Der Tod der Wahrheit

 

Allan Bloom ist der Autor der vielbeachteten Kritik des amerikanischen Bildungssystems The Closing of the American Mind. Es beginnt mit einer Analyse des heutigen Studenten. „Wahrheit ist relativ“, ist Bloom zufolge für die meisten genauso sicher wie „2+2=4“. Professor Bloom beobachtet eine Revolution, die wie die meisten Revolutionen nicht durch abgefeuerte Schüsse ausgelöst wurde, sondern durch Ideen. Diese Ideen haben an den Universitäten angefangen und sind in alle möglichen Richtungen weitergegangen. Sie haben den Herrn Otto Normalverbraucher genauso infiziert wie den Universitätsprofessor oder den Arbeiter am Fließband.


Seit den Sechziger Jahren ungefähr stirbt die Wahrheit schleichend. Mit Wahrheit meine ich jetzt nicht die Wahrheit, wie sie heute verstanden wird, als ‚Meine Meinung‘. Vielmehr Wahrheit im Sinne von etwas, das man ganz genau weiß. Dieser Sinn ist gestorben. Wahrheit heißt heute ‚wahr für mich‘. Wir haben das Vertrauen verloren, etwas mit Bestimmtheit zu sagen. Behauptungen sind nur noch ‚wahr für mich‘.


Diese skeptischen Ideen werden uns ständig eingetrichtert. Die Propaganda dafür ist so laut, dass wir kaum dazu kommen, darüber zu reflektieren. Wir lassen uns vom Skeptizismus bevormunden. Die Folgen sind fatal. Denn mit der Wahrheit stirbt auch die Ethik. Wenn die Wahrheit nicht gekannt werden kann, dann ist auch moralische Wahrheit nur eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die Freiheit in unserer Gesellschaft sieht heute so aus: Glaube, was du willst, aber halte es nicht für wahr! Der Gehalt jeder Diskussion wird reduziert auf subjektive, persönliche Meinung.


Wenn es aber nur um individuelle Vorlieben geht, dann wird aus der Frage ‚Was ist gut?‘ , die Frage ‚Was fühlt sich gut an?‘ Das ist wie wenn der Schwanz mit dem Hund wackelt. Das Dilemma ‚Ich möchte dies und jenes tun, aber eigentlich sollte ich nicht‘, wird umgewandelt zu ‚Ich möchte dies und jenes tun, und ich werde einen Weg finden, um es zu begründen‘. Das alles hat erhebliche Auswirkungen auf unsere Mitmenschen. Leute, die unserem individuellen Lebensstil im Weg stehen, werden beiseite gestoßen. Menschliches Leben ist bei uns beispielsweise ab der dreizehnten Woche lebenswert, vorher wird es vom Gesetzgeber her als Abfall gewertet. Wenn es keine Wahrheit gibt, dann hat nichts einen transzendenten Wert, auch menschliches Leben nicht.


Sexualität wird billig, indem die Normen auf diesem Gebiet nicht nur liberaler werden, sondern völlig aufgelöst sind. Hauptsache es gibt guten Sex. Pornographie wird als Kunst entschuldigt. Es ist schon erstaunlich wie schnell die Entwicklung vor sich geht. Was noch vor einer Generation als pervers angesehen wurde, wird von uns als normal angesehen.


Wir tolerieren diese neue Moral nicht nur, wir brüsten uns damit. Wir sind stolz auf unsere Toleranz und tolerieren doch keinen, der unsere moralische Offenheit nicht teilt. Wir haben einen ethischen Nihilismus geschaffen und heucheln uns Toleranz vor. Nur wenn unsere persönliche Freiheit angegriffen wird, dann werden wir plötzlich moralisch.


Das ist die verwirrende Welt des moralischen Relativismus. Wenn wir Wahrheit ablehnen, wieso wundern wir uns über den moralischen Verfall, der folgt?










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