Am 23. Januar 1945 wurde der Widerstandskämpfer Helmuth James Graf von Moltke im Gefängnis Plötzensee erhängt.

Am 11. Januar 1945 wurde der Widerstandskämpfer und Begründer der Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ Helmuth James Graf von Moltke nach einem Scheinprozess zum Tode verurteilt und zwölf Tage später am 23. Januar 1945 im Gefängnis Plötzensee erhängt. Als überzeugter Christ war er ein entschiedener Gegner des Nazi-Regimes. Ein Attentat auf Adolf Hitler lehnte Moltke aus Gewissensgründen ab. In Gedenken an seine Ermordung vor 75 Jahren veröffentlichen wir hier den Brief an seine Ehefrau Freya, den er am Tag seiner Verurteilung schrieb:

…..Mein Herz, die letzte Woche, vor allem der gestrige Tag haben sicher manche Abschiedsbriefe überholt gemacht. Die werden sich demgegenüber lesen wie kalter Kaffee. Ich überlasse es Dir, ob Du sie trotzdem absenden willst, ob Du was dazu sagen oder schreiben willst. Daß ich die Hoffnung habe, daß die Söhnchen eines Tages diesen Brief verstehen werden, ist klar, aber ich weiß, daß es eine Frage der Gnade ist, nicht irgendeiner äußeren Beeinflussung. – Daß Du alle Leute grüßen sollst, ist auch klar, auch solche wie Oxé und Fräulein Thiel und Frau Tharant. Ist es Dir ein Angang, sie anzurufen, so laß es; es spielt keine Rolle. Ich zähle sie nur auf, weil es so die äußersten extremsten Fälle sind. Da Gott die unglaubliche Gnade hat, in mir zu sein, so kann ich nicht nur Dich und die Söhnchen, sondern alle lieben und unendliche, die mir viel ferner sind, mitnehmen. Das kannst Du ihnen sagen.

Jetzt noch eines. Dieser Brief ist in vielen auch eine Ergänzung zu meinem gestern geschriebenen Bericht, der viel nüchterner ist. Aus beiden zusammen müßt Ihr eine Legende machen, die aber so abgefaßt sein muß, als habe sie Delp von mir erzählt. Ich muß darin die Hauptperson bleiben, nicht weil ich es bin, nicht weil ich es sein will, sondern weil der Geschichte sonst das Zentrum fehlt. Ich bin nun einmal das Gefäß gewesen, für das der Herr diese unendliche Mühe aufgewandt hat.

Mein Herz, mein Leben ist vollendet, und ich kann von mir sagen: er starb alt und lebenssatt. Das ändert nichts daran, daß ich gerne noch etwas leben möchte, daß ich Dich gerne noch ein Stück auf diese Erde begleitete. Aber dann bedürfte es eines neuen Auftrages Gottes. Der Auftrag, für den Gott mich gemacht hat, ist erfüllt. Will er mir noch einen neuen Anfang geben, so werden wir es erfahren. Darum strenge Dich ruhig an, mein Leben zu retten, falls ich den heutigen Tag überleben sollte. Vielleicht gibt es noch einen Auftrag.

Ich höre auf, denn es ist nichts weiter zu sagen. Ich habe auch niemanden genannt, den Du grüßen und umarmen sollst. Du weißt selbst, wem meine Aufträge für Dich gelten. Alles unseren lieben Sprüche sind in meinem Herzen und in Deinem Herzen. Ich aber sage Dir zum Schluß, kraft des Schatzes, der aus mir gesprochen hat und der dieses bescheidene irdene Gefäß erfüllt:

Die Gnade unseres Herren Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen.

Amen.

Aus: Helmuth James Graf von Moltke, Letzte Briefe

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