Das Versprechen, nicht zu beten

Spurgeon geht eines Tages durch eine Straße, in welcher Steinklopfer beschäftigt sind. Einer derselben, ein wüster, roher Gesell, dessen Gesicht von vielem Trinken zeugt, verrichtet sehr widerwillig und lässig sein Geschäft. Zwischen den Schlägen flucht er in den gotteslästerlichsten Ausdrücken. Da legt sich ihm eine Hand auf die Schulter, und ein durchdringendes Augenpaar schaut ihm in das unwillkürlich umgewandte Gesicht.”Du kannst ja recht schön fluchen”, sagt Spurgeon mit ernster Stimme, “kannst du auch beten?””Gott verdamme mich”, erwidert der Arbeiter mit widerlichem Lachen, “das ist mir, beim Teufel, noch nie eingefallen!”Da nimmt Spurgeon ein Fünfschillingstück aus seiner Tasche, hält es dem Flucher vor die Augen und sagt: “Willst du versprechen, niemals zu beten, wenn ich dir dies hier schenke?” “Das ist leicht verdient”, höhnt der Mann, verspricht es mit einem neuen Fluch und steckt das Silber ein.

Sobald aber Spurgeon aus seinem Gesichtskreis verschwunden ist, wird es dem unseligen Menschen ganz sonderbar zumute. Es ist ihm, als lasse sich in seinem Innern eine längst verklungene Stimme hören und rufe ihm zu: “Was hast du getan! Was hast du getan!”Sofort nach vollendeter Arbeit geht er nach Hause. Seine Frau starrt ihn, der sonst nie vor Mitternacht heimkehrt, ganz überrascht und zugleich ob seiner verstörten Blicke erschreckt an. “Was ist dir? Was hast du?” stammelt sie. “Mir ist etwas Entsetzliches begegnet”, erwidert er, an allen Gliedern zitternd. “Der Teufel hat mich angerührt – er hat mir das Versprechen abgenommen, niemals zu beten! Da, das ist das Judasgeld – es brennt mich -, ich kann’s nicht behalten.” Damit reißt er das Geldstück aus der Tasche und schleudert es mit Abscheu auf den Tisch.

Durch eine wundersame Fügung gelang es der Frau, ausfindig zu machen, wer der Geber gewesen war. Der Mann selbst brachte es Spurgeon zurück, der ihm scharf ins Gewissen redete, mit ihm betete – ihn rettete. Der Säufer wurde ein treues Glied seiner Gemeinde. In seinem Haus wohnte der Friede Gottes.”Ja, es war ein gewagtes Stück”, sagte Spurgeon, als er darauf angeredet wurde. “Aber es kam über mich wie ein unwiderstehlicher Drang. Ich musste es wagen; ich tat es mit Zittern. Nie vielleicht habe ich so ernstlich für eine Seele gebetet, als da ich dem Steinklopfer den Rücken gekehrt hatte. Aber Gott hat sich zu meinem Wagestück bekannt.” Quelle: Mach ein Fenster dran, Heinz Schäfer

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