damit wegwischte und zu mir sagte: „Schau hier, es ist alles in Ordnung. Steffi ist wirklich bei mir, es geht ihr sehr gut!” Jesus zeigte mir schwarz auf weiß, dass ER für alles gesorgt hat! Welch eine Freude war in mir, ich dachte, ich ertrage es kaum noch. In dieser Freude ließ ich mich taufen und folge IHM, der so wunderbar und voller Liebe für mich ist, ich wollte und möchte mein ganzes Leben nur noch für diesen Einen wunderbaren Jesus leben – in SEINER Liebe, in SEINER Gegenwart, in tiefer und inniger Liebesbeziehung zu IHM.“ www.gemeindenetzwerk.org/?p=10527

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