AIDS – Strafe Gottes für eine lustverfallene Zivilisation?

1. Lust und Last einer lustbetonten Zivilisation

«Was habe ich erreicht?» war die Lebensfrage eines alten Menschen im patriarchalischen Zeitalter. «Wie habe ich mich gefühlt?»
ist die Frage im matriarchalischen Zeitalter der lustbetonten
Zivilisation. Heute geht es weniger um ein zu erkämpfendes Ziel als um
den erfüllten Augenblick eines Wohlgenusses. Emotionale Revolution
bedeutet, daß Lebensqualität nicht mehr als sinnhaftes Dasein erkämpft,
sondern lustvoll verbraucht werden soll. So treten an die Stelle der
alten Werte wie Sinn, Pflicht, Opfer, Entscheidung. Verzicht,
Leidensfähigkeit usw. die neuen emotionalen Werte wie Einfühlsamkeit,
Zuwendung, Annahme, Wohlfühligkeit, Lust, Spaß, Zärtlichkeit, Anpassung
usw. Frauliche Werte lösen männliche ab.

In der emotionalen
Revolution sucht eine neue Generation die emotionale Ekstase. Befreiung
von der Last des Gewissens und Klarheit des Bewußtseins, vor allem von
der fordernden Realität des Alltags wird durch Eintauchen in die Welt
der Gefühle wie in eine Rauschkugel ermöglicht. Durch
ekstatisch-rhythmische Rock-Pop-Musik im Electronic-Water dröhnender
Geräuschfluten mit gleichzeitig visuellen Stimulierungen durch
verwirrende Lichtkaskaden wird das Eintauchen in die Gefühlsorgie
perfektioniert. Junge Leute geraten in Verzückung – in die Ekstase.

Ek-stasis
ist Dasein außerhalb der personalen Ganzheitlichkeit von Dasein, Fühlen
und Gewissen. Ekstase depersonalisiert und chaotisiert menschliches
Leben. Neben orgiastischer Musik sind Droge und Sexualität die Mittel,
um ekstatisches Dasein oder besser ekstatisches Außersichsein zu
verwirklichen.

Heute wird Sexualität weitgehend zu einem
Instrument des Abtauchens aus der Wirklichkeit in die bergende
Schutzhülle einer emotionalen Rauschkugel. Sexualität beschreitet daher
nicht mehr den langen und umständlichen Weg der Liebe oder des
Verliebtseins, auf dem die eigene Existenz selbst als personales
Engagement eingebracht werden muß. Sexualität ist heute im Zeitalter
des häufigen Partnerwechsels geradezu die Flucht vor dem Ich und der
Wirklichkeit der Welt. Apersonale Sexualitätsmanie zerstört jene
Ordnungen, die das biblische Gebot als Schöpfungsordnungen bejaht und
beschützt: Die Ehe und die Familie. In der Bundesrepublik Deutschland
kommen auf drei Eheschließungen eine Ehescheidung. Dabei sind jene
Partner, die voneinander getrennt leben, aber aus wirtschaftlichen bzw.
steuerlichen Gründen keine Ehescheidung eingehen, noch unberücksichtigt
– sie sind auch gar nicht zählbar. 2,5 Millionen leben unehelich in
freien Partnerschaften und zweihundert- bis dreihunderttausend
ungeborene Menschenleben werden jährlich abgetrieben.

Die
emotionale Revolution ist die grausame und zugleich schleichende
Herausforderung des Christentums in dieser zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts.

Kann so etwas gutgehen? Kann solch eine Rebellion gegen Gottes Gebot ohne Folgen bleiben?

Im
Höhepunkt dieser emotionalen Revolution brach eine neue, bisher
unbekannte Krankheit aus, die man Ende der siebziger Jahre in den USA
als AIDS, d. h. als erworbenes Immundefektsyndrom registrierte. Sie wird durch ein Virus ausgelöst, das als HIV Virus (Human Immunodeficiency Virus) das
Abwehrsystem des menschlichen Körpers gegen Krankheit zerstört. Dieses
Virus wurde in jenen Randgruppen der US Zivilisation entdeckt, in denen
die emotionale Revolution in der Szene von Drogen, Homophilie und
Prostitution die Grenze zum Extremen überschritten hat.

Mit den
sich ausbreitenden Zerstörungsflächen dieser Krankheit aus den
Randgruppen heraus bewegt sich die emotionale Revolution dieses
Jahrhunderts am Rande einer Katastrophe. Ein amerikanisches
Forscherteam (Masters, Johnson, Kolodny – «Das verdrängte Risiko»,
1988) geht davon aus, daß die wirkliche Gefahr dieses Virus heute
entweder noch gar nicht hinreichend erkannt sei oder bewußt
heruntergespielt würde. Statt 1,5 Millionen gäbe es heute in den USA in
Wirklichkeit schon 3,0 Millionen – abgesehen von den mindestens 20
Millionen Infizierten in Afrika. Vor allem sei beunruhigend, daß sich
das AIDS Virus langsam aber sicher auf die jungen Mitglieder der
Bevölkerung zu bewege, vor allem auf die 14- bis 25jährigen, wobei
nicht nur die Randgruppen der emotionalen Revolution erfaßt werden,
sondern auch die sich nach unseren gegenwärtigen Maßstäben sexuell
normal verhaltenden Bürger. Damit wären nicht nur die Homophilen,
Prostituierten und Drogensüchtigen, sondern auch jene Gruppen der
Bevölkerung von der AIDS Gefahr bedroht, die nach Maßstäben leben, die
in diesem emotionalen Zeitalter als völlig normal gelten. Gleichzeitig
ist es eine Erfahrung der Menschheit, daß eine Seuche sich solange
ungehindert und mit Vehemenz ausbreitet, bis ein wirksames Gegenmittel
gefunden ist, wobei die planetarisch verkehrstechnische Vernetzung ein
unvergleichlich forcierender Faktor bei dieser Ausbreitung ist. Das
HIV-Virus wurde 1984 zwar genetisch entschlüsselt, aber ein Mittel zu
seiner Bekämpfung gibt es bis heute nicht. Für das Jahr 1991 rechnet
die Weltgesundheitsorganisation darum mit 50 bis 100 Millionen AIDS
Infizierten auf dieser Erde.

Man kann mit einem HIV-Virus keine
Experimente an Menschen machen, denn das Virus ist tödlich. Aus diesem
Grunde herrscht immer noch weitgehend Unklarheit darüber, wie groß die
Übertragungsgefahr wirklich ist. So kann z. B. ein Virus im
getrockneten Blut bei Zimmertemperaturen drei Tage überleben. Es kann
durch Blut und Körperflüssigkeit (Speichel) und im Blut auch außerhalb
des Körpers übertragen werden. Auch gilt als sehr wahrscheinlich, daß
jeder mit einem HIV Virus Infizierte eines Tages auch wirklich durch
AIDS ruiniert wird.

Zweifellos gäbe es ohne die emotionale
Revolution diese AIDS Krankheit nicht. Kein AIDS ohne emotionale
Revolution, keine emotionale Revolution ohne AIDS. Ist AIDS die Rache
Gottes für diese emotionale Revolution einer lustverfallenen
Zivilisation?

Auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in
Frankfurt 1987 konnte der Hamburger Theologe Linder Jubel und Jauchzen
ernten, als er meinte, Sexualität müsse Spaß machen und sei nicht an
eheliche Partnerschaft gebunden, und die Theorie mit der Strafe Gottes
sei theologisch nicht zu rechtfertigen.

Um so eindringlicher stellt sich die Frage: Ist AIDS Rache Gottes, wie ein amerikanischer Prediger einmal gesagt haben soll?

Um
diese Frage zu beantworten, soll ein Bereich dieser emotionalen
Revolution, eben die sexuelle Revolution, als Herausforderung des
Christentums bedacht werden.

 

2. Die Revolution der Haut

Wann
die sogenannte sexuelle Revolution begann, läßt sich rückblickend gar
nicht so einfach beantworten. Für Deutschland könnte der Erste
Weltkrieg und die Zeit danach vielleicht als der Beginn dieser
sogenannten sexuellen Revolution angesehen werden. Seit den Zwanzigern,
aber auch in den dreißiger Jahren und dann nach dem Zweiten Weltkrieg
hat die «sexuelle Freizügigkeit» als eine Enttabuisierung der
Sexualität sich fast geradlinig und konsequent durchgesetzt. Wie ich in
meinem 1971 veröffentlichten Buch «Aufstand der Schamlosen» bereits
nachgewiesen habe, wurde dabei die Enttabuisierung, also die
Überwindung der Scham als totale Versachlichung der Sexualität, immer
mehr propagiert. In den sechziger und ablaufend in den siebziger Jahren
wurde für diese sexuelle Revolution dann so etwas wie eine Art Doktrin
ausgebaut. Worum ging es? Ein einfaches Beispiel:

Arno Plack schrieb im Jahre 1971 das Buch «Die Gesellschaft und das Böse».
Hier geht er davon aus, daß die Ursache des Bösen (und das war für ihn
die Aggression) als Ursache allen Unheils in unserer modernen
Gesellschaft darin zu suchen sei, daß Sexualität verdrängt werde. Darum
wurde ihm die Emanzipation der Sexualität gerade zum Heilmittel für die
Gesellschaft überhaupt.

Emanzipation bedeutet im Blick auf
Sexualität, daß es nichts geben darf, was die Entfaltung der sexuellen
Lust hindert. Dabei geht man von der Voraussetzung aus   so etwa
Herbert Marcuse ganz im Gegensatz zu Siegmund Freud   daß der Mensch
durchaus die Möglichkeit habe, glücklich zu werden, wenn er sein
Bedürfnis nach Lusterfüllung restlos und vor allen Dingen hemmungslos
betätige. Es steht also ein ganz bestimmtes Verständnis hinter der
sexuellen Revolution: Der Mensch lebt auf einem Ozean von
Lustfähigkeit. Er muß nur diesen Ozean von Lustfähigkeit entdecken und
ausleben. Das kann er aber nur, wenn Sexualität enttabuisiert wird.
Denn alles, was der Auslebung der Sexualität entgegensteht, wie Scham,
Gesetze, Verbote und Ordnungen, muß aufgehoben werden. Man könnte so
sagen: Die sexuelle Revolution geht von der Voraussetzung aus, gut ist,
was Lust schafft, böse ist, was Lust unterdrückt.

So sagte beispielsweise Günther Amend in seinem Buch «Sexfront»,
das 1970 erschien, im Blick auf die Onanie: «Es gibt keine Onanie
Richtlinien. Onaniere so oft, so viel oder so wenig wie du willst und
solange es dir Spaß macht.» Ja es sei sogar nötig, zur Entfaltung des
Lustpotentials Jugendliche darüber aufzuklären, wie man sinnvoll
masturbiere. In diesem Zusammenhang zitierte er das Kirchenlied «So
nimm denn meine Hände und führe mich»   als Anleitung zur Masturbation.
Das Kirchenlied als Masturbationsdemonstration führt zum Kern der
Christentumskritik: «Mir ist beim Studium der katholischen, teilweise
auch der protestantischen Sexualaufklärungsschriften erstmals klar
geworden, was der Begriff ‘Sexualverbrechen’ eigentlich meint und auf
wen die Bezeichnung Sexualverbrechen zutrifft – auf die Verfasser
dieser Schriften.»

So erhebt Amend schwere Anklage gegen das Christentum, weil es die Auslebung der Sexualität hindere. Vor allem geht es ja in der sexuellen Revolution darum, – wie es in der «Broschüre zur Jugendpolitik» der Grünen
aus dem Jahre 1987 heißt – über die «heterosexuelle Mann Frau
Kombination» hinauszukommen und alle Möglichkeiten sexueller
Lusterfüllung wahrzunehmen. So hat Claesson in seiner «Sexualinformation für Jugendliche»
schon Ende der sechziger Jahre auch den geschlechtlichen Verkehr mit
Tieren durchaus als eine Möglichkeit geschlechtlicher Verwirklichung
hingestellt unter der einzigen Voraussetzung, daß Tiere dabei nicht
gequält werden. Und die Grünen regen an, lesbische und schwule
Emanzipationsgruppen zu forcieren, damit die Sexualität nicht nur in
der Begegnung zwischen Mann und Frau erlebt werden kann.

Klassisch war in den siebziger Jahren für den gezielt antiautoritativen Charakter der Sexualrevolution das Mitspieltheater «Rote Grütze», eine Übertragung des schwedischen Aufklärungsbuches «NY – Du der Same, ich das Ei».
In diesem Schauspiel, das sich als Mitspieltheater verstand, ging es
darum, schon das sexuelle Verhalten der Kinder zu verändern. Im Anhang
dieses Stückes heißt es darum: «Meine Arbeit für mich war nun, die Lust
beim Vögeln und Schmusen und Ficken und Bumsen und Küssen und
Streicheln auszudrücken und auszusprechen.» So gibt dieses Regiebuch
Anweisungen, wie man dieses Stück aufführt mit dem Ziel, verändernd auf
das Sexualverhalten der Kinder einzuwirken. Ziel ist, die Kinder
sexuell zu stimulieren.

Darum ordnet die Regie an, daß bei der
Vorführung dieses Aufklärungstheaters Kinder von den Eltern getrennt
werden. Um so eher meint man Scham und Tabus abbauen zu können. Zwänge
sollen aufgehoben werden. Zwänge können aber nur dann aufgehoben
werden, wenn Autorität zerstört wird.

Keine sexuelle Revolution ohne die Zerstörung der Autorität
das ist ein Grundelement der sexuellen Revolution, das heute weitgehend
verkannt wird. So werden die Kinder aufgerufen, Mutter und Vater zu
spielen. In diesem Vater Mutter Kind Spiel wurden dann die Eltern zum
Symbol für repressive Autorität, die also letzten Endes den Spaß der
Sexualität unterdrücken. Schon dieses, daß Kinder von ihren Eltern zu
Sauberkeit und Ordnung angehalten werden, sei Unterdrückung der Lust.
Besser lustbetont in Unordnung und Schmutz, als lustverdrängend in
Sauberkeit und Ordnung.

Vor allem aber soll die Scham abgebaut
werden. In dem sogenannten Traum von Kacke und Kakao sagt der Vater:
«Ich schäme mich so, wenn ich kacken tu». Und alle Kinder sagen nun:
«Der Mensch ist ein Mensch, und der Mensch kackt ins Klo, drum schäm’
dich nicht, drum schäm’ dich doch nicht.»

Was irgendwie mit
Lustentfaltung zu tun hat, soll auch «veröffentlicht» werden. Die
Sexualität soll heraus aus der privaten Sphäre oder aus der
Intimsphäre. Warum soll der sexuelle Akt nicht öffentlich, in der
Gemeinschaft mit anderen Menschen ausgeübt werden? Dies ist natürlich
nur dann möglich, wenn Scham und Tabus überwunden werden. Erst dann sei
der Mensch – so der Sinn dieser sexuellen Revolution – vollauf
gemeinschaftsfähig und von aller Repression befreit.

Aus dieser Sicht der Dinge kann die Ehe natürlich nur repressiv beurteilt werden. So sagt in diesem Mitspieltheater «Rote Grütze»
die Spielerin Helma: «Muß man verheiratet sein, wenn man zusammen
schmusen will und vögeln?» Die Kinder werden nun durch geschickte Regie
von Frage und Antwort gegen die Ehe sensibilisiert. Es wird die Frage
gestellt: «Wer ist dafür, daß man nicht verheiratet sein muß?» Auf
diese Frage hin erfolgt eine Abstimmung. Die Indoktrinierung durch
dieses Mitspieltheater hat sich meistens dann so ausgewirkt, daß die
meisten Kinder gegen das «Verheiratet sein-müssen» votieren.

Es
geht in solchen Stücken oder ähnlichen Aufklärungsschriften, mit denen
unsere Kinder im Rahmen einer sexuellen Revolution konfrontiert werden,
nicht nur darum, daß Tabus und Scham abgebaut werden, sondern die
Jugendlichen werden auch direkt zur Sexualität stimuliert. So werden
sie in diesen und ähnlichen Stücken aufgefordert zum
Zärtlichkeitsspiel. Sie sollen einander anfassen und streicheln. Der
direkte körperliche Kontakt ist das Ziel dieser Unternehmung. Aus
diesem Grunde wurden sie ja im Mitspieltheater «Rote Grütze»
vorher von den Eltern getrennt. Und eine Puppe demonstriert nun, wie
man Zärtlichkeit als sexuelle Vorspielhandlung verwirklicht. Die
leiblichen Kontakte sind wichtig. Natürlich geht es dabei nicht nur um
heterosexuelle Kontakte, also zwischen männlichen und weiblichen
Kindern, sondern ganz im Gegenteil – Mädchen mit Mädchen, Jungen mit
Jungen, aber auch Jungen mit Mädchen – alles, was durch Berührung
Lustgefühle schafft, ist gut.

Aber diese sexuelle Revolution hat nicht nur einen antiautoritären, sondern vor allem auch einen politischen Zweck.
Sexuelle Befreiung hat seit jeher ein politisches Ziel. Ja man kann
fragen, ob die emotionale Revolution nicht im Grunde genommen das
Instrument einer politischen Revolution ist. Ein Verhaltensforscher wie
etwa B. S. Skinner gibt offen zu, daß der «Einstieg»
in die Sexualität eigentlich nur dazu dient, an dem Punkt, an dem der
Mensch am unmittelbarsten betroffen ist, eine Veränderung des
Menschseins auch im politischen Sinne vorzunehmen. Befreiung der
Sexualität ist das vorletzte Ziel. Das letzte Ziel war und ist die herrschaftsfreie Gesellschaft, die Zerstörung der elterlichen Autorität, die Vernichtung der Familie.

In dem besagten Mitspieltheater «Rote Grütze»
fordern Hänsel und Gretel die Eltern auf, zu schmusen «in einem Spiel
ohne Grenzen», wobei die Kinder kritisch zusehen sollen. Und sie fragen
nun die Eltern: «Warum tut ihr das so selten, warum so wenig?.» Und die
Antwort der Eltern bekennt, daß sie durch Ängste gelähmt seien, Ängste vor dem Vater, vor dem Lehrer, dem Arbeitgeber und dem Vorgesetzten, die ihnen von Jugend an eingeimpft seien. Angst vor der Arbeit und dem Arbeitgeber, eben vor der Autorität und Arbeit schlechthin, ist Ursache des Unglücks.
Dann, nachdem die Eltern sich so vor ihren Kindern ausgesprochen haben,
besser noch: vor den Kindern gebeichtet haben (wobei die Kinder als
lustbetonte Menschen in diesem Stück den neuen Menschen verkörpern, die
Eltern, die in Herrschaftsstrukturen groß geworden sind, noch der alte
Mensch sind, kommt es zu einem Lied, das alle auffordert, sich als die
Werktätigen zusammenzutun und gegen die Bosse zu kämpfen. Und dann
heißt es: «Und so, liebe Freunde, hört das Märchen auf und fängt das
Leben an. Vater, Mutter, Hänsel und Gretel streichen die Angst Stück
für Stück aus ihrem Leben heraus und was holen sie in ihr Leben rein?»
Die Antwort der Kinder im Chor: «Die Freude, das Glück, den Mut, die
Freundlichkeit, die Liebe, das Ficken.»

Es ist auffällig, daß in
diesem Mitspieltheater Ausdrücke gebraucht werden, die man bislang als
obszön verurteilt hatte. Der Gebrauch dieser Ausdrücke ist keine
Nachlässigkeit oder zufällige Schlamperei oder «Verproletarisierung». Ganz im Gegenteil
die Anwendung dieser Ausdrücke erfolgt völlig bewußt, weil die Meinung
besteht, durch die Anwendung dieser lustbetonten Vulgärsprache sexuelle
Lust zu stimulieren. Die emotionale Revolution als solche zeigt sich
hier als eine Absenkung des herkömmlichen Lebensniveaus. Formen der
Höflichkeit, Zurückhaltung und Scham werden bewußt durchbrochen. Das Vulgäre, Unbeherrschte zieht ein in unsere Gesellschaft.

Diese
Beispiele mögen deutlich gemacht haben, daß die sexuelle Revolution
eine antiautoritäre Revolution ist. Familie, Ehe und Eigentum sind in
der emotionalen Revolution dieses 20. Jahrhunderts die Erzfeinde des
Umsturzes.

Schon 1936 hat der Kommunist Wilhelm Reich die
Ehe als eine Privatisierung der Sexualität verstanden. Ehe bedeutet,
daß der Mann sein Privateigentum auf die Frau anmeldet. Ernest Borneman hat dann in seinem Buch «Das Patriarchat»
diese These in den siebziger Jahren nun schon im Übergang zum
Feminismus noch schärfer herausgestellt. Die Ehe sei das Urbild, ja die
klassische Form des Privateigentums und deswegen der Feind einer sich
emanzipierenden Gesellschaft. Folgerichtig hat dann Barbro Brackberger 1967 in dem Buch «Das verkrüppelte Frauenideal» die Ehe dadurch bekämpft, daß sie die Mütterlichkeit als eine heilige Kuh darstellte, die man endlich einmal schlachten müsse. Und Sebastian Haffner, den man als einen politischen Journalisten von Format schätzt und kennt, hat 1968 in seinem Buch «Emanzipation und Ehe» die These aufgestellt, daß die Ehe Entsexualisierung der menschlichen Beziehungen bedeute.

So
wird also die Ehe verneint. Ja die Ehe ist eigentlich – so kann man es
immer wieder im Bereich dieser sozialrevolutionären Schriften hören –
Ursprung der Verfehlung in der sexuellen Verwirklichung des Menschen.
In diesem Zusammenhang werden natürlich Vorwürfe gegen den christlichen Glauben erhoben. Erstaunlicherweise
sind aber die direkten Angriffe gegen das Christentum sehr
zurückhaltend. Das hängt einmal damit zusammen, daß die Theologen als
die sogenannten Repräsentanten des Christentums weitestgehend bereit
sind, die Bibel durch kritische Analyse und Interpretation
auszuschalten und die Lebens- und Wertordnungen der Bibel zu
relativieren. Andererseits sind die «Macher» der sexuellen Revolution
wohl der Meinung, daß das Christentum beider großen Konfessionen in
unserer gegenwärtigen Gesellschaft keine große Bedeutung und keinen
starken Einfluß auf die Sexualität mehr habe. Rundfragen
verschiedenster Art haben längst ergeben, daß sich auch die Glieder der
römisch-katholischen Kirche nur noch als Minderheit um die Regeln
kümmern, die die Kirche im Blick auf das geschlechtliche Zueinander von
Mann und Frau aufgestellt hat.

Dennoch ist beachtenswert, daß die sexuelle Revolution in drei Punkten das Christentum herausfordert:

a) Das Christentum, so sagt man, sei heteronom. Es
lebe von einem Ethos, das von außen wie ein Zwang an den Menschen
herangetragen werde und ihn autoritativ zum Triebverzicht auffordere.

b) Das Kreuz selbst sei ein Zeichen der Lebensverneinung. Es müßte eigentlich verstanden werden als ein Symbol des Sadomasochismus, also der Freude am Quälen und Gequältwerden.

c) Das Reden von Sünde und Schuld mache den Menschen die Sexualität madig.
Und gerade dieses Reden von Sünde und Schuld habe dazu beigetragen, daß
der Mensch seine Sexualität nicht frei und ungehemmt entfalten könne.

Die sexuelle Revolution hat also sozusagen einen «weltanschaulichen» Hintergrund. Viele,
nur allzu viele verstehen die sexuelle Revolution leider in dem Sinne
falsch, als ob es hier um mehr Freizügigkeit, Großzügigkeit oder
Lebensbejahung ginge. Man sei in allem – so denken viele – nun etwas
lebensbejahender und toleranter geworden. Aber dieses Verständnis der
sexuellen Revolution ist grundfalsch. Hinter der sexuellen Revolution
steht eine massive Ideologie und wer diese Ideologie, die sich mit der
Revolution der Haut gleichsam wie mit einem Mantel eingekleidet hat,
nicht versteht, kann auch nicht begreifen, was Sexualaufklärung an
unseren Schulen und in der Öffentlichkeit überhaupt bedeutet und welche
Folgen sie hat.

Es steht mehr oder weniger hinter dem Ganzen
dieser Revolution der Haut die Doktrin der sogenannten negativen
Dialektik, die manchmal auch als «Frankfurter Schule» bezeichnet
wird. Das sei doch alles längst überholt und «Schnee von gestern»,
werden viele Leser sagen. Aber die Doktrin dieser negativen Dialektik
ist mitnichten überholt, sondern sie hat uns nur schon lange eingeholt
und ist längst zur gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit
geworden. Wir leben schon lange nicht mehr mit den Vätern, sondern mit
den Enkeln oder gar Urenkeln dieser Doktrin.

Von all den Vertretern dieser neomarxistischen Schule ist für dieses Thema Herbert Marcuse am
interessantesten. Er wirkte in die Studentengeneration der 60er Jahre
hinein bis zur Studentenrevolution, die 1968 in Berlin begann und in
Berlin hat Herbert Marcuse als Gastprofessor in den 60er Jahren seinen
Haupteinfluß ausgeübt. Marcuse unterscheidet sich von Siegmund Freud,
dem sogenannten Vater der Psychoanalyse dadurch, daß Freud der Meinung
war, daß es nicht möglich sei, durch Triebbefriedigung glücklich zu
werden. Ja, er war der Meinung, daß der Mensch, wenn er menschenwürdig
leben wolle, ohne Triebverzicht gar nicht existieren könne. Freud hatte
darüber hinaus neben dem Lusttrieb auch den Zerstörungstrieb erkannt
und die ganze Spannung in seinem Denken zwischen Lebenstrieb und
Zerstörungstrieb durchschritten. Das Verständnis des Menschen bei
Siegmund Freud war sehr realistisch und todernst und es stand dem
biblischen Verständnis des Menschen viel näher als das der negativen
Dialektik. Im Gegensatz zu Freud ist Marcuse der Auffassung, daß es
durchaus möglich sei, Sexualität grenzenlos freizugeben und in einer
lustbetonten Gesellschaft das Glück zu finden. Die Technik sei
mittlerweile so fortgeschritten, daß der Mensch es sich leisten könne,
nun wirklich ganz seiner Bedürfnisbefriedigung zu leben. Marcuses
Konzept nennt man auch orphisch narzißtisch.

Was meint orphische
Sexualität? Orpheus ist ein tragischer Gott, der mit seinem Singen
Tiere, Bäume und Felsen verzaubert und die harmonische Vereinigung mit
der Natur herstellt. Orpheus ist der Mann der Aussöhnung mit allem, was
ist, auch mit dem Gott der Unterwelt, der ihm seine Frau Eurydike
zurückgibt. Orpheus ist für Marcuse das Symbol dafür, daß Sexualität
nicht unbedingt Heterosexualität sein muß, sondern daß Sexualität als
solche auch völlig losgelöst von der Begegnung zwischen Mann und Frau
ihren Sinn in sich hat. Darum gibt es nach dem Standpunkt der
orphischen Sexualität keine perversen sexuellen Handlungen. Dieses
Verständnis der Sexualität hat sich in unserer modernen Gesellschaft
längst durchgesetzt. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, daß in
Schweden die Strafbarkeit des Inzest, also des geschlechtlichen
Verkehrs zwischen Vater und Tochter, Mutter und Sohn und den
Geschwistern aufgehoben worden ist. Nach dem allgemeinen Verständnis
des normalen Menschen ist alles, was straffrei ist, auch erlaubt und
letztlich gut. Es besteht kein Grund anzunehmen, daß dieser Weg in die
totale sexuelle Vergleichgültigung nicht weiter beschritten wird. Wenn
jeder mit jedem zu jeder Zeit und an jedem Ort geschlechtlichen Verkehr
haben kann, wenn es keine Differenzierung mehr gibt, dann ist wirklich
die kommunistische Urhorde wieder hergestellt. Hier ist nun nichts mehr
differenziert, hier wird nicht mehr gesagt: «Dies ist mein Eigentum»
oder «Dieses gehört mir», «Dieser ist mein Mann» oder «Diese ist meine
Frau», «Das ist meine Tochter», «Das ist mein Sohn», «Das sind meine
Eltern». Was für Christen Ordnung der Schöpfung Gottes ist, wird nun
zur austauschbaren Funktion. In dieser Art des sexuellen Kommunismus
haben wir schon jetzt den östlichen Kommunismus weit überholt. Die
sexuelle Revolution   das haben wir nur noch nicht begriffen   hat
unsere Gesellschaft im Prinzip schon jetzt kommunistisch gemacht. Es
geht in der sexuellen Revolution ja gar nicht vornehmlich um Sexualität
als solche, sondern um die Verwirklichung einer neuen radikalen
kommunistischen Gesellschaft – viel radikaler als Marx, Engels und
Lenin es sich je vorstellen konnten.

Die orphische Sexualität
wird nur noch weiter vertieft durch die narzißtische Sexualität in der
Philosophie des Marcuse. Narziß ist der Sohn des griechischen
Flußgottes Kephisos. Er verschmähte die Nymphe Echo, weil er sich in
sein eigenes Spiegelbild im Wasser verliebte. Zur Strafe mußte er nach
der griechischen Mythologie sterben. Aber aus seinem Blut kamen lauter
schöne Blumen. Das bedeutet für Marcuse: Narziß, der sich in sein
eigenes Spiegelbild verliebt, hat sich selbst sozusagen
«durchsexualisiert». Der in sich selbst Verliebte betreibt nun die ganz
und gar lustvolle Verwandlung seines eigenen Selbst, seines eigenen
Leibes. So tauchen Orpheus und Narziß ganz und gar ein in die
Emotionalität und folgen ausschließlich dem Verlangen ihrer Emotionen.
Hier gibt es keine Sünde und keine Schuld. Gut ist in jedem Falle nur,
daß man dem emotionalen Bedürfnis folgt.

Die sexuelle Revolution
wurde und wird also als die große Möglichkeit gesehen, den wirklich
herrschaftsfreien und damit ganz und gar lustbetonten Urhordenmenschen
zu schaffen. Wer die sexuelle Revolution ohne diese politische
Komponente sieht, hat sie nicht verstanden. Es gibt viele
Sexualtheoretiker, die diesen politischen Hintergrund auch ganz klar,
ohne rot zu werden, aussprechen. Freigabe der Sexualität soll ja
bedeuten, daß man sich nicht mehr irgendwelchen Zwängen der
Gesellschaft unterordnet. Es geht nicht mehr darum, sich selbst zu
überwinden, dem eigenen Gewissen zu folgen, im Gehorsam gegenüber dem
Gebot Gottes zu leben. Das alles wäre Repression, die der Mensch sich
selbst schafft. Nach diesem Verständnis ist der sich an der Bibel
orientierende Mensch der durchaus repressive   also ein ganz und gar
gefährlicher Mensch. Eine lustbetonte Gesellschaft wird keine Gebote,
keine Individuation (Menschwerdung durch Überwinden im Triebverzicht),
und keine Autorität anerkennen.

Es gehört zum Wesen des Heidentums,
des alten wie des neuen, des antiken wie des nachchristlichen
Heidentums, daß es naturalistisch ist. Der Tanz um den goldenen Stier,
den Gott durch Mose mit seinem Zorn verfolgte, war ja nichts anderes
als ein rauschhafter ekstatischer Kult in der Anbetung der
Fruchtbarkeit, also der Sexualität. Also nicht Tanz um das goldene Kalb
in der Anbetung des Geldes, sondern Anbetung der Sexualität in der
Verehrung des Stieres als Symbol der Fruchtbarkeit! Gegen diese Utopie,
daß der Mensch durch das Eintauchen in seine Emotionen und damit durch
die Versöhnung mit der sogenannten Natur frei oder sein Glück erlangen
würde, hat die Bibel immer gekämpft. Der Protest, der Kampf und sogar
das Martyrium der alttestamentlichen Propheten gegen den Kult «unter
den Bäumen» und «heiligen Pfählen» stand gegen die Vergötzung der Natur
und Emotion. Steht damit die Bibel verneinend dem Leben und der Natur
gegenüber? Ist es wirklich so, wie wir es nun immer hörten in diesem
antichristlichen 20. Jahrhundert, daß das Christentum lebensfeindlich
ist?

Im Urteil der Bibel gibt es keinen Bereich des Lebens, durch
den als solchen der Mensch glücklich werden kann. Der Mensch kann nicht
glücklich werden dadurch, daß er Besitz anhäuft. Der Mensch kann nicht
glücklich werden dadurch, daß er viel Macht gewinnt. Der Mensch kann
auch nicht glücklich werden dadurch, daß er sich sexuell auslebt.
Sondern – das ist eine Kernaussage der Bibel – die ganze Schöpfung ist
gefallene Schöpfung. Und weil die Schöpfung gefallene Schöpfung ist,
kann der Mensch durch diese Schöpfung sein Heil – oder sagen wir es in
der Sprache dieser Zeit – sein Glück nicht erreichen. Ausleben der
Sexualität oder gar hemmungsloses Ausleben der Sexualität schafft nicht
Glück, sondern die Erfahrung des Verbrauches. Und das hemmungslose
Anbeten oder Raffen von Reichtum schafft nicht Glück, sondern Öde und
Leere – das Gespenst der Sinnlosigkeit. Und das Gefühl der Macht bringt
den Menschen nicht auf den Gipfel seiner Selbstverwirklichung, sondern
läßt ihn als Menschenverächter erst recht die Abhängigkeit von der
Macht anderer erfahren.

Das neutestamentliche «Habt nicht lieb
die Welt» (1. Joh 2, 15) will sagen, daß wir in dieser Liebe zur Welt,
so wie sie ist, das Glück nicht erreichen können. Heißt es doch im 90.
Psalm, daß der Mensch ist wie das Gras, das verwelkt und wie die Blume,
die verblüht. Der Mensch lebt in der Struktur des Kreuzes. Er kann sich
an der Schöpfung und an sich selbst als Geschöpf nicht festhalten, weil
dort kein Bestehen ist. Er lebt in der Vergänglichkeit, sein Leib
welkt, seine sexuelle Lust erschöpft sich und stirbt mit der
Vergänglichkeit, mit dem Hinwelken seines Leibes. Diese Welt, diese
Schöpfung ist als eine gefallene und zwiespältige Schöpfung untauglich,
den Menschen glücklich zu machen. Der enttäuschte Lusttrieb schlägt um
in Aggression. Aus dem frustrierten Lusttrieb kann der Zerstörungstrieb
entstehen. Darum ist ja das Charakteristische unseres Zeitalters, daß
Terrorismus wie ein Abgrund die sexuelle Revolution begleitet.
Aggression kommt nicht aus unterdrückter Sexualität, sondern Aggression
folgt aus dem gescheiterten Versuch, durch Ausleben der Sexualität  
wie auch immer   das Glück zu erlangen. Vor allem aber ist die
Konsequenz der sexuellen Revolution der Weg in die Drogen. Weil die
sexuelle Ekstase eben doch nicht die Möglichkeit des Aussteigens aus
dem Alltag gibt, steigt der Aussteigewillige auf radikalere Mittel um,
um so in das Wohlgefühl der Rauschkugel zu gelangen.

Echte
Verwirklichung der Geschlechtlichkeit im Sinne der Bibel hat Karl Barth
einmal so formuliert: «Kein Koitus ohne Koexistenz». Damit spricht er
das spezifisch Menschliche und spezifisch Christliche der Sexualität in
doppelter Weise an:

a) Sexualität ist die Begegnung und
ausschließliche Begegnung zwischen Mann und Frau. Das ist in der
Schöpfung eindeutig so vorgesehen. Jede andere Verwirklichung der
Sexualität wird ausdrücklich von der Bibel als tödliche Sünde
verworfen. Inzest, Lesbismus und Homosexualität sind vom Standpunkt des
biblischen Ethos in jeder Weise verwerflich. Die Verwirklichung der
Geschlechtlichkeit in der Begegnung zwischen Mann und Frau ist der Sinn
biblischer Schöpfungsordnung.

b) Die spezifisch menschliche
Sexualität ist die eigentliche Erfüllung der Sexualität. Sie wird
begleitet, besser noch: sie wird getragen von der Liebe zwischen Mann
und Frau. Sexualität ohne diese Liebe in der Begegnung von Person zu
Person, also die rein versachlichte Sexualität, kann keine Erfüllung in
der geschlechtlichen Begegnung zwischen Mann und Frau bringen.

Die
gegenwärtige sexuelle Revolution offenbart sich in ihrer feministischen
Komponente darin, daß sie anscheinend bemüht ist, aus Frauen mehr oder
weniger männliche Wesen und aus Männern mehr oder weniger weibliche
Wesen zu machen. Sie erhebt sich damit gegen die Schöpfungsordnung
Gottes und ist deswegen nihilistisch. Da nun der Mensch als Mann und
Frau existiert, kann die geschlechtliche Begegnung zwischen Mann und
Frau selbstverständlich nicht verwerflich sein. Die geschlechtliche
Begegnung zwischen Mann und Frau ist Teilhabe an der Schöpfungslust
Gottes. Sie hat ihren Ort in der Ehe, die nach der eindeutigen Aussage
Jesu niemals geschieden werden kann.

Nun ist es ganz
offensichtlich so, daß es viele Mißverständnisse in der Geschichte der
christlichen Sexualität gab und gibt. Viele meinen, durch eine
geminderte oder gedämpfte Sexualität könne man sich zu einem besonderen
Stand der Heiligkeit vor Gott emporarbeiten und zu einer spezifisch
christlichen Sexualität kommen. Dieser Irrweg ist zu verwerfen. Die
Bibel weiß davon nichts. Die Geschlechtlichkeit zwischen Ehepartnern
soll ihre volle Erfüllung finden. 1943 schrieb Dietrich Bonhoeffer
gegen das pseudochristliche Mißverständnis der Sexualität in der Ehe:
«… daß ein Mensch in den Armen seiner Frau sich nach dem Jenseits
sehnen soll, ist, milde gesagt, eine Geschmacklosigkeit und jedenfalls
nicht Gottes Wille. Man soll Gott in dem finden und lieben, was er uns
gerade gibt; wenn es Gott gefällt, uns ein überwältigendes irdisches
Glück genießen zu lassen, dann soll man nicht frommer sein als Gott und
dieses Glück durch übermäßige Gedanken und Herausforderungen und durch
eine wild gewordene Phantasie, die an dem, was Gott gibt, nie genug
haben kann, dieses Glück wurmstichig werden lassen. Gott wird es dem,
der ihn in seinem irdischen Glück findet und ihm dankt, schon nicht an
Stunden fehlen lassen, in denen er daran erinnert wird, daß alles
Irdische nur etwas Vorläufiges ist und daß es gut ist, sein Herz an die
Ewigkeit zu gewöhnen … »

Man wird also die Schönheit der
Schöpfung Gottes in der Schöpfungslust dankbar hinnehmen und sie nicht
mindern. Gott gibt alles zu seiner Zeit. Aber entscheidend dabei ist  
wie Bonhoeffer es ausdrückt   «daß man mit Gott Schritt hält und ihm
nicht immer schon einige Schritte voraus ist». Damit ist gesagt, daß
wir nicht in einer ewigen Wonne der Schöpfungslust leben werden,
sondern daß die Zeit schon kommt, in der das Kreuz auf uns gelegt wird.
Aber diese Zeit überlassen wir Gott. Und in der Ehe geht es darum, daß
dann auch diese Zeit des Kreuzes gemeinsam getragen wird.

Gerade
im Neuen Testament gibt es viele Aussagen, die es uns sehr deutlich
machen, daß der Christ in der Nachfolge auf manches verzichten muß. Er
kann auf seine Gesundheit, seinen Besitz, auf Macht und auch auf
Sexualität verzichten, wenn die Stunde kommt, in der es durch die
Nachfolge von ihm verlangt wird. Aber das, worauf dann verzichtet wird,
ist als solches nicht böse   denn dann wäre es ja weder Verzicht noch
Opfer, sondern Ekel vor der Welt.

Der moderne Mensch lebt in
Sorge und Angst   der technische Fortschritt hat ihm Angst und Sorge
nicht genommen. Ein geängstigter oder von Sorge niedergedrückter Mensch
wird aber in der Fähigkeit, seine geschlechtliche Lust zu
verwirklichen, gelähmt. Da aber der christliche Glaube Freiheit von
Angst und Sorge gibt («Eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für
euch»), da also der Christ überwinden kann durch Vertrauen in die
Fügung seines Lebens durch Gott, wird er bis in die Tiefen seines
Daseins eine Entspannung erleben, die ihn zur Geschlechtlichkeit umso
mehr bereit macht. Vergebung der Schuld und Befreiung von der Angst und
das Wegwerfen der Sorge   also dieser Kernprozeß christlicher
Existenz   wird eine christliche Ehe in der vollen Entfaltung der
Schöpfungslust charakterisieren. Schon von daher ist die Ermöglichung
geschlechtlicher Freude größer und schöner als bei jenen, die in der
Sorge und in der Angst   eben in der Glaubenslosigkeit dieser modernen
Zeit   leben müssen.

Die Revolution der Haut hingegen als ein
Teil des emotionalen Aufstandes gegen Gott und seine Gebote und seine
Ordnung fördert nicht das Glück des einzelnen und in der Gemeinschaft
sondern zerstört es. Die Revolution der Haut mit ihrem ideologischen
Hintergrund ist in ihrem Wesen nihilistisch.

 

3. AIDS –  Rache Gottes für die emotionale Revolution?

Die
Gebote der Bibel sind dem Menschen gegeben, damit er lebt. Wenn er sich
gegen die Gebote erhebt, richtet er sein Leben zugrunde. Das Leben
gegen die Gebote ist wie ein Leben gegen die Naturgesetze   die Folge
ist der Untergang. Die Sünde, das Nein zu den Geboten Gottes, richtet
sich selbst.

Rache hängt zusammen mit Gerechtigkeit.
Die Rache Gottes, von der die Bibel sehr wohl zu berichten weiß, ist
die lebendige Gerechtigkeit Gottes, denn Gott ist ein «eifernder Gott,
der die Ungerechtigkeit der Väter heimsucht an den Kindern, am dritten
und vierten Glied derer, die mich hassen … » (Ex 20,5) , so also
steht es in den Zehn Geboten. Der Tod ist der Sünde Sold und somit auch
die Krankheit, die immer das Vorletzte zum Letzten des Todes ist. AIDS
ist also Rache Gottes gegen die emotionale Revolution.

Woher
kommt das HIV Virus? Diese Frage kann letztendlich genauso wenig
beantwortet werden wie die Frage nach der Entstehung der Syphilis,
jener Geißel der Menschheit von den Tagen des Kolumbus bis zum Anfang
des 20. Jahrhunderts, als durch die Erfindung von Salvasan, den
Sulfonamiden und des Penicillin diese Krankheit beherrschbar gemacht
wurde.

Jede Krankheit hat ihr eigenes, für ihre jeweilige Zeit geradezu typisches Gesicht. Es gibt so etwas wie eine Geistesgeschichte der Krankheit.
Das Typische des HIV Virus besteht darin, daß es bestimmte Lymphozyten
angreift, in deren Zellkern es eindringt, dort genetisches Material
sozusagen indoktriniert und die Wirtszelle zwingt, ihn, den HIV Virus
zu kopieren. Wenn dann die Zelle im Kampf gegen die Krankheit aktiv
werden müßte, wird sie zuerst zerstört. Widerstandslos fällt der
menschliche Körper einer Krankheit anheim. Dieser Vorgang ist typisch
für die Zeit:

1. Die Kultur des christlichen Abendlandes hat kein Immunsystem mehr, sie kann sich nicht wehren gegen die brutale Herausforderung einer nach  und antichristlichen Kultur  und Moralrevolution.

2. Unbemerkt ist der Kern unseres geistig geistlichen Abwehrsystems zuerst befallen worden. Die
christliche Kirche ist abgefallen von der Treue zum Worte Gottes und
zum Bekenntnis der Väter. Das Gericht beginnt   wie es das Neue
Testament unmißverständlich formuliert   zuerst am Hause Gottes, und
der Apostel Johannes sagt, daß der Antichrist aus der Gemeinde kommen
wird, wenn er auch nicht zu ihr gehört. So ist die Zerstörung der
christlichen Gemeinde die Folge des Aufbaus einer antichristlichen
Macht. Gleichsam im Kern unseres christlich abendländischen
Abwehrsystems richtet sich die Macht des Bösen ein. Die Kernzelle
unseres Abendlandes, die christliche Gemeinde, ist von einem Virus
befallen, der sie zwingt, ihn sogar noch zu kopieren. Die Kirche
gebiert aus sich heraus den Antichristen.

3. Unsere abendländisch christliche Kultur zerfällt.
Sie kann nicht widerstehen, weil die Zellen der Abwehr, die Macht des
Aufhaltenden, eben die christliche Gemeinde, im Kern zerstört ist. Das
christliche Abendland stirbt, weil es seinen Feinden nicht widerstehen
kann   das ist die Drohung, die sich am Horizont unserer Existenz
abzeichnet.

4. AIDS ist als Krankheit symbolisch für diese Zeit.
Das christliche Abendland könnte so untergehen, wie ein HIV Infizierter
an AIDS untergeht   wehrlos, schmerzhaft, in unaufhörlichem und
schnellem Zerfall.

Das Abendland ist noch in einem Stadium, in
dem es einem HIV Infizierten zu vergleichen ist, der seine Infektion
noch nicht einmal bemerkt hat und bei dem die Krankheit noch nicht
ausgebrochen ist. In diesen Untergang unserer christlich
abendländischen Zivilisation   sollte sie denn geschehen und kein
Widerstand aufkommen   würden alle einbezogen, Schuldige und
Unschuldige, heute noch Lebende, heute noch nicht Geborene.

Von
AIDS können auch Unschuldige befallen werden: Der Ehepartner, der von
dem Ehebruch seines anderen Partners nichts weiß, der Kranke, der eine
HIV infizierte Bluttransfusion erhält, das Kind, das von einer AIDS
kranken Mutter geboren wird.

Der Apostel Paulus betont
ausdrücklich, daß Gottes Wege und Gerichte unausforschlich sind. Die
Rache Gottes ist eine Wirklichkeit   verstehen können wir sie nicht.
Alle irdischen Gerichte sind überdies vorletzte Gerichte und stehen
unter dem Gericht, dem Jüngsten Gericht Gottes am Ende dieser Zeit.
Jesus sagt bei der Heilung eines blind Geborenen, daß weder dieser noch
seine Eltern gesündigt haben, sondern daß alles nur geschehe, «daß die
Werke Gottes an ihm geoffenbart werden». Auf das Vorletzte von
Krankheit, Tod und Schuld folgt das Letzte der Gnade und Erlösung  
Christen glauben daran und sie wissen und erleben das Ziel dieses
Dramas von Welt  und Heilsgeschichte.

Mit Bonhoeffer werden wir
Christen, wenn wir von der Gnade sprechen, immer daran erinnert, daß
niemals die Sünde als Sünde, sondern immer nur der bußfertige Sünder
gerechtfertigt wird. Wir verneinen das Gerede von der billigen Gnade.

Im
Drama der emotionalen Revolution erkennen wir Christen, daß eine
Herausforderung göttlicher Gebote im Gange ist, die auf keinen Fall
ohne Rache bleiben wird. Die Geißel der AIDS Krankheit ist ein Zeichen
dieser Rache Gottes für die eine Menschheit, die das Gebot Gottes
hemmungslos vergleichgültigt. Dabei ist diese Krankheit zugleich ein
Symbol für die Immunschwäche unserer abendländisch christlichen
Zivilisation gegen den Ansturm einer emotionalen Kultur  und
Moralrevolution. Dieses alles nehmen wir nicht hin wie ein Schicksal.
Schicksal kennt die Bibel nicht. Sondern wir Christen nehmen es als ein
Zeichen, das uns aufruft, diese Gesellschaft ganz entschieden zur
Umkehr aufzurufen.

Der Autor:

Georg
Huntemann wurde 1929 in Bremen geboren und wirkte von 1957 – 1987 als
Pastor in der Bremischen Evangelischen Kirche. Er studierte an
deutschen und schweizerischen Universitäten und promovierte 1953 zum
Dr. phil. in Erlangen und 1957 zum Dr. theol. in Bern. Seit 1970, also
seit der Gründung, ist er Professor für Ethik und
Konfrontationstheologie an der FETA (Freie Evang. Theol. Akademie)
Basel. Seine Forschungen bewegen sich auf dem Gebiete der Konfrontation
biblischer Offenbarung mit dem säkularisierten und ideologisch
geprägten Selbstverständnis des modernen Menschen, besonders auf dem
Gebiet der Ethik und der Bibelkritik in der modernistischen Theologie.

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