USA – Ein Prozent der Bevölkerung in Haft

Ein Weltrekord – und ein trauriger dazu noch: Etwa ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung eines Landes sitzt im Gefängnis. Und das nicht etwa in einem wenig beachteten Land in der Dritten Welt oder in Russland oder China – es geht um die USA, führende Weltmacht, selbsternannte Hüterin der Menschenrechte, für viele Inbegriff der westlichen Welt. Etwas mehr als jeder Hundertste erwachsene Bürger – ein Prozent – sitzt in den USA momentan im Gefängnis. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des unabhängigen US-amerikanischen Wirtschaftsinstitutes PEW, die Ende Februar veröffentlicht wurde. Diese erschreckenden Zahlen werden noch umso erschreckender, wenn man sich vergegenwärtigt, daß das nicht nur ein weltweiter Rekord prozentual gesehen ist, sondern daß die USA auch in absoluten Zahlen am meisten Gefängnisinsassen haben – weit vor Russland und China.
Nach der "World Prison Brief, einer vom International Centre for Prison Studies at King\’s College, London gepflegten Datenbank, wird die USA, was die absolute Zahl der Gefängnisinsassen angeht, dicht gefolgt von China (Platz 2) und Russland (Platz 3). Bezogen auf die Gesamtbevölkerung folgt Russland dicht auf (Platz 2), China liegt hingegen weit hinten auf Platz 112. Zum Vergleich: Deutschland liegt in dieser Auflistung auf Platz 138 (Stand Februar 2008).
Erschreckend ist auch, wie sehr die Zahlen nach Bevölkerungsgruppen aufgeschlüsselt schwanken. Mehr als jeder zehnte schwarze Mann im Alter zwischen 20 und 34 Jahren sitzt hinter Gittern – das ist mehr als zehn Prozent! Der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung bezogen auf das gleiche Alter liegt bei ca. drei Prozent. Es fällt einfach schwer zu glauben, daß diese Männer grundsätzlich gewaltbereiter sein sollen. Vielmehr beschleicht den nüchternen Betrachter dieser Zahlen die Ahnung, daß auch vierzig Jahre nach Martin Luther-King noch einiges in diesem Staat hinsichtlich der Gleichberechtigung der Bevölkerungsgruppen im Argen liegt.
Aus diesen Zahlen voreilig den Schluß zu ziehen, in den USA ginge es schlimmer zu als in den schlimmsten Diktaturen der Welt, wäre ebenso falsch, wie diese Zahlen gar nicht zu beachten und zur Tagesordnung überzugehen. Sicherlich erklärt ein Blick in das US-amerikanische Rechtssystem einiges, aber auch das ist eine Aussage über den Zustand einer Gesellschaft. So sind wohl viele Menschen wegen geringer Vergehen oder gar Formalitäten hinter Gittern: Alkohol am Steuer, ein verpaßter Termin mit dem Bewährungshelfer und dergleichen.
"Es ist keine Frage, dass die Kriminalitätsrate sinkt, wenn man gewälttätige und chronische Straftäter wegschliesst", sagt Adam Gelb vom PEW-Projekt für öffentliche Sicherheit, "andererseits sitzen eine Menge Leute im Gefängnis, die nur in Fragen öffentlicher Sicherheit geschult werden müssten – während sie weiter ihre Steuern zahlen und ihre Opfer entschädigen." Gelb denkt dabei etwa an Autofahrer, die mit zuviel Alkohol im Blut erwischt wurden und bislang schnell im Gefängnis landen. Auch die teilweise langen Haftstrafen für Konsumenten verbotener Drogen sind umstritten.
Tagesspiegel vom 01.03.2008
Ein Land, in dem man schön für das Schwarzfahren in der U-Bahn hinter Gitter kommen kann (so in New York), andererseits aber bei der dritten Gefängnisstrafe, ungeachtet der Gründe, lebenslänglich hinter Gittern bleibt, ist für uns nur schwer vorstellbar. Trotzdem ist dieses archaische Rechtssystem Realität in den USA. Aber was jetzt manchen zum Umdenken bringt, ist nicht etwa die Erkenntnis, daß die Wiedereingliederung vor dem Wegsperren stehen sollte, sondern schlicht finanzielle Fragen.
Die in den 80er und 90er Jahren zu Zeiten hoher Drogenkriminalität zu ungekannter Blüte gelangte "Law \& Order"-Mentalität kommt die Nation mittlerweile teuer zu stehen. Fast 50 Milliarden Dollar geben die USA nach einer Untersuchung des PEW Centers of the States in Washington jedes Jahr für die 2,3 Millionen Menschen hinter Gittern aus. In vielen Bundesstaaten übersteigt der Etat für die Gefängnisse mittlerweile den für Bildung, im Durchschnitt macht er rund sieben Prozent des Budgets aus. "Wir neigen dazu, eine Gefängnisstrafe als einfache Antwort auf Kriminalität zu akzeptieren", sagt PEW-Direktorin Susan Urahn.
Tagesspiegel vom 01.03.2008
Viele US-Bundesstaaten geben heute mehr Geld für Gefängnisse aus als für de Bildung, wie der PEW–Bericht festhält. Allerdings mit zweifelhaftem Erfolg.
"Trotz der vielen Gelder für den Strafvollzug gibt es keine überzeugende Ergebnisse für die öffentliche Sicherheit", schreibt der PEW-Direktor Adam Gelb. Deshalb überlegten mehr und mehr Staaten, alternative – und vor allem billigere – Strafmaßnahmen gegen Personen zu verhängen, die keine schweren Straftaten verübt haben. Viele Gefängnisinsassen seien heute wegen relativ harmloser Straftaten oder wegen der Verstöße gegen ihre Bewährungsauflagen wieder im Gefängnis.
dw-world.de vom 29.02.2008
Eine sehr interessante Aussage – wenn auch eigentlich nichts Neues: Statt Geld in den Justizvollzug und die Strafverfolgung zu investieren, wäre dieses Geld viel besser in die Prävention von Straftaten und die Resozialisierung straffällig gewordener Menschen investiert.
Strafe als Antwort der Gesellschaft auf grobes Fehlverhalten ist etwas, was niemand wegdiskutieren will. Eine Frage, die sich angesichts der jüngsten Zahlen aus den USA allerdings stellt, ist, was Strafe bewirken soll. Wir können von Glück sagen, daß wir in Deutschland ein Strafrecht besitzen, das die Resozialisierung und Wiedereingliederung des Straftäters in den Vordergrund rückt und auch dem straffällig gewordenen Bürger nicht alle Rechte abspricht.
Sicherlich können wir auch hierzulande angesichts überfüllter Gefängnisse und steigender Ausgaben die Frage stellen, ob es wirklich sinnvoll ist, all diese Menschen hinter Gitter zu bringen und auf Kosten des Steuerzahlers wegzusperren. Andererseits gibt es natürlich immer auch Fälle – auch wenn das eher die Ausnahmen sind -, wo nichts anderes als eine sogenannte "Sicherheitsverwahrung" sinnvoll erscheint.
Die Resozialisierung des Straftäters finden wir als oberstes Gebot auch in den Geboten des Alten Testaments. Der Bibel ist das uns so vertraute Gefängnissystem (fast) vollständig fremd.
Stattdessen lautet dort die Devise: Wer an einem Mitmenschen schuldig geworden ist, hat diesem Wiedergutmachung zuleisten. Der Fokus der Gesetze in den Büchern Mose liegt hier vielmehr darauf, daß diese Wiedergutmachung in einem der Tat angemessenen Umfang bleibt und nicht zu einer vollständigen Herabwürdigung des Täters führt.
Auf jeden Fall sind die Zahlen aus den USA ein weiterer deutlicher Hinweis, daß in "God\’s own country", wie sie sich selbst oft stolz nennt, trotz des äußeren Scheins die Gesellschaft in vielem vielleicht weiter von Gottes Geboten entfernt ist als manche europäische Nation, die auf eine kontinuierliche christlich geprägte Tradition zurückblicken kann. Abe es gehört zu den USA und ihrem Selbstverständnis dazu, daß übervolle Gefängnisse und die Zahlen der aktuellen Studie keine große Debatte auslösen. Es ist Präsidentschafts-Wahlkampf, es geht darum, ob nun Clinton oder Obama zum Kandidaten der Demokraten wird. Und dabei spielen Zahlen von Gefängnisinsassen keine Rolle. hoffnung.de

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