Der Ausstieg von Scientology

Der Ausstieg von Ex-Scientology-Direktor Wilfried Handl

„53 Prozent bin ich wieder Mensch, 47 Prozent bin ich immer noch Scientologe. Ich entdecke immer noch Muster“, so definierte sich Wilfried Handl, Ex-Direktor von Scientology Österreich, in einem Pressegespräch im September 2005 in Berlin. Dabei stellte der Aussteiger sein Buch „Scientology: Wahn und Wirklichkeit – 28 Jahre in einer Psychosekte“ vor. Seine Kritik ist radikal wie die vieler Aussteiger aus vereinnahmenden Gruppen, Organisationen und Kulten.

 
Wilfried Handl, Thomas Gandow
Scientology-Aussteiger Wilfried Handl (r.) und Pfarrer Thomas Gandow, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg, im Pressegespräch am 30.09.2005 in Berlin-Zehlendorf.

Im Rückblick sagt der Ex-Scientology-Direktor: „Anfangs schrieb ich aus reiner Selbsttherapie, tagebuchartig. Erst langsam kam die Idee, daraus ein Buch zu machen.“ Drei Jahre habe er daran gearbeitet.

Handl trägt noch heute schwer an seiner Vergangenheit: Zerbrochene Ehe, gestörte Beziehung zu seinen Kindern, von seinem früheren Arbeitgeber zur „unterdrückerischen Person“ erklärt und das Gefühl, sich während einem wichtigen Teil des Lebens für die falsche Sache engagert zu haben.

Opfer und TäterHandl besuchte Scientology-Kurse, war Kursüberwacher, PR-Betreuer von „Kult&Magie“ und Leitender Direktor. In seinem Urteil kommt der Frust zum Ausdruck, wenn er schreibt: „Zum Geschäft gehörten ein ‘aufgeblasenes Ego’, das zentrale Mittel ‘Auditing’, das scientologische Zauberkästchen ‘E-Meter’, der ‘Druck von oben’, der ‘Druck von der Seite’, die Hubbardsche ‘Ethik’ und der Datenmissbrauch.“ Dabei lässt er auch ein wenig Selbstkritik einfliessen, wenn er resigniert feststellt: „Ich bin nicht nur Opfer von Scientology, sondern war in all den Jahren auch Täter, der das ‘Gesetz’ L. Ron Hubbards in die Tat umsetzte“, so Wilfried Handl.

Verdecktes OperierenEiner seiner Hauptvorwürfe an die Scientologen ist, versteckt zu operieren und so umso mehr Einfluss zu bekommen. Er erinnert daran, dass Scientology in Brüssel ein Lobbybüro unterhalte, „das sich ‘lustigerweise’ unweit des EU-Parlamentes befindet“. Er stellt auch den umstrittenen Krebsarzt und seine „Dr. Rath Health Foundation“ in Scientology-Nähe. Zwar unterstellt er Dr. Rath nicht, dass er Scientologe sei. „Aber ich weiss, dass seine Wiener Dependance von zwei Scientologen geleitet wird.“ Der österreichischen Wirtschaftskammer wirft er Blauäugigkeit vor: Sie fördere Scientology-Kurse für Firmen ohne zu wissen, „was man damit wirklich fördert.“ Heftige Kritik übt er auch an sozialen Kampagnen der Scientologen, an ihrem Drogenentzugsprogramm Narconon und am Scientology-Ablegers „Kommission für Verstösse der Psychiatrie gegen Menschenrechte“.

„Indirekte Einflussnahme“Der Berliner Weltanschauungsbeauftragte Thomas Gandow verwies am erwähnten Pressegespräch darauf, dass Scientology besonders im politischen Bereich „keine Posten im Scheinwerferlicht“ anstrebe. Es gilt das Prinzip der „Assistenz“, also indirekte Einflussnahme. „Das lässt sich nur schwer überprüfen“, so Gandow weiter, „weil Scientology eine Organisation ist, die mit geheimdienstlichen Mitteln arbeitet.“

Ausschlaggebend für den Ausstieg von Wilfried Handl war eine Krebserkrankung 2001. Er habe damals den scientologischen Vorwurf, der sich Hubbards Lehre anlehne, deutlich gespürt: „Hinter jeder Krankheit steckt der eigene böse Wille, das eigene böse Tun; sonst wäre man nicht krank.“ – „Das war zuviel für mich“, so Handl.

jesus.ch

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