Thilo Sarrazin und Charles Darvin irren gewaltig.

In Thilo Sarrazins umstrittenem Buch geht es um Demografie,
Wirtschaft und Biologie. Und für diesen dritten Punkt bin ich Sarrazin dankbar.
Er formuliert offen, was in Diskussionen sonst nur durchschimmert: das Denken
im Rahmen einer darwinistischen Gesellschaftstheorie. Hier liegt der Kern der
ganzen Diskussion. Sarrazin spricht darüber, als hätte es die schrecklichen
Auswirkungen des Sozialdarwinismus im 20. Jahrhundert nicht gegeben: Das
«Muster des generativen Verhaltens in Deutschland» sei eine «kulturell bedingte,
vom Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden
Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und
Absolut in hohem Tempo vermindert». Hunde- und Pferdezüchter, so Sarrazin,
würden die erblichen Unterschiede beachten. Bei Darwin klingt das so: «Es
ist überraschend, wie schnell eine unrecht geleitete Sorgfalt zur Entartung einer
domestizierten Rasse führt. Doch abgesehen vom Fall des Menschen ist niemand
so töricht, seine schlechtesten Tiere zur Zucht zuzulassen.»
1871 schrieb Charles Darwin im zweibändigen Werk «The Descent of
Man, and Selection in Relation to Sex» direkt vor dem oben notierten Zitat: «Bei
Wilden werden die an Geist und Körper Schwachen bald beseitigt und die, welche
leben bleiben, zeigen gewöhnlich einen Zustand kräftiger Gesundheit. Auf der
andern Seite tun wir zivilisierte Menschen alles nur Mögliche, um den Prozess
dieser Beseitigung aufzuhalten. Wir bauen Zufluchtsstätten für die Schwachsinnigen,
für die Krüppel und die Kranken; wir erlassen Armengesetze und unsere
Ärzte strengen die grösste Geschicklichkeit an, das Leben eines Jeden bis zum
Letzten Moment noch zu erhalten. (…) Hierdurch geschieht es, dass auch die
schwächeren Glieder der zivilisierten Gesellschaft ihre Art fortpflanzen. Niemand,
welcher der Zucht domestizierter Tiere seine Aufmerksamkeit gewidmet hat,
wird daran zweifeln, dass dies für die Rasse des Menschen im höchsten Grade
schädlich sein muss.» Man könne nur hoffen, dass die «an Körper und Geist
Schwachen sich des Heiratens enthielten». Ende des 19. und Anfang des 20.
Jahrhunderts bezogen sich Eugeniker und Rassisten auf Erkenntnisse der Evolutionstheorie.
Auch Sarrazin macht Francis Galton, den Vater der Eugenik, zu
Seinem Zeugen. Der Halbcousin Darwins befasste sich mit der Vererbung von
Intelligenz und Talent mit dem Ziel, die «menschliche Rasse zu verbessern».
Es gebe «eine grösstenteils völlig unvernünftige Sentimentalität gegenüber der
schrittweisen Auslöschung einer niederen Rasse», so Galton in «Hereditary
Genius». Das Buch erschien zehn Jahre nach Darwins «Origin of Species», jenem
Werk, das den Menschen zum Säugetier erklärte und ihn vom Schöpfer löste.
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