Zombies? Was Drogen anrichten können …

Was Drogen – egal ob legal oder illegal – anrichten können, wird mir bei meinem ehrenamtlichen Engagement in der Drogenhilfe immer wieder drastisch vor Augen geführt.
Tommy (Name geändert) kenne ich seit vielen Jahren. Das erste, was ich von ihm wahrgenommen hatte, waren seine Füße, die aus einem Gebüsch herausguckten. Er stammt aus einem kleinen ostfriesischen Dorf, war damals Mitte 20, geschieden mit einer Tochter, die bei seiner Ex wohnte, und der Cocktail aus Alk, Heroin und Pillen, den er intus hatte, hatte ihn von den Beinen geholt.
Als er wieder soweit klar war, dass er sich mir mitteilen konnte, erfuhr ich, dass er wieder einmal bei seinen Eltern in seinem Heimatdorf untergekommen war, und so habe ich ihn zu meinem Auto geschleppt und dort abgeliefert.
Irgendwie hatte ich dann in den kommenden Monaten und Jahren des öfteren den Eindruck, ihn besuchen zu sollen, aber es war eigentlich immer dasselbe: Tommy saß vollgedröhnt und/oder besoffen zu Hause herum und laberte irgendwelchen Junkie-Scheiß, während seine betagten Eltern – genauer gesagt, seine Adoptiveltern, denn seine richtige Mutter kam aus dem Alkoholmilieu und hatte ihn gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben – seinen hochgradig depressiven und aggressiven Stimmungsschwankungen hilf- und schutzlos ausgesetzt – nicht mehr ein noch aus wussten.
Im besten Fall habe ich einige Male mit Tommy beten können, nur so bin ich immer irgendwie zu ihm durchgekommen, und er fing regelmäßig bitterlich an zu weinen, aber ansonsten haben auch mich Tommys Probleme hoffnungslos überfordert. Ich habe eigentlich nur zusehen können, wie er körperlich und geistig noch mehr abbaute.
Als er im Methadonprogramm aufgenommen wurde – das ist ein staatliches Hilfsprogramm, wo Schwerstabhängige einen opiathaltigen Ersatzstoff bekommend, damit sie nicht mehr gezwungen sind zu betteln , zu stehlen, zu dealen oder sich zu prostituieren um an ihren täglichen Stoff zu kommen, schien es zunächst besser zu werden, aber schon wenige Wochen später war er wegen Beikonsums, d. h. dem unerlaubten Konsum weiterer Drogen und Alkohol, sowie absoluter Unzuverlässigkeit, was Termine und Absprachen anbelangte, dort wieder herausgeflogen. Und dann ging es ihm dermaßen kacke, dass schließlich sogar der alte Vater selbst mit ihm zu Ärzten, Apothekern und Dealern gefahren ist, um Opiate zu beschaffen.
Nach einem mehrtägigen Aufenthalt in der Intensivstation, den Tod immer vor Augen, war er dann auf einmal aber doch bereit, sich in einer stationären Drogentherapie aufnehmen zu lassen. Der Arzt, der den Attest für die Krankenkasse als Kostenträger der Therapie ausstellte, bescheinigte ihm eine Lebenserwartung von maximal drei Monaten, so zerfressen war Tommys Körper schon von den Giften.
Die erste Zeit war nicht nur für Tommy sondern auch für die Mitarbeiter der Drogenhilfeeinrichtung unglaublich schwer. Allein dass er die Entgiftung ausgehalten hat – bei einem früheren Entzug war er aus dem zweiten Stock aus dem Fenster gesprungen und hat seitdem eine Stahlplatte im Schädel – , grenzte an ein Wunder.
Und dann wurden aus dem geplanten Aufenthalt von einem Jahr sieben Jahre, in denen Tommy drogenfrei gelebt hat, zuletzt im Mitarbeiterstatus.
Aber er war immer noch nur clean und nicht frei. Und auch wer unten ist, kann tief fallen! Als Tommy eine Hartdrogenabhängige aus der Großstadtszene kennen lernte und zu ihr zog, ging es mit ihm ganz schnell wieder steil bergab: Shore, das ist gepanschtes Straßenheroin, Speed, Pillen, Alk, Crack, das volle Programm! Wie viele andere Süchtige begann er auch wieder, selbst zu dealen, irgendwo musste das Geld für den Eigenverbrauch ja herkommen. Doch in einem paranoiden Schub nach einem Streit wurde Tommy von der eigenen Freundin bei der Polizei verpfiffen und mit einer größeren Menge an Rauschgiften hochgenommen. Als dieses Mädchen dann auch noch Selbstmord beging, flüchtete Tommy, nun vollends ein lebender Zombie, d. h. ein körperliches und geistiges Wrack, zurück nach Ostfriesland und kroch erneut bei den Adoptiveltern unter.
Es kostete mich große Überwindung, überhaupt wieder zu ihnen herauszufahren. Aus einem Telefonat wusste ich, dass Tommy bereits wieder einige Male nach epilepsieartigen Krampfanfällen mit dem Notarzt ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Außerdem war sein Oberbett einige Male in Brand geraten, nachdem er mit der Zigarette in der Hand eingedöst war.
Als ich in Tommys Zimmer trat, lag er trotzdem wieder rauchend im Bett und grinste mich blöde an, auf dem Fußboden zahlreiche leere Schnapsflaschen, dazu aufgerissene, leere Packungen Schmerzmittel, Bromacil, Lexotanil und Diazepan, und auf dem Nachttischen eine gebrauchte Spritze, seine Crackpfeife und ein überquellender Aschenbecher. Undeutlich lallend versucht er mir verständlich zu machen, dass er mehr bräuchte, weil die Wirkung des letzten Schusses immer mehr nachließe.
Überraschender Weise nahm er mein Angebot an, ihn ins Emder Krankenhaus zu fahren. Die Schuhe hat er sich noch allein anziehen können. Das hat eine Viertelstunde gedauert. Bei Pullover und Jacke musste ich helfen. Dann wollte er Wasser lassen, knallte dabei aber fast mit dem Kopf auf die Kloschüssel. So habe ich ihn von hinten unter die Arme gefasst und gestützt. Es hat wieder Minuten gedauert, bis endlich Urin kam. Allerdings hat er dann nicht die Schüssel getroffen, so das wir mit den Sohlen in der Pisse standen. Ich weiß nicht mehr, wie wir die steile Treppe geschafft haben und ich ihn in mein Auto bekommen habe.
Unterwegs hat er teilweise geschlafen, teilweise herumgepöbelt und herumgeschrieen. Dann wollte er wieder Wasser lassen. Ich habe auf einem Parkplatz gehalten und ihn gebeten, zu warten, bis ich ums Auto herum gekommen wäre, aber er hat sofort die Tür aufgerissen und ist dann beim Versuch, auszusteigen so heftig mit dem Gesicht auf den Asphalt geknallt, dass das Blut nur so aus der Nase spritzte.
Ich habe ihn hochgezogen und dann wieder von hinten gestützt, damit er beim Pinkeln nicht in den zugefrorenen Straßengraben fiel. Nach einer Fahrt von über einer Stunde endlich im Emder Krankenhaus angekommen, wollten sie ihn aber zunächst gar nicht aufnehmen, und erst als ich damit drohte, den Mann, der allein nicht mehr laufen konnte, vor die Tür zu legen, haben sie uns hereingelassen. Bis dann aber endlich ärztliche Hilfe kam, mussten wir noch endlos lang warten.
In dieser Zeit wurde Tommy immer unruhiger und ist ein paar weitere Male – bei dem Versuch, ins Raucherzimmer zu gelangen – böse hingeknallt. Erst als er dann auch noch anfing, mit dem Hinterkopf heftig gegen die Betonwand zu hämmern, wurde reagiert und man hat ihn auf ein Krankenbett festgeschnallt.
Gebracht hat es nichts, denn als ich ihn, wie versprochen, am nächsten Tag besuchen wollte, hatte er sich gegen ärztlichen Rat auf eigenen Wunsch und Risiko schon wieder selbst entlassen!
Noch zwei weitere Male habe ich Tommy in eine Klinik gefahren.
Aber selbst in der geschlossenen Station haben sie ihn nicht mehr nüchtern bekommen. Dann habe ich den Kontakt zu ihm wieder abgebrochen, weil ich das Gefühl habe, dass er mich nur noch benutzt, aber nicht wirklich Hilfe will. Das Ordnungsamt soll ihm jetzt ein eigenes Zimmer verschafft haben, um die Eltern zu entlasten. Ich weiß nicht, was ich außer Beten im Moment für ihn machen kann. In Gesprächen äußerte er eine starke Todessehnsucht. Bei unserer letzten Begegnung hat er mich gefragt, ob ich zu seiner Beerdigung kommen würde. Seit ein paar Monaten habe ich nichts mehr von ihm gehört. Seine Sucht hat ihn wieder voll im Würgegriff. Vermutlich ist er auch wieder dabei, Drogen zu verticken. Es würde mich aber auch nicht wundern, wenn er schon gar nicht mehr lebt.
Eine zweite wahre Geschichte:
Jenny (auch dieser Name ist geändert) kannte ich noch aus der Zeit, als ich noch selbst konsumiert habe. Wegen eines Jobs in einer Behinderteneinrichtung war sie ins Emsland gezogen, ein Haschisch rauchendes und LSD-konsumierendes Hippie-Mädchen von herber Schönheit. Nicht lange, und sie war mit einem meiner Freunde liiert, der Haschisch kiloweise aus den nahen Niederlanden herüberschmuggelte. Die beiden richteten sich ein altes Bauernhaus wohnlich her, und bald traf sich dort die gesamte lokale ‚High Society’.
Durch meinen Wegzug aus dem Emsland hatte ich lange Zeit keinen Kontakt mehr mit ihnen, aber als ich dann Jahre später in Emden ein Studium aufgenommen habe, habe ich Jenny zusammen mit einem Studienkollegen an einem Winterabend besucht. Ich hatte nämlich gehört, dass sie nicht mehr so gut drauf wäre, seitdem mein alter Drogenkumpel sie wegen einer Jüngeren verlassen hatte.
Die Realität spottete jeder Beschreibung. Das Haus, in dem sie seit Jahren allein wohnte, lag völlig im Dunkeln, der hintere Teil des Daches war eingestürzt, so dass Sterne zwischen den Dachsparren hervorfunkelten. Es gab keine Klingel, aber die Tür war auch nicht abgeschlossen. Vorsichtig tasteten wir uns in die dunkle, muffig feucht riechende Bauerndiele, laut ihren Namen rufend.
„In der Stube bin ich“ antwortete sie. „Könnt ihr nicht ein paar Kerzen besorgen, man hat mir den Strom abgestellt!“ Ich wusste, dass es in ganz in der Nähe einen kleinen Tante-Emma-Laden gab. Wir klingelten den Besitzer raus, kauften eine Packung Teelichter und kehrten dann wieder ins kalte, dunkle Haus zurück. Sie war immer noch in der Stube. Als ein wenig Mondlicht durchs Fenster hereinfiel, konnte ich sie in einem Sessel sitzend ausmachen. Ich entzündete ein Teelicht, mein Studienkollege schrie laut auf. Da kauerte sie, in mehrere Schichten Kleider und Mäntel gepackt und in eine schmutzige Decke gehüllt, Eiszapfen im strähnigen Haar, sah uns an – mit dem Gesicht einer alten Frau!
„Setzt euch doch!“ forderte sie uns auf, „und guckt mal, alles meine Kinder!“ Jetzt erst bemerkten wir, das auf jedem der zahlreichen weiteren Sessel und Stühle im Raum steifgefrorene tote Katzen lagen. Sie hatte seit Tagen nichts gegessen, dem Geruch nach zu urteilen auch wochenlang kein Bad mehr gesehen, und wie ich aus ihrem wirren Reden entnehmen konnte, die Katzen, die alle überfahren waren, von der Straße geklaubt.
Sie war uns nicht böse, als wir sie mit der Aussicht auf eine warme Wanne, ein gutes Abendbrot und ein warmes Bett in der psychiatrischen Station des Krankenhauses Emden ablieferten.
Hier hat sie sich dann einiger Maßen erholt und uns auch etwa ein Jahr lang regelmäßig besucht. Dann haben wir uns wieder aus den Augen verloren, nur einmal habe ich sie noch wiedergetroffen, mit ausgeschlagenen Zähnen und blau geschlagene Augen irgendwo auf der Straße, und vollgeknallt mit Heroin.
Ich könnte noch viele solcher Geschichten erzählen. Sucht, ein anderes Wort dafür ist Abhängigkeit, das Gegenteil davon ist Freiheit.
Ein Süchtiger ist ein Gebundener, ein Kranker, auf niederländisch heißt süchtig verslavt , und dass trifft den Nagel auf den Kopf.
„Wer Sünde tut, der ist Sklave der Sünde“, sagt Jesus im Johannesevangelium Kap 8, V 34.
Nirgends sonst wird das deutlicher als in der Alk- und Drogenszene.no-hope-in-dope.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

* Ich stimme zu

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.