Fragen an John Lennox: Und was ist mit dem Leid, für das Menschen nichts können?

“Dazu habe ich vor allem in meinem Buch „Gott im Fadenkreuz“ viel geschrieben. Leid gibt es in zwei Formen: Erstens das Leid, das sich Menschen gegenseitig zufügen: Krieg, Terror, Hass. Und zweitens der Schmerz, der offensichtlich nicht von Menschen verursacht wird: Katastrophen, Tsunamis, Erdbeben, Krebs. Zum ersten: Wenn Gott uns keine Willensfreiheit gegeben hätte, wären wir bloß Automaten, keine Menschen. Wir hätten nicht mehr die Wahl, Ja oder Nein zu sagen. Gott hat bei der Erschaffung des Menschen also ein Risiko auf sich genommen. Ein ähnliches Wagnis gehen Eltern ein: Sie zeugen ein Kind, obwohl sie genau wissen, dass dieses Kind seine Eltern ablehnen könnte. Warum tun sie es trotzdem? Natürlich ist die Antwort: Weil es so bereichernd und wunderbar ist, wenn Kinder aufwachsen und uns lieben.

Der Standardvorwurf gegen das Christentum lautet: Wenn ein guter, allmächtiger Gott das Leiden Unschuldiger zulässt, ist er entweder nicht gut oder nicht allmächtig. Niemand hat eine Lösung dafür. Wenn wir Mathematiker jahrhundertelang erfolglos versuchen, eine Frage zu lösen, dann wenden wir manchmal ein: Gibt es nicht eine bessere, berechtigtere Frage? Ich würde die Frage anders stellen: Gibt es Hinweise für einen Gott, dem wir trotz dieses unlösbaren Problems vertrauen können? Hier hat das Christentum eine eigentümliche Antwort. Der Kern des christlichen Glaubens ist, dass Gott Fleisch geworden und am Kreuz gestorben ist. Wenn Jesus wirklich Gott war, müssen wir fragen: Was macht Gott an einem Kreuz? Dann wird es offensichtlich: Gott ist nicht fern vom menschlichen Leiden, sondern im Gegenteil: Er kennt es.

Für ein Interview ist dieses Thema natürlich zu komplex. Aber es ist wichtig. Im Februar 2011 war ich in Christchurch, kurz nach dem verheerenden Erdbeben, bei dem 185 Menschen starben. Ich predigte in einem der ersten Gottesdienste nach dieser Katastrophe. Eine Frau hinterließ eine kleine Notiz für mich: „Ich habe meinen Mann verloren. Aber was Sie gesagt haben, hat mir Hoffnung gegeben.“ Das habe ich oft erfahren. Wenn Menschen diese Gedanken des Leids mitdenken, spüren sie: Das ist nicht nur intellektuelles Gerede, sondern Gott kommt ihnen in Jesus Christus nahe. Weil er nicht nur für sie gelitten hat, sondern auch auferstanden ist, bekommen sie eine Hoffnung, mit der sie sich durch die Theodizee-Frage kämpfen können. (pro)

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