Krisenkinder

Der „Spiegel“ hat sich wieder mal ein neues Etikett für die Jugend einfallen lassen: „Wir Krisenkinder“. Junge Journalisten schreiben in einer eben erschienenen Sonderausgabe, was ihre Generation ausmacht. „Prekär leben, global denken, ständig vernetzt sein, das kennzeichnet die jungen Deutschen und unterscheidet sie von der Vorgeneration. Sie gehen nicht auf die Straße, haben keine Wortführer, bisher ertragen sie die große Krise, die sie trifft, wie keine andere Altersgruppe, klaglos“, heißt es im Editorial. Sie ist geprägt von Leistungsdruck (daher „Generation Ritalin“, ein Aufputschmittel), von dem Wunsch nach Schönheit und modischem Schick (daher „Generation Chuck“, eine Schuhmarke), von modernen Medien („Generation iPod“) und von dem Wunsch nach Ausgeglichenheit und Frieden im stressigen Alltag, der kaum noch Ruhepole bietet (deshalb auch „Generation Yoga-Matte“).

Krisen haben sie geprägt: 11. September, Bildungskrise, Globalisierungskrise, Umweltkrise, Finanzkrise. „Das Gefühl der Unsicherheit prägte ihr Erwachsenwerden“, heißt es in dieser Ausgabe. Daraus resultiert laut „Spiegel“, dass die jungen Deutschen nahezu alles tun, um ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Sie lassen sich unter Druck setzen, nehmen Umzüge in Kauf und wehren sich nicht – auch nicht gegen das System, wie frühere Generationen es taten. Konstanten böten da nur zwei Faktoren: Zum einen seien es die modernen Medien, das Internet mit seinen zahlreichen E-Mail-Diensten und Netzwerken. Zum anderen sei es die Familie. Eine „Spiegel“-Umfrage ergab, dass 81 Prozent der 20- bis 35-Jährigen Treue „gut“ finden. 44 Prozent, geben an, dass für sie die Familie das Wichtigste im Leben ist. 34 Prozent sind verheiratet, 31 Prozent Single. Im Durchschnitt wollen sie zwei Kinder.

Familie bedeutet laut „Spiegel“ für diese Menschen aber nicht unbedingt dasselbe wie vor dreißig Jahren. Autorin Juan Moreno etwa ist selbst Mitte dreißig und Single und legt ihre Beobachtungen junger Mütter und Väter dar: „Eltern wollen nichts verpassen, keinen Trend, kein Erlebnis. Sie wollen zu den gleichen Konzerten gehen, die gleichen Klamotten tragen, die gleichen Urlaubsreisen machen. Im Grunde fragen sich viele junge Eltern dauernd, wie sie es schaffen, ihr Elternsein so zu leben, dass es sich vom Single-Sein nicht unterscheidet.“ 52 Prozent geben an, schon einmal eine Fernbeziehung geführt zu haben. „Jeder entscheidet sich zunächst mal für sich, für die Ausbildung, die zu mir passt, die Arbeit, die zu mir passt, die Stadt, die zu mir passt, und die Liebe hat sich zu fügen“, heißt es im „Spiegel“. „Als Generation fühlen wir uns nicht. Wir sind Einzelne, die sich gleichen. Wir sind nicht ,wir’. Wir sind ich und ich und ich.“

Auch Gott spielt im Leben vieler junger Menschen eine Rolle. 53 Prozent geben an, sie glaubten an Gott. Darunter muss man sich allerdings kümmerliche Reste einer religiösen Bindung früherer Zeiten vorstellen. Der persönliche Gott schrumpft zu einem abstrakten Prinzip. Oft ist zu hören: „Ich habe mir meine eigene Religion zusammengebastelt.“ Verbindliche Glaubensaussagen werden abgelehnt – „die Bibel darf man doch nicht wörtlich nehmen!“ So ist die Beziehung zu Gott nichts als eine weitere Krisenerscheinung und nicht in der Lage, Halt, Orientierung und Sinn zu geben. Das haben die Jugendlichen freilich von Vorgängergenerationen übernommen, die den Glauben verspielten, als sie ihn dank materiellen Wohlstands nicht zu brauchen schienen.

Kommentare

  1. wolke

    Armut im Wohlstand

    Liebe soulsaver,

    heute bekommen Kinder in Deutschland soviel in diesem Leben, dass sie kaum Grenzen erfahren. Viele von ihnen haben keinen Respekt vor den Eltern, Lehrern oder Erziehern.

    Die meisten Eltern in den Ländern der Dritten Welt erziehen ihre Kinder dagegen sehr konsequent, denn des Mangels wegen kann man oft nicht auf deren Bedürfnisse eingehen.

    Man kann sich gerne dazu am Donnerstag um 20.15 auf Kabel 1 die Serie „Die strengsten Eltern der Welt“ ansehen. Die Jugendlichen, die da beschrieben werden, sind eigentlich ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.

    Wer arm und wer reich ist, ist daher sehr relativ.

    Grüße,

    Wolfram

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