Das vernachlässigte Denken

Der Himmel: Was denken die Deutschen eigentlich über ihn?

Nach
einer Umfrage von Prof. Klaus-Peter Jörns (Die neuen Gesichter Gottes:
Was die Menschen heute wirklich glauben, München 1997) glaubt nur noch
eine Minderheit der Deutschen überhaupt an seine Existenz. Die
zunehmende Säkularisierung führt heute zum Verlust des Himmels und der
Ewigkeit. Wir Menschen haben den Himmel vergessen. Das Jenseits kommt
im Diesseits einfach nicht mehr vor. Den Himmel haben wir in der
Postmoderne längst ad acta gelegt. Das Irdische hat das Ewige
aufgefressen. Aber selbst bei denen, die sich Christen nennen, stimmt
etwas nicht: Die meisten Gottgläubigen (etwas über 50%) glauben zwar
noch an seine Existenz, verbinden den Begriff jedoch mit der Fülle des
Lebens auf dieser Erde! Sie wollen den Himmel
hier, jetzt, sofort. Auch sie glauben nur noch an das Paradies auf der
Erde. Jörns resümiert: „Im Blick auf den Himmel haben wir zwei
Generationen von Gottgläubigen vor uns: Für die weitaus kleinere Gruppe
ist Himmel im engeren Sinn noch eine Größe, die erst nach dem Tod
erreicht werden kann. Die meisten Gottgläubigen aber sehen Himmel mit
Gott in dem Sinn verbunden, dass er da ist, wo die Fülle des Leben zu
finden, etwas Wunderbares zu erleben, oder mit anderen Worten: Gott
gegenwärtig erfahrbar ist“ (S. 87). Und selbst 70% aller Pfarrer und
Theologen in Deutschland glauben nach Jörns nicht mehr an einen Himmel
als jenseitigen Wohnort Gottes und der Erlösten! Die Himmel auf Erden
Prinzipiell ist also festzustellen: Unsere Gesellschaft hat den Himmel
und damit die Ewigkeit verloren – mit unweigerlichen Konsequenzen für
unser Leben im Diesseits. Bei uns dreht sich seither alles um das Hier
und Jetzt. Die Erde ist uns das Wichtigste geworden, sie muss alle
Aufgaben der Ewigkeit übernehmen. Das Irdische ist himmlisch geworden.
Die Werbung bedient sich deshalb der Himmelsvokabeln. Die Firma Ford
versichert: Wer den neuen Cabrio kauft, findet „den Himmel auf Erden“.
Reiseveranstalter versprechen das „Südsee-Paradies auf Erden“. Calvin
Kleins Parfum heißt nicht umsonst „Eternity“ und gaukelt uns damit die
Ewigkeit vor. Neulich warb selbst einer der größten evangelikalen
Verlage in Deutschland für ein Buch mit den Worten: „Ein himmlisches
Lesevergnügen“. Wo ist der Himmel? Verwirrung und Verunsicherung machen
sich breit. Grund genug, wieder einmal die Bibel zum Thema „Himmel“ zu
befragen. Wo ist der Himmel? Wo ist eigentlich der Himmel? Ist der
Himmel oben? Aber was heißt in unserem Weltraum schon „oben“? Die
Astronomen haben mit dem Teleskop den Himmel noch nicht entdeckt. Mit
Fernrohren wird man ihm nicht auf die Spur kommen. Denn der Himmel
gehört zur jenseitigen, nicht sichtbaren Welt. Die Bibel macht
deutlich, dass er nicht den zeitlichen Gesetzen der Schöpfung
untergeordnet ist und daher unsichtbar bleibt. Um diesen Ort zu
erkennen, brauchen wir mehr als unsere dreidimensionalen
Erkenntnismethoden. In den biblischen Berichten über den Himmel wird
klar, dass der Himmel als ein unsichtbarer Raum um uns herum existiert.
Paulus sagt z. B. den Athenern: „Gott ist nicht fern einem jeden von
uns. Denn in ihm leben und weben und sind wir“ (Apg. 17,27b-28a). Auch
an anderen Stellen der Bibel wird deutlich, dass Gott uns ganz nahe
ist. David schreibt in Psalm 139,5 über Gottes Gegenwart: „Von allen
Seiten umgibst du mich.“ Diese Aussagen sind nur dann verständlich,
wenn der Himmel als Wohnort Gottes eine höhere Dimension besitzt.
Höhere Dimensionen sind für Wesen niederer Dimensionen prinzipiell
unsichtbar, die höhere Dimension kann jedoch die niedere umschließen.
So wie die Luft uns von allen Seiten umschließt, so umschließt uns der
Himmel von allen Seiten. Der Himmel ist uns deshalb näher, als wir
denken, obwohl er unsichtbar ist. Wie eine höhere Dimension die niedere
umfasst und unsichtbar bleibt, so umgibt uns der Himmel als höhere
Wirklichkeit Gottes. Der Himmel ist zum Greifen nah! Er ist näher als
die Luft, die uns umgibt. Und doch ist er so fern wie eine höhere
Dimension. Wie ist der Himmel? Als Kind hatte ich die Vorstellung, im
Himmel müsste ich den ganzen Tag nur singen und Posaune spielen – für
mich damals wie heute kein verlockender Gedanke. Wie ist denn der
Himmel? In Johannes 14,2 gibt uns Christus eine genauere Beschreibung
des Himmels. Dieser Text sagt, dass es im Himmel viele „Wohnungen“
gibt. Der Begriff meint soviel wie „ein fester Aufenthaltsort“, eine
ewige „Heimat“. Die Bedeutung ist auf dem Hintergrund des Alten Orients
zu verstehen, wo viele Menschen nicht sesshaft waren (so auch Jesus mit
seinen Jüngern!) oder nur in Zelten lebten. Der Begriff Wohnungen steht
deshalb nicht bloß für einen Aufenthaltsort. Wohnungen sind
Schutzburgen der Sicherheit, Orte der Ruhe und Erholung. Die Wohnung
ist ein Stück Heimat, ein Zuhause. Jesus sagt deshalb zu seinen
Jüngern: Der Himmel ist eure ewige Wohnung, der erste Wohnsitz, da, wo
ihr hingehört! Trautes Heim, Glück allein. Wer wohnt dort? Was steht
auf dem Türschild der Himmelspforte? Der Himmel ist zunächst der
Wohnort Gottes (Jes. 66,1; Ps. 2,4; Pred. 5,1) und Wohnort Jesu Christi
(Joh. 3,13; Luk. 24,51). Darüber hinaus ist er auch Aufenthaltsort der
Engel (Matth. 18,10). Und der Himmel ist im besonderen die Wohnung der
Erlösten. In Johannes 14,2 sagt Jesus, dass er diese Wohnung für seine
Jünger vorbereitet, d. h. wir kommen als Christen in ein „geschmücktes
Haus“, in vorbereitete Verhältnisse. Dieses Bild hat Anklänge an die
damalige Hochzeitszeremonie: Der Bräutigam Jesus wird seine Braut in
ein „gemachtes Nest“ heimholen. Alles ist vorbereitet, perfekt
eingerichtet, vollkommen schön. Ein schöneres Wohnen als im Himmel gibt
es nicht. Das Buch der Offenbarung gibt uns weitere bildhafte Einblicke
in die Ewigkeit des Himmels (Offenb. 21). Die himmlische Stadt wird aus
Gold und Edelsteinen bestehen (V. 18- 21), erleuchtet mit der
Herrlichkeit Gottes (V. 23). In ihr braucht man keine Angst vor
Überfällen zu haben. Es gibt dort kein Leid und keine Tränen (V. 4).
Das wichtigste ist jedoch die Zusicherung Jesu: „Dann werdet ihr auch
dort sein, wo ich bin“ (Joh. 14,3). Wenn wir im Himmel sind, dann sind
wir bei unserem Heiland und werden ihn sehen, wie er ist (Offenb. 22,4;
1.Joh. 3,2). Das ist viel wichtiger als alle glitzernden Edelsteine!
Was tun wir eigentlich die ganze Zeit im Himmel? Die Bibel sagt darüber
erstaunlich wenig: Wir dienen Gott (Offenb. 22,3), wir beten ihn an
(Offenb. 4,10) und wir werden herrschen (Offenb. 22,5). Klar ist auch,
dass es im Himmel einen Wiedererkennungseffekt gibt (Matth. 8,11). Mehr
erfahren wir jedoch nicht. Zu wenige Aussagen, um unsere alte Neugierde
zu befriedigen. Deshalb mag Luther eine weise Antwort gegeben haben:
„Wir werden Ruten schneiden für die, die so dumme Fragen stellen.“ Eins
wird aus dem biblischen Befund jedoch klar: Der Himmel ist nicht auf
Erden. Christus wird die Gläubigen erst am Ende der Tage zu sich holen,
bei seiner Wiederkunft (Joh. 14,3). Erst dann wird der Himmel für uns
offenbar. Bis dahin gilt es, sich zu gedulden und treu den Dienst auf
der Erde nicht zu vergessen. Bis dahin regiert noch das Böse in dieser
Welt. Bis dahin gibt es Schmerzen, Angst, Leid, Krankheit und Tod. Wer
den Himmel vorwegnimmt und mit dem Irdischen verbindet, ist bestenfalls
ein Schwärmer, schlimmstenfalls ein Verführer. Er wiegt die Menschen in
falscher Sicherheit, verharmlost die Sünde und verwechselt die
Schöpfung mit dem Schöpfer. Unser ausgehendes 20. Jahrhundert sah viele
solcher Verführer, die den Himmel auf Erden versprachen und doch am
Ende nur Chaos und Gewalt brachten. Die Sehnsucht nach dem Himmel war
früheren Generationen noch präsent. Unsere Väter und Mütter wussten:
Wir haben hier keine irdische Wohnung, sondern die himmlische suchen
wir. Ihre Lieder sprachen viel von der himmlischen Herrlichkeit. Unsere
Vorfahren hatten einen Totenschädel auf dem Schreibtisch liegen, der
sie täglich daran erinnerte, dass wir hier keine bleibende Stadt haben.
Manche Christen liefen früher mit einem Sargnagel in den Taschen durch
die Welt, im Bewusstsein: Wir sind nur Pilger auf dem Weg nach Zion.
Ihnen war klar: „Unser Bürgerrecht ist in den Himmeln“ (Phil. 3,20).
Das Schönste kommt noch. Diese Welt ist nur eine Durchgangsstation. Sie
ist das Vorletzte, nicht das Letzte. Wie kommt man in den Himmel? „Wir
kommen alle, alle in den Himmel …“ – die Karnevalsdevise steckt tief im
Herzen der modernen Menschen. Die Zeugen des Neuen Testamentes sagen
jedoch etwas anderes. Das himmlische Jerusalem sehen nur die, „welche
geschrieben sind im Buch des Lebens“ (Offenb. 21,27). Christus weist
nur einen Weg zum Himmel: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Niemand kommt zum Vater als nur durch mich“ (Joh. 14,6). Damit drückt
er seinen Absolutheitsanspruch aus: Das „ich bin“ unterstreicht seinen
göttlichen Anspruch und seine göttliche Autorität. „Weg, Wahrheit und
Leben“ gehören zusammen, sind drei Aspekte der einen Wirklichkeit.
Jesus ist nicht nur das Ziel, sondern sogar der Weg selbst, auf dem wir
den Himmel erreichen. Jesus hat alles zum Heil getan. Wir können uns
den Himmel nicht verdienen. Nur Jesus ist der Schlüssel zum Himmel. Die
Himmelsgesellschaft ist eine von Gott ausgewählte Schar. Es gibt nur
einen Weg! Viele Wege führen nach Rom, aber nur einer in den Himmel.
Jesus hat alles getan, die Wohnung ist fertig, das Namensschild schon
in der Produktion. Der alte Liedvers stimmt tatsächlich: „Der Himmel
steht offen, Herz, weißt du warum, weil Jesus gekämpft und geblutet,
darum.“ Im Himmel gibt es nur Erlöste, keine Selbstgerechten. Im Himmel
gibt es nur begnadigte Sünder, keine selbst ernannten Heiligen. Wie
kommt man in den Himmel? Auf den ersten Blick erscheint diese Frage
kinderleicht zu sein. Es ist aber die größte Katastrophe der
Christenheit, dass es auf diese Frage mittlerweile viele Antworten und
genauso viel Rätselraten gibt. Unsere Zeit spiegelt die Situation eines
Jüngers Jesu wider: Auch der Apostel Thomas wusste nicht, wie man in
den Himmel kommt! Obwohl er schon drei Jahre mit dem Heiland unterwegs
war, wusste er nicht, wie man in den Himmel kommt. Thomas wird zum
Sprachrohr einer ganzen Welt, wenn er sagt: „Nein, Herr, wir wissen den
Weg in den Himmel nicht“ (Joh. 14,5). Man kann jahrelang
Kirchenmitglied sein, in der Gemeinde mitarbeiten, die Kindergruppe
geleitet haben – und weiß doch den Weg in den Himmel nicht. Im Wirrwarr
der vielen Wege haben viele heutige Menschen wie Thomas den richtigen
Weg in den Himmel aus den Augen verloren. Sie sind wie Wanderer, die
sich im Labyrinth verirrt haben. Wie kommt man in den Himmel? Diese
Frage ist die wichtigste Frage aller Zeiten. Wenn wir Christen darauf
keine Antwort mehr wissen, dann haben wir unsere Existenzberechtigung
verwirkt und werden schuldig an einer verlorenen Welt. Jesus Christus
weist uns diesen Weg, eindeutig und klar. Für den Himmel geschaffen Der
Mensch ist für den Himmel geschaffen. Unser aller Bestimmung ist die
himmlische Ewigkeit, nicht in erster Linie ein glückliches Leben auf
der Erde. Wir müssen wieder die Perspektive deutlich vor Augen haben:
Die Erde ist nicht unser wichtigstes Ziel. Die Erde ist nicht der
Himmel! Wir sind noch nicht im Himmel, auch wenn wir scheinbar alles
haben. Der Himmel ist uns nahe, aber er bleibt doch noch verborgen. Was
wir als Christen brauchen, ist ein neues Heimweh nach dem Himmel. Das
bedeutet nicht Passivität im Diesseits. Im Gegenteil: Weil Christen von
ihrer ewigen Heimat im Jenseits wissen, können sie hier auf der Erde
verantwortlich handeln und haben ein entspanntes Verhältnis zu allem
irdischen Besitz. Das Leben in der Dimension der Ewigkeit entspannt
unseren Alltag, weil wir hier und heute nicht alles schaffen müssen.
Das Leben in der Gewissheit der Ewigkeit entlastet unser Leben im
Diesseits kolossal. Wer die Ewigkeit Gottes im Herzen hat, der fällt
auf in einer Zeit der Unruhe und des Stresses. Unsere Hauptaufgabe als
Christen aber bleibt diese: Wegweiser zum Himmel sein. Wenn wir
Menschen den Weg in den Himmel weisen, dann bekommt auch unser Leben
hier auf der Erde die richtige Perspektive. Dann leben wir nach unserer
himmlischen Bestimmung. Dann kann es passieren, dass heute schon ein
Strahl der himmlischen Herrlichkeit in das Leben eines Menschen fällt,
der den Weg zum Himmel in Christus gefunden hat. Dann ist Freude im
ganzen Himmel über einen Sünder, der auf der Erde Buße getan hat. Dann
haben wir den Himmel und die Ewigkeit wiedergewonnen.

Von Dr. Stephan Holthaus

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