Unser Bruder und Freund Benedikt Peters über die 500 Jahre Reformation.

 

Benedikt Peters

Wir denken in diesem Jahr zurück an die große geistliche Erweckung, die Gott mehreren Ländern Europas vor 500 Jahren schenkte. Warum tun wir das? Die frühe Geschichte des Volkes Israel beantwortet diese Frage in Richter 2,6–11. Wenn das Volk Gottes die großen Heilstaten Gottes vergisst, vergisst es auch Gott und fällt zurück in Heidentum und Götzendienst. Das ist in der protestantischen Christenheit geschehen, die von den großen Werken Gottes zur Zeit der Reformation nichts mehr weiß oder wissen will.

«Kämpfe den guten Kampf des Glaubens … bewahre das anvertraute Gut» (1.Tim 6,12.20). «So schäme dich nun nicht des Zeugnisses unseres Herrn noch meiner, seines Gefangenen, sondern leide Trübsal mit dem Evangelium, nach der Kraft Gottes» (2.Tim 1,8). «Siehe, ich sende euch wie Schafe inmitten von Wölfen; so seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben. Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch an Synedrien überliefern und in ihren Synagogen euch geißeln; und auch vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen und den Nationen zum Zeugnis» (Mt 10,16–18).

Am 18. April 1521 stand ein 38 Jahre alter Augustinermönch vor dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation samt Fürsten des Reiches und Würdenträgern der Kirche und sprach folgende Worte: «Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überwunden werde – denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, sintemal es am Tage ist, dass sie öfter geirrt und sich selber widersprochen haben – so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann ich und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.»

Während der Mönch Martin Luther vor dem Reichstag erschien, waren die Augen von ganz Deutschland auf ihn gerichtet. Alle wollten wissen, wie der Mönch sich schlagen werde. Als er die eben zitierten Worte sprach, war der Durchbruch geschehen zu jener geistlichen Bewegung, die wir Reformation nennen, zu einer geistliche Erweckung, wie sie die Christenheit seit der ersten Generation der Christen nicht gesehen hatte. Diese «zappelnde Weltminute» war, so können wir rückblickend nun sagen, die Sternstunde der Reformation, zu jener Bibelerweckung, die alle Länder Europas erschütterte und einige von Grund auf veränderte.

Was hatte dahin geführt, dass der Mönch Martin Luther, Doktor der Theologie, Professor an der Universität Wittenberg, aufgefordert wurde, vor Kaiser und Reich zu seinen Schriften Stellung zu beziehen? 1517 hatte Luther seine berühmten 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen. Er versandte diese Thesen auch an Kardinal Albrecht von Mainz, den Auftraggeber Tetzels, und er legte diesen auch den Sermon von Gnade und Ablass bei. In diesem hatte er zusammenfassend gesagt: «An diesen Punkten habe ich keinen Zweifel, und sie sind hinlänglich in der Schrift begründet.» Kardinal Albrecht leitete die Unterlagen nach Rom weiter.

Ein Jahr nach dem Thesenanschlag wurde Luther wegen der Thesen zum Verhör nach Augsburg beordert (Oktober 1518). Der vom Papst beauftragte Kardinal Cajetan forderte: «Revoca! Revoca! – Widerrufe!» Aber die sechs Buchstaben REVOCO konnte Luther nicht über die Lippen bringen. Er bestand auf dem Schriftbeweis. Neun Monate später erfolgte die Disputation mit Dr. Eck in Leipzig (Juni–Juli 1519). Dabei antwortete Luther auf die entsprechende Frage, dass er die Autorität des Papstes und der Konzilien nicht anerkenne. Das war die zwingende Konsequenz aus dem, was er in seinem Sermon von Gnade und Ablass geschrieben hatte. Luther hatte die Weiche dort schon gestellt, und er konnte und wollte nicht zurück: Die Schrift allein ist Quelle der Wahrheit und Richtschnur für Glauben und Leben.

1520 erschienen Luthers Schriften «Von dem Papsttum zu Rom», «An den christlichen Adel deutscher Nation», «Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche», «Von der Freiheit eines Christenmenschen», die, alle bauend auf die alleinige Autorität der Schrift, die Autorität des Papstes ablehnen und die Rechtfertigung aus dem Glauben lehren. Im Juni 1520 erging an Luther die Bann(androhungs)bulle «Exsurge Domine»: «Erhebe dich, o Herr, und richte deine Sache, Füchse suchen deinen Weinberg zu verwüsten und ein sonderlich wilder Eber weidet ihn ab.» Am 10. Dezember 1520 verbrannte Luther die Bulle vor dem Elstertor in Wittenberg. Im Januar 1521 erging die zweite Bannbulle «Decet Romanum Pontificem».

Auf das alles hin wurde Luther vor den Reichstag zitiert. Am Abend des 18. April 1521 stand er vor dem Reichstag in Worms. Bücher, die er geschrieben und die man in ganz Deutschland gelesen hatte, waren auf einem Tisch ausgelegt, und Luther musste auf die Frage antworten, ob er diese Bücher als die seinen anerkenne und ob er sie widerrufen wolle. Seine Antwort lautete: «Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überwunden werde – denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, sintemal es am Tage ist, dass sie öfter geirrt und sich selber widersprochen haben – so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann ich und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!»

Die Kernaussage ist eindeutig: Luther ließ nur eine Autorität gelten, nämlich die Bibel. Der müssen alle sich beugen, an der müssen alle sich messen lassen, auch der Papst und die Konzilien. Bereits in den 95 Thesen hatte Luther das in der 62. These angedeutet: «Das Evangelium ist der wahre Schatz der Kirche …». Doch die Thesen waren Lateinisch geschrieben und gedacht als eine Grundlage für eine wissenschaftliche Disputation unter Berufskollegen. Luther schrieb für das Volk den Sermon von Ablass und Gnade, und zwar auf Deutsch, und da steht, Bezug nehmend auf die 18 im Sermon formulierten Thesen der unerhörte und anstößige Satz: «An diesen Punkten habe ich keinen Zweifel, und sie sind hinlänglich in der Schrift begründet. Darum sollt auch ihr keinen Zweifel haben. Lasst die scholastischen Doktoren Scholastiker sein.»

Was endete allen Zweifel? Wo fand Luther solche Gewissheit? Was er geschrieben hatte, war «hinlänglich in der Schrift begründet». Was die Schrift sagt, ist verbindlich, und es ist «hinlänglich», es genügt. Mehr muss der Mensch nicht wissen. Da mögen die Scholastiker, die Lehrer der Kirche, lehren was sie wollen. Dieser Satz enthielt die Sprengkraft, die das Papsttum ins Wanken bringen und in mehreren Ländern stürzen sollte. Es war ein äußerst anstößiger Satz: Da behauptete einer, dass die Schrift alleinige Richtschnur sei. Das war eine offene Herausforderung an das Selbstverständnis der unumschränkt herrschenden Papstkirche. Diese anerkannte zwar auch die Autorität der Bibel. Aber neben ihr seien da zwei weitere Quellen der Wahrheit: Die Traditionen und das Lehramt der Kirche. Und das bedeutete: Die Kirche bestimmte und legte fest, wie die Bibel zu verstehen sei.

Die These, dass die Schrift allein die Wahrheit festlegt und begründet, war es, die den Inquisitionsprozess in Gang setzte, der damit endete, dass Martin Luther zuerst in den Kirchenbann getan wurde und bald danach der Reichsacht verfiel. Das war das Ärgernis, und ist es bis heute geblieben: Die Bibel allein; und die Bibel in allen Fragen. An dieser Wahrheit stieß sich die Antike, die Neuzeit, die Moderne wie auch die Postmoderne. An ihr stoßen sich Atheisten und Fromme, Denker und Leute, die gar nie denken – alle. Das ist allen unerträglich: eine absolute, uneingeschränkte, nicht verhandelbare Wahrheit, schriftlich verfasst und eindeutig formuliert, für alle verbindlich. Nur die Bibel, und neben ihr nichts.

Was bedeuten nun uns die Wahrheiten, die neben Luther auch Martin Bucer, Huldrych Zwingli und Heinrich Bullinger, Johannes Calvin und Wilhelm Farel, John Knox, dazu auch die Täufer Balthasar Hubmaier, Michael Sattler, Menno Simons und andere im 16. Jahrhundert predigten? Wir leben in einer Zeit, in der man sich müht, alle Unterschiede der Religionen und Konfessionen einzuebnen. Wir leben in einer Zeit, in der man sich sofort unmöglich macht, wenn man klare Positionen bezieht und zwischen Wahrheit und Irrtum unterscheidet. Wir gehören zu einer Generation, in der die protestantischen Kirchen alles tun, um sich mit der Römisch-Katholischen Kirche zu verständigen. Protestantische Theologen haben am 31. Oktober 1999 zusammen mit Katholischen Kollegen in Augsburg eine Erklärung unterzeichnet, nach der beide Konfessionen angeblich in der Lehre von der Rechtfertigung das gleiche glauben und bekennen.

Und heuer sollen im Land der Reformation die höchsten Vertreter der Katholischen und der Evangelischen Kirche das Reformationsjubiläum als ein gemeinsames Christfest feiern. So hat es kein Geringerer als der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Bedford Strohm, formuliert, und er hat persönlich den Papst im Vatikan aufgesucht und ihn dazu eingeladen. Der Druck des Zeitgeistes ist massiv und der ökumenische Sog wird immer stärker. Wer diesem Sog widersteht, gilt als Feind der Christenheit, als Feind des Friedens und damit letztlich als Feind der Menschen. Denn heute findet die erdrückende Mehrheit, alle Zäune religiöser und weltanschaulicher Art sollten eingerissen und alle trennenden Unterschiede eingeebnet werden. Reformation war doch Kirchenspaltung, dogmatische Streitigkeiten, die zu Religionskriegen führten. Nur das nicht!   Weiter: http://www.gemeindenetzwerk.de/?p=15027#more-15027

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