Schroeter gehörte wie Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff, Werner Herzog oder Wim Wenders unbestritten zu den großen Regisseuren des Neuen Deutschen Films. Dennoch werden seine Werke nur selten im Kino gezeigt.. Zum Glück. Die „Welt“ schrieb von und über ihn:“ Von allen Wundern, die ich je gehört, scheint mir das größte, dass sich Menschen fürchten; da sie doch sehen, der Tod, das Schicksal aller, kommt, wann er kommen soll." Dieses Shakespeare-Zitat gab Werner Schroeter seinem Film "Diese Nacht" als Motto, einem Politmelodram, das er vergangenes Jahr auch aus Abwehr auf den Angriff eines Karzinoms drehte. Wir denken da an Schlingensief, der seine Krebs-Wunde vehement künstlerisch offenbart. Oder an den kürzlich verstorbenen Gosch, der in ähnlicher Lage sich so diskret wie intensiv mit Tschechow befasste. Schroeters sonderbar zarter Griff nach letztem Sinn und klarstem Ton mag seine Art sein, vom "Schicksal aller" zu singen; schön auch, tröstlich und grausam.“ Zuletzt wurde Schroeter mit dem schwul-lesbischen Teddy-Award geehrt.
Szenen aus einen Interview mit Schoeter:
Sehnsucht nach Leben?
SCHROETER: Sehnsucht, mich zu erweitern, rauszukommen aus meiner Schildkrötenschale, Sehnsucht auch, daß das Leben über seine Endlichkeit hinausgehen, also nicht in so einem zeitlich umgrenzten Karton stattfinden möge, Sehnsucht nach Unsterblichkeit meinetwegen. Ich hab’ das in einem Nachruf auf die Callas später beschrieben: daß die Zeit stehenblieb, wenn sie sang, und das Hintreiben auf den Tod unterbrochen wurde für die Dauer einer glückhaften Sekunde… Aber da müßte ich ja den ganzen Ernst Bloch jetzt noch lesen, um das zu erklären, sein »Prinzip Hoffnung«.
Nicht für einen gläubigen Menschen, für den es ja dann erst so richtig losgeht mit jüngstem Gericht, Himmel und Hölle, Wiedergeburt oder Auferstehung.
SCHROETER: Diese Gläubigkeit fehlt mir. Als Kind, also mit dreizehn, vierzehn, als ich ziemlich schwere Krankheiten hatte, Lungenvereiterung, offene Tuberkulose und solche Sachen, da hab’ ich mir immer vorgestellt, daß, wenn ich sterbe, alle meine Freunde an meinem Bett sitzen würden. Das war ein Trost.
Haben Sie Angst vor dem Sterben?
SCHROETER: Immer weniger, weil ich gar keine Zeit dazu habe. Ich muß sagen, ich bin wahnsinnig glücklich, daß ich jetzt die Möglichkeit habe, mich in permanenter Kreativität darzustellen, weil in solchen Situationen, bei Filmarbeiten oder Theaterproben, eine Todesangst gar nicht aufkommt. Da ist es einem dann vollkommen wurst, was passiert. Ich hab’ das früher einmal als self abandoned bezeichnet, sich selbst verlassen, aus sich herausgehen. Das ist natürlich das Tollste.
Trotzdem sagen Sie: Ich will Ruhe haben.
SCHROETER: Das ist doch klar, daß, wenn man die ganze Zeit rumzappelt, der Gedanke kommt: Mmhhh, wie schön es jetzt wäre, im Bett zu liegen, dauernd zu schlafen, auszuruhn ohne Ende.
Ohne Ende ausruhen heißt tot sein.
SCHROETER: Nee, ich möcht’ hundert Jahre alt werden oder besser noch hundertfünfzig. Müde bin ich ständig, lebensmüde war ich noch nie.
Haben Sie Schuldgefühle?
SCHROETER: Heute nicht mehr. Als Jugendlicher war ich sehr moralisch veranlagt. Da hab’ ich Schallplatten, die ich geklaut hatte, wieder zurückgegeben, weil sie mir in den Händen brannten wie Feuer. Nur die Platten der Callas hab’ ich behalten. Diese Frau war stärker als jedes Moralempfinden. Wahrscheinlich war das der Beginn meiner Selbstbefreiung. Heute könnte ich jemanden umbringen, ohne mir das geringste dabei zu denken, weil ich ein sinnliches Gefühl hab’ für so eine anarchische Haltung. Das erregt mich unheimlich, oben, unten und in der Mitte.
Ist Mord was Schönes?
SCHROETER: Schöner jedenfalls als mit Lug und Trug irgendwelche Strickwaren verkaufen. Ich hab’ für meine Mordszenen immer echtes Schweinsblut verwendet.
Ein Psychiater würde das als Perversion einstufen.
SCHROETER: Atavistischer Scheißdreck!
Ist das Ihr letztes Wort, oder wollen wir weiterspielen?
SCHROETER: Alles oder nichts. Dreißig Sekunden Bedenkzeit. Adolf Hitler, die süße Tanzmaus, hat sich in eine Ballerina verwandelt.
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