Vielleicht ist glauben gar keine Sache des Glaubens, sondern der Wahrscheinlichkeit: Wer vernünftig überlege, müsse sich für Gott entscheiden, sagt Blaise Pascal

Wenige Tage vor dem ersten Advent des Jahres 1654, in der Nacht vom 23. auf den 24. November, wurde Blaise Pascal vom göttlichen Feuer erfasst. Durch eine mystische Gottesschau, die ihn an die Grenzen des Sagbaren und darüber hinaus führte, entbrannte seine Seele in der Gewissheit, dass Gott ist. Der Gott, der sich dem genialen Mathematiker, Physiker und Wegbereiter der Informatik offenbart hatte, war aber nicht das Abstraktum einer unpersönlichen höheren Macht, sondern der lebendige Gott des Christentums. NZZ

Was ist damals passiert?

In dieser Not hatte Pascal ein übernatürliches Erlebnis. Es war in der Nacht vom 23. auf den 24. November 1654. Zwei Stunden lang, von 22.30 bis 00.30 Uhr, erlebte er eine Gottesoffenbarung, die ihn zutiefst erschütterte und beglückte. Gott begegnete ihm nicht als »Gott der Philosophen und Gelehrten«, der sich im Unendlichen verbirgt, sondern als der »Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs«, als der Gott Jesu Christi, als die Person, die allein zu lieben ist. Dieses Erlebnis, dieses Entflammtsein des Herzens für Gott, diese Gegenwärtigkeit Gottes in der Seele schenkte ihm eine übernatürliche Glaubensgewissheit. In höchster Eile hielt er auf einem Blatt Papier den Jubel seiner Seele mit den Worten fest:

»Gewissheit, Gewissheit, Empfinden, Freude, Friede. Gott Jesu Christi … Nur auf den Wegen, die das Evangelium lehrt, ist er zu finden … Freude, Freude, Freude und Tränen der Freude … Das aber ist das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen. Jesus Christus! Jesus Christus! … Möge ich nie von ihm geschieden sein!«

So wurde das Memorial, das Blatt, dem Pascal seine Erfahrung anvertraute, zum Dokument einer einmaligen und unwiederholbaren Bekehrung. In Pascals Leben hatte sich der Ausspruch Augustins aufs neue bewahrheitet: »Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.« Oder, wie Pascal es später ausdrückte: Im Herzen des Menschen gähnt eine Leere, ein Hohlraum, der sich durch keine Ersatzmittel irgendwelcher Art ausfüllen lässt. Nur Gott allein kann ihn ausfüllen und den Menschen völlig zufrieden stellen und glücklich machen.

Was ist der Mensch?

Nach seiner Bekehrung im Jahr 1654 blieben Pascal nur acht Jahre, die immer stärker von Krankheit überschattet waren. Zunächst griff der Mathematiker, der sich jetzt zum überzeugungsmächtigen Laientheologen hin entwickelte, mit seinen stilistisch glanzvollen »Lettres Provinciales« in den theologischen Meinungsstreit der Zeit ein. Dann machte er sich mit der fieberhaften Eile des Mannes, der seine Lebensaufgabe von der rasch dahingleitenden Zeit bedroht sieht, an das Hauptwerk seines Lebens, die sogenannten »Pensees«. Mit diesem Werk – einer großangelegten Darstellung und Verteidigung des christlichen Glaubens – wollte er das Denkvermögen der Außenstehenden, der Gleichgültigen und Zweifler ansprechen und sie zur inneren Umkehr bewegen, nachdem er selbst auf so eindrucksvolle Weise die Wirklichkeit Gottes erfahren hatte.

In schonungsloser, eindringlicher Darstellung zeigt Pascal in den »Pensees« die Lage des Menschen ohne Gott auf. Der Einbildung unterworfen, von Eigenliebe geblendet, in tausend Zerstreuungen verirrt und doch von Kummer und Langeweile geplagt, ist der Mensch weit davon entfernt, Gott und den Sinn der Welt zu erkennen. Dies ist eine Folge der Sünde, die den Menschen erniedrigt hat.

Aber könnte nicht die menschliche Vernunft einen Ausweg zeigen? Auch sie versagt, denn sie ist zu begrenzt. »Die letzte Schlussfolgerung der Vernunft ist, dass sie einsieht, dass es eine Unzahl von Dingen gibt, die ihr Fassungsvermögen übersteigen. Sie ist nur schwach entwickelt, wenn sie nicht zu dieser Einsicht gelangt.« Da die Vernunft es nur mit Endlichem zu tun hat, kann sie nie den unendlichen Gott erkennen.

Welche Lösung bietet sich dann dem Menschen in seinem Elend noch an? Es gibt nur einen vernünftigen Weg: nämlich, Gott mit dem Herzen zu suchen und die Lehren des Glaubens ernsthaft zu prüfen. Denn »es ist das Herz, das Gott fühlt, nicht die Vernunft« – diese Tatsache hatte Pascal bei seiner Bekehrung überdeutlich erfahren. Dabei ist es jedoch auch ein Zeichen von Klugheit, wenn man sich für den Glauben entscheidet. Denn wenn und weil Gott wirklich lebt, ist fast nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen. Der Christ ist im Grund der glücklichste aller Menschen.

Wozu eigentlich Jesus Christus?

Von uns aus könnten wir jedoch nie zu Gott kommen. Der Weg, der zu ihm führt, die Brücke, die den Abgrund überwölbt, ist Jesus Christus, der für alle gestorben ist. »Wir kennen Gott nur durch Jesus Christus. Ohne diesen Mittler ist jede Verbindung mit Gott aufgehoben.« Jesus Christus ist »der Mittelpunkt, auf den alles zustrebt. Wer ihn kennt, kennt den Grund aller Dinge«. Die Lösung aller Fragen, die den Menschen angehen, liegt in ihm. Jesus hat durch die Erlösung, die er vollbracht hat, die ursprüngliche, herrliche Bestimmung des Menschen wieder erreichbar gemacht. Es gilt nun für uns, von ganzem Herzen zu glauben. Daraus entspringt die strahlende innere Gewißheit und die innere Einheit mit Jesus, der zu dem Gläubigen spricht: »Ich bin dir ein besserer Freund als jeder andere, denn ich habe mehr für dich getan als jene. Sie würden für dich nicht das erleiden, was ich für dich gelitten habe, und sie würden nicht für dich sterben zu einer Zeit, da du untreu und verkehrt warst, wie ich es getan habe.« Wie reich ist der Glaubende, der mit Pascal ausrufen kann: »Der Gott der Christen ist ein Gott der Liebe und des Trostes. Er ist ein Gott, der die Seele und das Herz derer erfüllt, die ihm gehören … Er erfüllt ihre Seele mit Demut, Freude, Vertrauen, Liebe.«

Ein Leuchtfeuer durch die Jahrhunderte

Noch bevor er sein Werk vollenden konnte, starb Blaise Pascal. Acht Jahre nach seinem Tod veröffentlichten seine Angehörigen aus dem Nachlaß die erste Ausgabe der »Pensees«. Sie wurde erfreulicherweise gerade von den Leuten gelesen, die Pascal überzeugen wollte, nämlich von den Weltleuten der vornehmen Gesellschaft. Was den fortdauernden Einfluß des Werkes betrifft, so urteilt einer der neueren Erforscher Pascals: »Es gibt kaum ein Buch der Weltliteratur, dessen Wirkung der Wirkung der Pensees vergleichbar wäre.« Pascals Worte »wirken wie die Sätze eines Autors unserer Tage und 300 Jahre nach seinem Tod anscheinend intensiver als je zuvor« (E. Wasmuth).

Pascals Leben kann gerade dem modernen Menschen den Beweis liefern, dass Gott sich auch »großen Geistern« offenbaren kann, wenn sie aufrichtig nach ihm fragen und ihn von ganzem Herzen suchen – eine Erfahrung, die auch sonst immer wieder zu beobachten ist. Wir Christen des naturwissenschaftlich-technischen Zeitalters befinden uns also in guter Gesellschaft. Pascals Leben zeigt ferner, dass zwischen wahrem biblischem Glauben und wissenschaftlicher Forschung kein unüberbrückbarer Gegensatz zu bestehen braucht. Eine seiner mathematischen Entdeckungen – sie betraf die Zykloide – wurde Pascal vier Jahre nach seiner Bekehrung zuteil. Die Vernunft hat in der Tat ihren berechtigten Platz im irdischen Leben, im Beruf, in der wissenschaftlichen Forschung. Nur muß sie – wie Pascal ausführt – da zurücktreten, wo sie nichts mehr ausrichten kann, wo sie unzureichend ist, das ist im Bereich des Glaubens. Der Glaube ist nicht gegen die Vernunft, sondern er ist ihr übergeordnet. Was aber ist der Glaube? Pascals Antwort lautet: C’est Dieu sensible au coeur – es ist Gott, den man mit dem Herzen fühlt.

Dr. Wolfgang Schäufele, Wort und Tat, Kassel, April 1973

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