
“Da drängte sich mit einem Mal einer der Wartenden vor, knallte sein Ticket auf den Tresen und rief wutentbrannt: „Ich muss da unbedingt mit, und zwar in der ersten Klasse!“ „Es tut mir leid, mein Herr“, erwiderte die junge Dame. „Ich will Ihnen gern behilflich sein, muss aber erst einmal die Leute hier abfertigen.“
Der Passagier ließ nicht locker. „Wissen Sie, wer ich bin?“, brüllte er so laut, dass es alle hinter ihm hören konnten. Die Angestellte nahm ungerührt ihr Mikrofon in die Hand und verkündigte über die Lautsprecheranlage im ganzen Abfertigungsgebäude: „Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten? Wir haben hier einen Fluggast, der nicht weiß, wer er ist. Sollte jemand da sein, der ihm helfen kann, seine Identität wiederzufinden, so möge er bitte zum Flugsteig sieben kommen.” Der Mann verzog sich augenblicklich, und die junge Dame wurde mit stürmischem Applaus bedacht.” (w)
Wissen wir wer wir sind?
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!
(aus: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung)

