Judas- Evangelium

ist doch keins….

Das Judas-Evangelium: Müssen wir jetzt unsere Bibeln umschreiben?

Pünktlich vor Ostern wird einmal mehr versucht, an den Grundfesten des christlichen Glaubens zu rütteln. Diesmal: NATIONAL GEOGRAPHIC veröffentlicht das Judas-Evangelium in zig Sprachen überall auf der Welt. Als "religionswissenschaftliche Sensation" (NG) gefeiert, sehen das die Experten und die übrige Presse wesentlich gelassener: Ein interessanter Einblick in die Theologie der Gnostiker, aber nichts von Bedeutung für die Bibel.

Das ist Stoff für Verschwörungstheorien und Sensationsjournalismus: Ein "Evangelium" von Judas Ischarioth, dem Verräter Jesu, das Judas nicht nur rehabilitiert, sondern gar als den einzigen darstellt, der wirklich verstanden habe, was Jesus wollte. Endlich die Wahrheit über das, was sich vor fast zweitausend Jahren abspielte. Tatsächlich? Keiner der beteiligten oder gefragten Wissenschaftler will sich auch nur im Ansatz dieser Interpretation anschließen. Ein interessanter Einblick in das Denken einer bestimmten Gruppe dieser Zeit, das ja. Aber ohne Relevanz für die tatsächlichen historischen Abläufe rund um den Tod Jesu.

Ein weiteres gnostisches "Evangelium"

"Der geheime Bericht der Offenbarung, die Jesus im Gespräch mit Judas Iskarioth verkündete." – Schon der erste Satz des sogenannten "Judas-Evangeliums" zeigt, daß dieser Text eine gnostische Schrift ist. Die Gnosis (griechisch für "Erkenntis") ist die vielleicht älteste Irrlehre in der Christenheit. Schon in den späten Briefen (2. Petrus, Judas, 1. Johannes) und in den Sendschreiben der Offenbarung finden sich Warnungen vor dieser falschen Lehre. Zentraler Aspekt der Gnosis war ein Geheimwissen, eine geheime Offenbarung, die nur Eingeweihten zugängig war. Und genau das drückt der erste Satz des "Judas-Evangeliums" aus.

Damit steht es in einer Reihe mit anderen gnostischen Texten wie dem "Thomas-Evangelium", die immer wieder in den populären Medien aufgegriffen, von Experten aber nicht als Informationsquelle über die tatsächlichen Ereignisse rund um Jesu Wirken erstgenommen werden.

Neben dem nur Eingeweihten zugänglichen Geheimwissen zeichnet sich die Gnosis durch eine Leugnung der Gottheit Jesu aus: Nicht Gott selbst hing am Kreuz auf Golgatha, sondern nur eine menschliche "Hülle", deren sich Gott zwischenzeitlich bedient habe. Wie der angebliche Jesus im Judas-Evangelium Judas sagt: "Du wirst sie alle übertreffen. Denn du wirst den Menschen opfern, der mich kleidet." Das widerspricht grob den zentralen Aussagen des gesamten Neuen Testaments über das Erlösungswerk Jesu, und deshalb wurde die Gnosis auch zurecht schon von den Autoren des Neuen Testaments und später von den Kirchenvätern zurückgewiesen.

Die wahre Geschichte

"Judas, der Gute. Ein Held? Kann das sein, oder handelt es sich um eine Fälschung, wie so oft bei angeblich biblischen Werken?" Das fragt die NATIONAL GEOGRAPHIC in ihrem vorab veröffentlichten Textauszug zur Mai-Ausgabe. Aber sie läßt dabei die einfachste Antwort nicht zu: Es handelt sich weder um eine Fälschung noch um die Wahrheit, sondern um das Werk eines Anhängers einer zu dieser Zeit weit verbreiteten Irrlehre.

Leiden und Sterben des Messias, des Erlösers, sind schon im Alten Testament in aller Deutlichkeit vorhergesagt worden. Wer den Propheten Jesaja liest, findet dort eine so detaillierte Beschreibung der Ereignisse rund um die Kreuzigung (Jesaja 52,13-53,12), daß sie zurecht als das "fünfte Evangelium" bezeichnet wurde. Das Ereignis selbst wird in allen vier kanonischen Evangelien übereinstimmend geschildert, seine Bedeutung in den Briefen, allen voran dem Römer-Brief, in aller theologischen Tiefe gedeutet:

Gott selbst ist der Messias. Er wird Mensch, der Schöpfer wird zum Geschöpf, um den Menschen den Weg zurück zu Gott wieder freizumachen, der durch den Ungehorsam des ersten Menschen Adam versperrt worden war. Gott selbst trägt die Strafe dieses Ungehorsams, er stirbt am Kreuz auf Golgatha nicht nur deshalb einen grausamen Tod, weil er gekreuzigt wird, sondern weil er gleichzeitig alle Schuld der Menschen, vergangene wie zukünftige, trägt, weil dadurch Gott der Sohn von Gott dem Vater getrennt wird. Aber der Sohn bleibt nicht tot, sondern der Vater bestätigt das Erlösungswerk des Sohnes: durch die Auferstehung.

Das ist der Grund, warum die Christenheit Ostern feiert: Nicht nur, weil sie daran denkt, daß Gott selbst die Erlösung für jeden Menschen ermöglicht hat, sondern weil die Auferstehung Jesu Christi gleichzeitig für jeden, der an ihn glaubt, d.h. sein ganzes Vertrauen nur in Ihn setzt, die Hoffnung und die feste Gewißheit ist, selbst am Ende der Zeiten aufzuerstehen und dann die ewige und volle Gemeinschaft mit Gott zu erleben.

Judas – Verräter, Held oder Werkzeug des Schicksals?

Und was ist nun mit dem historischen Judas? Ist er der Verräter, der ganz alleine dafür gesorgt hat, daß Jesus sterben mußte? Ist er der Held, der als einziger verstand, was Jesus wirklich wollte, wie das "Judas-Evangelium" nahelegt? Oder war er lediglich ein Werkzeug des Schicksals, von Gott vorherbestimmt, den Gottessohn zu verraten und auszuliefern?

Zuallererst einmal wurde Judas genauso wie die anderen elf Jünger von Jesus persönlich auserwählt. Die Evangelien verschweigen uns nicht, daß Jesus von Anfang an wußte, daß dieser ihn verraten würde. Trotzdem erwählte er ihn, trotzdem verbrachte er drei Jahre in engster Gemeinschaft mit ihm, trotzdem liebte er ihn genau wie die anderen elf Jünger. Keiner der anderen Elf ahnte auch nur, was passieren würde. Das wird deutlich, als Jesus beim letzten gemeinsamen Abendmahl voraussagt, daß einer der Zwölf ihn verraten werde. Alle fragen ihn einer nach dem anderen: "Doch nicht etwa ich?" (u.a. Mt 26,23) Selbst als er ihnen auf die Frage antwortet, wer es sei: "Der ist es, dem ich den Bissen, wenn ich ihn eingetaucht habe, geben werde" (Joh 13,26) und ihn danach Judas gibt, verstehen die Jünger es nicht, wie an ihrer Reaktion deutlich wird (Joh 13,27-30).

Doch obwohl Judas von Jesus als Jünger auserwählt wurde und Jesus wußte, daß dieser ihn verraten würde, ist Judas doch verantwortlich für seine Tat: "Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie über ihn geschrieben steht. Wehe aber jenem Menschen, durch den der Sohn des Menschen überliefert wird! Es wäre jenem Menschen gut, wenn er nicht geboren wäre." (Mt 26,24) Es wäre aber auch falsch anzunehmen, daß Judas die alleinige Schuld trifft. Die Schriftgelehrten und Pharisäer, also die gesamte geistliche Elite der Juden, trachteten Jesus schon seit dem Anfang seines öffentlichen Wirkens nach dem Leben. Und Jesus selbst läßt keinen Zweifel daran, daß sein Auftrag ist, am Kreuz zu sterben (u.a. Mk 10,45).

Wie unterscheidet man Irrlehre und echte Lehre?

Für eine umfassende Antwort würde der Platz nicht reichen, aber es gibt eine einfache Grundregel sowohl für die Auslegung der Bibel als auch für die Entscheidung, was Irrlehre und was biblisch ist: Ist es im Kontext der gesamten Bibel sinnvoll bzw. läßt es sich mit den anderen Aussagen der Bibel vereinbaren? Und an genau dieser Stelle scheitern die meisten apokryphen Bücher. Gleiches gilt für das "Judas-Evangelium". Es liefert nach Ansicht des Wuppertaler Theologen Thomas Söding die am meisten zugespitzte Formulierung der gnostischen Sichtweise, und darin dürfte auch seine (religionsgeschichtliche) Bedeutung liegen.

Fazit

Die Veröffentlichung des "Judas-Evangeliums" durch NATIONAL GEOGRAPHIC ist weder eine Sensation noch muß sie irgendwen beunruhigen. Sie hat keinerlei Auswirkung auf die Grundlagen des christlichen Glaubens, außer daß sie Anlaß bietet, sich einmal mehr mit ihm auseinanderzusetzen. Und im Gegensatz zum Gnostizismus braucht es für den Glauben an Jesus kein Geheimwissen, sondern nur die Bereitschaft, sich auf das einzulassen, was die Bibel von ihm berichtet und auf Gottes Angebot einzugehen. Denn:

Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn errettet werde. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.

[Johannes 3,16-18.36, REÜ]

hoffnung.de

Kommentare

  1. Anonymous

    Die Bibel wurde in ihrer Geschichte so oft umgeschrieben, das eh nichts mehr schlüssig zum anderen paßt. Natürlich nur wenn man aufmerksam liest…..

    Man könnte ohne weiteres noch mehr Koch- und Heilrezepte einfügen, wie sie Moses so oft beschreibt:-) Paulus ist auch wenig glaubhaft, sie meisten seiner Briefe sind nachgewiesen Fälschungen aus früherer Zeit, und die anderen Apostel haben die Evangelien auch nicht selbst verfasst. Und das wenige hat die Kirche auch noch verfälscht. Was habt ihr sonst noch auf der Pfanne???

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