Er war ein Sohn vornehmer Eltern, seine Familie gehörte zu den reichsten in Indien. Zugleich aber kannten seine Eltern echte Gottesfurcht, zumal seine Mutter war eine fromme Frau, die ihren Jungen oft zu den Andachten in die Tempel mitnahm, ja ihn selbst in den heiligen Schriften der Sikhs unterrichtete. Dadurch wurde in ihm früh eine heiße Sehnsucht geweckt nach wahrem Frieden. Mit großer Dankbarkeit hat Sundar Singh immer wieder von seiner Mutter gesprochen. Sie starb, als er 14 Jahre alt war. Er verlor mit ihr viel und war darum unruhiger denn je.
Sundar Singh hat alles versucht, um den Frieden seiner Seele zu finden: er las weiter die heiligen Bücher, er prägte sich viele Stellen wörtlich ein, er verbrachte Stunden in stillem Nachdenken und innerster Selbstbesinnung, er befolgte treu alle Riten, die ihm von allen Seiten vorgeschrieben wurden, er tat gute Werke und half vielen Menschen–aber er wurde nicht ruhig. — Auch mit der Welt des Neuen Testaments kam er schon früh durch eine Missionsschule in Berührung. Zwei Worte Jesu: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid” [Mt 11,28] und Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab . . .” [Joh 3,16] haben ihn besonders bewegt und getroffen, aber er wollte von dieser Botschaft nichts wissen, er hat eines Tages sogar das Neue Testament vor den Augen seiner Mitschüler zerrissen, ja eine Zeitlang später die Bibel verbrannt. So hat er später selbst gesagt: Prediger und andere Christen waren oft zu mir gekommen, und ich pflegte ihnen zu widersprechen und sie zu verfolgen. Wenn ich in einer Stadt ausging, veranlaßte ich die Leute, mit Steinen nach christlichen Predigern zu werfen. In Gegenwart meines Vaters zerschnitt ich eine Bibel und andere christliche Bücher, begoß sie mit Petroleum und verbrannte sie. Ich glaubte, das Christentum sei eine trügerische Religion, und tat, was ich irgend konnte, um es auszurotten. Ich war ein gläubiger Anhänger meiner eigenen Religion; aber ich konnte weder Genüge noch Frieden finden.” —
Da beschloß er am 18. Dezember 1904, aus dem Leben zu scheiden, um vielleicht in einer anderen Welt Gott zu begegnen. Er ging zu seinem Vater und sagte: Ich will dir Lebewohl sagen, morgen früh wirst du mich tot finden.” Warum willst du dich töten?” fragte der Vater. Weil der Hinduismus meine Seele nicht befriedigen kann noch auch dies Geld, noch auch diese Behaglichkeit, noch irgendeines der Güter dieser Welt. Dein Geld kann die Wünsche meines Leibes befriedigen, aber nicht meine Seele. So habe ich genug an diesem elenden und unvollkommenen Leben; ich will ihm ein Ende machen.” — Er hatte ernstlich vor, sich am nächsten Morgen vor den D-Zug zu werfen, der an dem Garten seines Vaters vorüberfuhr. Er schlief natürlich nicht viel, stand um 3 Uhr auf, nahm ein Bad, wie es ihm vorgeschrieben war, und begann zu beten: O Gott, wenn es einen Gott gibt, wollest du mir den rechten Weg zeigen, sonst werde ich mich töten.” Er betete lange und dringend, zuletzt rief er sogar Jesus an. Es ist nicht ganz klar, ob er in dieser Stunde auch die Bibel selbst gelesen hat, aus einer Äußerung geht auch das hervor, aber auf jeden Fall hat er noch einmal alles versucht, um wirklichen Frieden zu finden. Da — so erzählt Fr. Heiler — plötzlich — gegen 5 Uhr — gewahrte er in seinem Gebetskämmerlein ein großes Licht. Er glaubte, das Haus stehe in Flammen, öffnete die Tür und blickte umher, aber es war kein Feuer da. Er schloß die Tür und betete weiter. Da sah er wie in einer Lichtwolke das liebestrahlende Angesicht eines Menschen. Er glaubte zunächst, es sei Buddha oder Krishna oder eine andere Gottheit, und wollte sich darum niederwerfen, um sie anzubeten. Da aber vernahm er zu seiner großen Überraschung auf Hindustani die Worte: Wie lange willst du mich verfolgen? Ich bin für dich gestorben, ich habe für dich mein Leben hingegeben.” Er war unfähig zu verstehen und konnte kein Wort sagen. Da entdeckte er die Wundmale jenes Jesus von Nazareth, welchen er für einen großen Mann gehalten, der vor langer Zeit in Palästina gelebt und gestorben, jenes Jesus, den er vor wenigen Tagen noch glühend gehaßt hatte. Und dieser Jesus zeigte in seinem Angesicht keinerlei Spur von Zorn darüber, daß er seine heiligen Schriften verbrannt hatte, sondern eitel Milde und Liebe. Da kam ihm der Gedanke: Jesus Christus ist nicht tot; er lebt, und das ist er selbst.” Und er sank ihm anbetend zu Füßen. Im Nu wurde sein Innerstes umgewandelt, er fühlte, wie Christus ihn gleich einem göttlichen Strom ganz und gar durchdrang; Friede und Freude erfüllten seine Seele.” — Heiler fügt nur hinzu: Diese Bekehrung ist für Sundar Singh Offenbarung, Wunder im ausgesprochenen Sinn des Wortes, schlechthin übernatürlich. Die moderne Religionspsychologie, die der Erforschung des Bekehrungsvorganges besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, sucht dieses Wunder zu erweichen, die Bekehrung als Endglied eines innerseelischen Prozesses, als Wirkung eines feinen psychischen Mechanismus verständlich zu machen und so ihres rein übernatürlichen Charakters zu entkleiden. Alle diese Versuche sind deshalb verfehlt, weil sie die klare und unzweideutige Urmeinung” der Bekehrten umgehen; für den Frommen ist die Bekehrung allem natürlichen seelischen Leben, allem Eigenmenschlichen schlechthin entgegengesetzt; sie ist reines, freies Werk der göttlichen Gnade; sie bedeutet einen Einbruch der übernatürlichen Wirklichkeit in das Leben des Gläubigen. Sie ist darum etwas völlig Neues, der Anfang eines neuen Lebens. Wie jeder gläubige Bekehrte, so lehnt auch Sundar Singh die psychologische Erklärung des Bekehrungsvorganges durchaus ab und verficht aufs entschiedenste seinen rein supranaturalen Gnadencharakter. Alle Selbstaussagen Sundar Singhs zeigen in voller Deutlichkeit, daß er jede natürliche, geschöpfliche Kausalität von seiner Bekehrung ausschließt und in ihr einen unmittelbaren Eingriff, eine reine Wirkung des transzendenten Gottes, des ewigen Christus erblickt. Der naive Supranaturalismus, der den größten christlichen Frommen, angefangen von den Aposteln, eigen ist, kommt in Sundar Singh zu neuem, machtvollem Durchbruch. Für ihn ist seine Bekehrung nicht menschliches Erlebnis, innerseelische Erfahrung, sondern Offenbarwerden der göttlichen Wirklichkeit.”
So sagt auch Sundar Singh selbst: Das war keine Einbildung, die ich sah. Vorher haßte ich Jesus Christus und betete ihn nicht an. Wenn ich von Buddha spräche, könnte ich sagen, daß das eine Wirkung meiner Einbildung war, denn ich war gewohnt, ihn anzubeten. Das war kein Traum. Wenn man aus einem kalten Bad kommt, träumt man nicht! Das war eine Wirklichkeit, der lebendige Christus! Er kann einen Feind Christi in einen Prediger des Evangeliums verwandeln. Er hat mir seinen Frieden gegeben, nicht bloß für einige Stunden, sondern während 16 Jahren, einen wunderbaren Frieden, den ich nicht beschreiben kann, aber von dem ich Zeugnis ablegen darf.”
Was andere Religionen in vielen Jahren nicht zu Wege bringen konnten, das tat Jesus in einigen Sekunden. Er erfüllte mein Herz mit unendlichem Frieden.”” (Hans Bruns, Entschieden für Jesus).
Sadhu Sundar Singh (1888-1929) wurde als Sohn wohlhabender Eltern Mitte 1888 in Rampur (Punjab/Nordindien) geboren. Er war von Geburt Sikh, es überwog jedoch in der religiösen Erziehung seiner Mutter das hinduistische Element das moslemische.
Er ist der Heilige des vorigen Jahrhunderts, von dem oft behauptet wird, daß er am ehesten ein Leben wie Jesus selbst geführt hat. Wohlstand, Ruhm und Familie hatte er aufgegeben – für Jesus. Als Wandermönch (Sadhu) durch Indien ziehend hat er das Evangelium von Jesus verkündigt. Er war beliebt bei Christen und verfolgt in seinem eigenen Land. In vielen Ländern der Erde war er ein gern gesehener Gast. Die genauen Umstände seines Todes im Jahr 1929 sind unbekannt, er hatte sich, trotz schwacher Gesundheit, nochmals in die tibetischen Berge auf den Weg gemacht. Ob er dort Märtyrer geworden, verunglückt oder an einer Krankheit gestorben ist, ist unbekannt.
