Ohne Bibel gäbe es unsere Sprache nicht. Ohne Luther auch nicht. Dagegen kann unsere vergängliche Regierung nichts machen.
“Blutgeld, Lockvogel, Herzenslust – diese Wörter sind keine Erfindung der Neuzeit. Sie stammen von niemand anderem als Martin Luther. Nachdem sich Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms geweigert hatte, seine kirchenkritischen Thesen zu widerrufen, wurde er für vogelfrei erklärt. Darauf liess ihn sein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, zu seinem Schutz auf die Wartburg bei Eisenach entführen, wo er am 4. Mai 1521 ankam. Er blieb fast ein Jahr lang dort. In seinem Versteck war der Reformator aber nicht untätig. Er machte sich an eine Übersetzung des Neuen Testaments, die am 22. September 1522 erschien und daher als «Septemberevangelium» in die Geschichte einging. 1534 kam schliesslich die vollständige Bibel mit Altem und Neuem Testament in Luthers Übersetzung auf den Markt……. Zur Zeit Luthers gab es keine allgemein verbindliche deutsche Schriftsprache, sondern eine Reihe von teilweise sehr verschiedenen hoch- und niederdeutschen Schreibvarietäten, die von den Kanzleien, also den Schreibstuben der Fürsten und Reichsstädte, vorgegeben wurden. Massgebend für Luther war die Schreibnorm der sächsischen Kanzlei von Meissen.
Das hatte Folgen: Das enorme Prestige der Lutherbibel führte dazu, dass im niederdeutschen Raum (grob gesagt: alle Gebiete nördlich einer Linie von Aachen bis Frankfurt an der Oder) die einheimischen Schreibvarietäten aufgegeben und durch Luthers Ostmitteldeutsch ersetzt wurden. Weil man dort immer häufiger auch so sprach, wie man schrieb, sind die niederdeutschen (volkstümlich: plattdeutschen) Dialekte heute nahezu verschwunden. Luther erwies sich bei der Übersetzung der Bibel als äusserst einfallsreich. Er prägte oder popularisierte eine ganze Reihe von Wörtern oder Wendungen, bei denen man nicht unbedingt auf ihn als Schöpfer tippen würde. Eine kleine Auswahl: Blutgeld, Feuereifer, Gegenbild, Herzenslust, Kleingläubiger, Mastvieh, Menschenfischer, Lockvogel, Dachrinne, wetterwendisch, friedfertig, nacheifern, plappern.
In seinen übrigen Schriften und Briefen drückte er sich teilweise äusserst drastisch aus. Das Oberhaupt der katholischen Kirche bezeichnete er als «Papstesel», «Gottesaffe» oder gar «Eselfurzpapst». Die Lutherbibel war ein enormer Verkaufserfolg: Rund 600’000 Exemplare wurden allein bis zu seinem Tod im Jahr 1546 abgesetzt. Generationen von Schülern lernten mit ihr das Lesen von anspruchsvollen Texten. Spätestens am Ende des 18. Jahrhunderts war Luthers Sprache als die Wurzel des neueren Deutsch anerkannt.
Auch Leute, die ansonsten wenig mit dem Reformator anfangen konnten, versagten seiner sprachlichen Leistung ihre Anerkennung nicht. 1886 schrieb der Atheist und Religionskritiker Friedrich Nietzsche: «Das Meisterstück der deutschen Prosa ist deshalb billigerweise das Meisterstück ihres grössten Predigers: Die Bibel war bisher das beste deutsche Buch. Gegen Luthers Bibel gehalten ist fast alles Übrige nur ‹Literatur›.» https://www.20min.ch/
