Sein sogar von Die Ärzte parodiertes Werk „Danke“ schaffte es als einziges Kirchenlied für sechs Wochen in die deutschen Charts.
Döring verfolgt zunächst die Verpflichtung zur Dankbarkeit durch die antiken Ethiken; im Juden- und Christentum werde die Dankespflicht einer materiellen Gegengabe, der Idee einer „Tauschgerechtigkeit“, abgelöst und zur geistig-seelischen Verpflichtung universalisiert: „Sagt Gott, dem Vater, jederzeit Dank für alles im Namen Jesu Christi, unseres Herrn“, heißt es im Epheser-Brief des Paulus. Sofort aber stelle sich damit ein Problem, wovon der Dank handeln kann, wie also das Lied „die Einsicht in seine konstitutive Selbstbeschränkung, nie angemessen und erschöpfend zu sein, glaubhaft machen kann“. Die übliche Weise der Lösung ist die Aufzählung, der Katalog – nach der Lehre der Rhetorik die „enumeratio“: „In unendlicher Varianz kündet der nur liedformal begrenzte Katalog der Wohltaten von der Größe des Gottesgeschenks einerseits, andererseits in rhetorischer Hinsicht auch immer von der Virtuosität des dankenden Sängers, der die gebotene Varianz herstellen und beherrschen muss.“
Genau dies ist nun die Struktur des Liedes: „Danke, für diesen guten Morgen, / Danke, für jeden neuen Tag. / Danke, dass ich all’ meine Sorgen / Auf Dich werfen mag.“ Die eigentliche Analyse folgt streng dem Textverlauf und prüft diesen auf seine Stimmigkeit, ähnlich wie in Ulrich Oevermanns „objektiver Hermeneutik“. Noch ist in der ersten Zeile kein Adressat genannt. Auch im zweiten Vers noch nicht ausdrücklich, indes wird alles nun deutlicher: Der Vortragende dankt offenbar „für die Existenz schlechthin“, wie Döring darlegt; ein impliziter Hinweis darauf, dass „der christliche Gott Adressat dieser Dankesworte sein könnte“. Der Dank für diesen Morgen wird erweitert auf jeden neuen Tag. So werde die „Totalität der Dankesverpflichtung“ erfahrbar. Allgemeine und besondere Dankanlässe würden im Verspaar gleichsam versöhnt.
Eine reine Liste
Unstimmiger wird es in den folgenden Zeilen: „Danke, dass ich all’ meine Sorgen / Auf Dich werfen mag.“ Kann man Sorgen „auf“ jemanden werfen? Wenn ja, dann handelt es sich, so Döring, um einen achtlosen Vorgang oder um einen, der Eile anzeige: „So schlimm sind die Sorgen, dass man sie nicht mehr ordentlich ablegen kann, sondern sie von sich wirft.“
„Danke, für meine Arbeitsstelle, / Danke, für jedes kleine Glück. / Danke, für alles Frohe, Helle / Und für die Musik.“ Den Dank für die Arbeitsstelle in der dritten Strophe kommentiert Döring scharfsinnig: „Im einzigen Vollbeschäftigungsjahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts formuliert, wird sich dieser Dank historisch schon bald nicht mehr von selbst verstehen“, und nicht zuletzt deshalb sei das Lied seit den siebziger Jahren gerade von gewerkschaftlicher Seite verspottet worden. Das Lied versinke nun in der reinen Liste: „Das ,Frohe‘ und das ,Helle‘ werden nur noch benannt, die semantische Spanne von ,Arbeitsstelle‘ bis ,Musik‘ kann auch durch die Liedform nicht mehr überzeugend verklammert werden.“ FAZ
