Auf dem Bahnhof einer holländischen Stadt stand ein Zug abfahrtbereit. Zwei Studenten kamen gerade noch zur rechten Zeit und sprangen in ein Abteil; dann beugten sie sich aus dem Fenster und winkten einer alten Dame. Wenige Minuten später befanden sie sich in einer Unterhaltung. Es war ihre Vermieterin, von der sie sich verabschiedet hatten, und man erfuhr, dass sie eine sehr fürsorgliche Dame gewesen sei. Zum Abschied habe sie jedem Studenten ein Bibelbuch gegeben. Der Jüngere holte das seine schmunzelnd heraus. „Was soll ich damit bloss anfangen?“ fragte er, „Ob ich es aus dem Fenster werfe?“
Das Gesicht des älteren Herrn, der in demselben Abteil saß, verdüsterte sich. „Tun Sie das nicht, junger Mann!“ sagte er. „Es ist nicht einfach bedrucktes Papier, es ist Gottes Wort! Gottes Wort zu verachten bringt Leid.“ Ein langes peinliches Schweigen folgte. „Sehen Sie“, fing der Warner endlich wieder an, „ich könnte Ihnen die Geschichte eines Mannes erzählen, der es ähnlich gemacht hat, und der um Haaresbreite dabei einen schlimmen Tod gefunden hätte. Ich will damit nicht sagen, dass Gott in jedem Fall eine solche Strafe schickt, aber ich bin der Meinung, dass er es keineswegs vergisst. Es war ein Seemann, ein gebürtiger Amsterdamer. Er fuhr damals als Untersteuermann auf einem Frachtschiff. Man kann nicht sagen, dass er verdorben war, er war nur leichtsinnig. Ausserdem trank er zu viel. Wenn seine Kameraden dann über den Glauben spotteten, hielt er wacker mit. Als Anlass ihrer Spöttelei diente ihnen oft der Koch des Dampfers. Das war ein Inder; ein baumstarker Mensch mit dem Herzen eines Kindes. Er hatte einen langen indischen Namen, aber sie riefen ihn nur Josef. In seinem Verschlag hinter der Kombüse hing nämlich ein Bild von Josef. Wie es hieß, war er in einer Missionsschule erzogen worden. Er war sehr fromm: jeden Landurlaub begann er mit einem Weg zum Gottesdienst. Kein Wunder, dass die Besatzung ihn verlachte.
Eines Tages lag das Schiff in einem westindischen Hafen vor Anker. Trinkend lag ein Teil der Leute an Deck und sah einem Haifisch zu, der träge das Schiff umschwamm. Das brachte den Untersteuermann auf einen Gedanken. Hatte er nicht kürzlich von dem Leiter eines Seemannsheimes ein Buch mit Gottes Wort geschenkt bekommen? – Nun, damit wollte er den Hai füttern. Eilig holte er es herbei. Die Zechgenossen begrüssten seinen Vorschlag mit Gelächter. Der Schiffszimmermann stiftete sogar ein Stück Speck, welches ranzig geworden war, um das Buch daran zu binden. dann flog das Buch mitsamt dem Köder in weitem Bogen über Bord. Es sank etwas unter, kam aber gleich wieder hoch. Gerade tauchte unweit des Hecks der Hai wieder auf. Lachend standen die Leute an der Reling und winkten dem Tier. Aber der Raubfisch tat ihnen den Gefallen nicht. Er schwamm langsam näher, umkreiste argwöhnisch den Köder und entfernte sich wieder. Auf einmal geschah etwas Unvorhergesehenes. Der Untersteuermann, der sich zu weit über das Geländer beugte, verlor plötzlich das Gleichgewicht. Er war ein großer Mensch, ausserdem hatte er getrunken. Und gerade jetzt machte der Hai eine Kehre. Einen Augenblick herrschte tiefe Stille an Bord; die Lästerungen verstummten. Dann gellte ein Schrei des Entsetzens über das Schiff. Der ins Wasser Gefallene tauchte, jäh ernüchtert, wieder auf und schwamm wie rasend dem Fallreep zu; allein der Hai hatte ihn bereits entdeckt und folgte ihm.
Das Speckstück mit dem Buch hatte ihn nicht interessiert, der lebende Mensch jedoch, der wild um sich schlug, schien ihm eine gute Beute. In diesem Augenblick trat der Inder aus der Tür. Die Schreie hatten ihn aufmerksam gemacht. Er sah die verzerrten Gesichter der an der Reling Stehenden und begriff die Situation sofort. Den Hai hatte er bereits seit frühem Morgen beobachtet. Mit einem Satz sprang er in die Küche zurück, ergriff ein langes, haarscharfes Fleischmesser, nahm es zwischen die Zähne und rannte zur Reling. In der nächsten Sekunde schwang er sich über das Geländer und sprang kopfüber ins Wasser. Was nun folgte, war das Werk weniger Augenblicke. Der Inder tauchte sofort und verschwand unter der Wasseroberfläche. Wie ein Schatten glitt sein großer, starker Körper auf den Hai zu. der Hai war nur noch wenige Meter von seinem Opfer entfernt. Schon begann er sich seitwärts zu drehen, sein furchtbares Gebiss wurde sichtbar . . ., da schlug er jäh einen gewaltigen Haken und wirbelte herum. Das Wasser neben ihm färbte sich.
Ein Schrei wilder Freude brach aus den siebzehn Seemannskehlen. Sie sahen es deutlich: bis an Heft steckte das Schlachtmesser im Hals des Tieres. Wie eine Furie raste der Mordfisch davon. An der Vorwand aber tauchte der Inder wieder auf. Er packte den vor Grauen Erstarrten und schwamm mit ihm dem Fallreep zu. Eine Minute standen sie auf Deck.“ – Hier schwieg der Erzähler. – „Sie haben das Abenteuer so anschaulich geschildert“, meinte einer der Studenten, „dass ich annehmen möchte, Sie waren ebenfalls dabei. Haben Sie vielleicht bei der Rettung mitgewirkt?“ Das Gesicht des Erzählers wurde um einen Schein dunkler. „Nein, junger Mann“, sagte er langsam und betont. „Ich war derjenige, der über Bord fiel. Nun werden Sie mir wohl glauben, dass ich Sie warnen darf: Wirf Gottes Wort nicht weg!“
Der Missionsbote

Eine bewegende Geschichte, gerne mehr davon.