Flucht aus dem Land des maoistischen Terrors. Dort herrscht skrupelloser Terror, gibt es zig Millionen Tote, völlige wirtschaftliche Verelendung und obzönsten persönlichen Luxus für die Bosse.

Das Erste, woran ich mich erinnern kann, ist Hunger. Ich bin eine von vielen Nordkoreanern, die ihr Land wegen der langen Hungersnot von 1994-1998 verlassen mussten – beispielsweise nach China. Es war eine schwer Zeit, wir hatten weder Geld noch etwas zu essen. Oft sind wir in die Berge gelaufen, um nach Nahrung zu suchen, aber das meiste hatten andere schon „abgeerntet“. Wir fanden Hirse und Rhododendronblüten. Das hat uns überleben lassen. Viele Menschen erlitten Erfrierungen und verloren Gliedmaßen wie Finger, Zehen oder sogar Ohren, weil sie im Schnee nach etwas Essbarem suchten. Auch ich habe keine Fingerabdrücke mehr, weil ich mehrmals Erfrierungen an den Händen hatte.

Manchmal sind wir in die Berge gegangen, um Feuerholz zu sammeln. Das haben wir dann für einen Laib Brot verkauft.  Mitunter bin ich nicht nach Hause zurückgekehrt, weil ich vor lauter Hunger das Brot selbst aufgegessen hatte und mich anschließend schuldig fühlte, meiner Familie nichts mehr mitbringen zu können.

Sogar Bildung zu bekommen, war in dieser Zeit nicht einfach. Der Großteil der Kinder ging nicht in die Schule – und die, die doch gingen, wurden meistens damit beauftragt, Kaninchenfelle für die Armee zu sammeln. Das war harte Arbeit; und wenn sie dann am Abend nach Hause kamen, mussten sie sich obendrein noch auf die Suche nach etwas zu Essen für sich selbst machen.

Ich erinnere mich noch an die Geburtstage von Kim Il Sung und Kim Jong Il. An diesen Tagen verschenkte die Regierung immer Lutscher an uns und wir waren ziemlich aufgeregt. Die Bilder der beiden hingen immer bei uns zu Hause an der Wand. Wenn wir uns aus Versehen auf eines ihrer Fotos in der Zeitung setzen, wurden wir sofort dafür bestraft.

Als ich drei Jahre alt war, starb mein Vater. Jeder, der während der Hungersnot zu Tode kam, wurde von der Regierung einfach abgeschrieben. Aus irgendeinem Grund tauchte auch mein Name auf dieser Liste auf. Also wurde nie nach mir gesucht. Das ist der Grund, warum ich mich ohne Gefahr öffentlich fotografieren lassen kann.

Als ich zwölf Jahre alt war, gingen ein Mann und ein paar Jungs an mir vorüber und fragten mich, ob ich nicht mit nach China kommen wolle. Man könne dort viel Geld verdienen. Also habe ich mit ihnen illegal den Fluss nach China überquert. Anschließend wurden wir in einem Keller untergebracht. Doch eines Tages erfuhr ich von einer Frau, die auch dort lebte, dass wir verkauft werden sollten. Als der Mann uns tatsächlich zum Verkauf mitnahm, wurden wir an einem Checkpoint angehalten und verhaftet, weil wir kein Chinesisch konnten. Ich wurde in ein Waisenheim gesteckt, aus dem ich allerdings sehr bald flüchtete. Ich bin dann wieder zu meiner Familie nach Nordkorea zurückgekehrt, die sehr überrascht war, mich nach 10 Tagen Abwesenheit wieder zu sehen.

Doch zu Hause herrschte wieder Hunger. Im Waisenheim hatte ich wenigstens dreimal am Tag eine Mahlzeit. Also erklärte ich meiner Mutter, dass ich wieder nach China gehen würde, um dort Geld zu verdienen. Als ich mich schließlich der Grenze näherte, jagte mich ein Wachposten wieder fort und warnte mich davor, wieder zu kommen. Weil ich schon sehr weit weg war von Zuhause, versteckte ich mich drei Tage lang. Schließlich ergriff ich eine günstige Gelegenheit und floh nach China.

Es war mitten in der Nacht, als ich kurz entschlossen an der Tür des ersten Hauses klopfte, in dem ich Licht brennen sah. Eine Frau öffnete mir. Als sie realisierte, dass ich aus Nordkorea gekommen sein musste, zog sie mich schnell ins Haus. Sie war sehr freundlich und am nächsten Morgen nahm mich einer ihrer Verwandten mit zu einem koreanisch-amerikanischen Professor. Der wiederum brachte mich zu einer chinesischen Familie. Diese Familie war sehr arm. Aber sie nahmen mich auf, als wäre ich eine von ihnen. Nach einiger Zeit wurde der Vater der Familie wie mein eigener – und ich nannte ihn meinen Stiefvater. Sein Bruder arbeitete für die Regierung und so konnte ich sogar einen chinesischen Pass bekommen.

Schließlich wurde mir klar, dass mein Stiefvater ein Pastor war. Immer wieder kam die Polizei in unsere Gemeinde und verhaftete jeden. Nach und nach wurden wir dann alle verhört. Sie suchten nach Nordkoreanern unter uns. Die Verfolgung war manchmal wirklich hart und viele wurden verprügelt.

Im Verlauf der Zeit schienen die Behörden jedoch etwas entspannter zu werden und ließen uns in Ruhe. Die Gemeindemitglieder blieben trotzdem sehr vorsichtig damit, das Evangelium an andere weiterzugeben. Sie kümmerten sich insbesondere um nordkoreanische Frauen, die zur Prostitution gezwungen worden waren und flüchten konnten.

Bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr lebte ich bei meinem Stiefvater. Dann wollte ich unabhängig werden und mir eine eigene Arbeit suchen.

Eines Tages kam ein Freund meiner Mutter zu uns in die Gemeinde. Er war aus Nordkorea geflüchtet und brachte Neuigkeiten von meiner Familie mit: Meine Schwester war gestorben. Ich habe anschließend versucht, meine Mutter anzurufen. Aber auch sie war verschwunden und lebte nicht mehr in unserem Heimatdorf.

Ich war an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an dem der christliche Glaube für mich an Bedeutung gewann. Ich zog nach Südkorea, wo ich mich einer Gemeinde in der Nähe anschloss. Gott erinnerte mich an Jesu Liebe für mich und ich fing an, regelmäßig zu beten. In der Zeit, in der ich noch bei meinem Stiefvater lebte, war der Glaube für mich nicht so wichtig – obwohl ich in dem Haus eines Pastors wohnte. Ich liebte die Lieder, die gesungen wurden, aber während der Predigten schlief ich meist beinahe ein. Ich hätte am liebsten immer ganz hinten gesessen. Doch jedes Mal musste ich mit gutem Beispiel vorangehen und vorne Platz nehmen. Erstaunlicherweise kann ich mich heute an viele der Predigten meines Stiefvaters erinnern.

Ein junger Mann aus meiner Gemeinde bot mir an, bei christlichen Radiosendungen für Nordkorea mitzuarbeiten. Er zeigte mir die Büroräume, stellte mir die Mitarbeiter vor und ich wusste: Das ist der Platz, an dem Gott mich haben will. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich nun mithelfen kann, die Menschen in Nordkorea mit dem Evangelium zu erreichen und sie zu ermutigen. (verfolgte-christen.de)

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