“Kaum jemand will rechts sein. Egal, wo wir uns bewegen. In der Schule, an der Uni, am Arbeitsplatz. Links zu sein, das ist okay. Denn Linke definieren sich über universelle Werte wie Gerechtigkeit, Empathie und
Solidarität. Wer links ist, signalisiert: »Ich kümmere mich um die Schwächeren und die Umwelt.« Das gibt einem das Gefühl, auf der »richtigen Seite der Geschichte« zu stehen.
Rechts dagegen ist gar nicht cool. Rechts wird oft sofort mit Nationalismus, Ausgrenzung und im Extremfall mit dem Nationalsozialismus verknüpft. Rechte Menschen setzen auf Tradition, nationale Identität und den Erhalt bestehender Strukturen. Wer rechts sein will, wird geächtet.
Diese Polarisierung hat auch die Christenheit erreicht. Klar, auch früher schon waren Christen rechts. Im Kaiserreich und in der Weimarer Zeit entstand ein Milieu, das »christliche Kultur« mit nationaler Identität verknüpfte. Später, seit den 1970er Jahren, entstand im freikirchlich evangelikalen Umfeld eine starke Mobilisierung gegen Liberalisierung der Sexualethik oder Abtreibung.
Das heute politisch etablierte Rechts-links-Schema hat einen sehr banalen Hintergrund: Es geht auf die Sitzordnung der französischen Nationalversammlung nach der Französischen Revolution zurück:
Rechts saßen die konservativen Anhänger des Ancien Régime und des Ständestaats, links die Anhänger der neuen Ordnung, die durch die drei Ziele der Revolution »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« zusammengehalten wurde.
In den vergangenen Jahren ist die Rechts-links-Polarisierung verstärkt und sichtbarer geworden durch politische Ereignisse wie etwa die Migrationskrise, die Corona-Krise, die Klimapolitik und die Genderpolitik.
Der Rechts-links-Kampf wird heute wesentlich vehementer und aggressiver ausgetragen. Und auch wir Christen, die wir uns zu diesen Themen positioniert haben, finden uns plötzlich in einer feindseligen Auseinandersetzung um die »korrekte« politische oder geistliche Haltung wieder.
In diesem Beitrag möchte ich das Verhältnis zwischen gläubigen Christen und der Politik beleuchten und die Anliegen und Überzeugungen der rechten (oder besser rechts-konservativen) Christen fair charakterisieren. Schließlich geht es um die Frage, welche Antworten die Heilige Schrift
zu diesem Thema bereithält, um am Ende zu einem Fazit zu gelangen…..
Es bleibt die Frage, welchen Einfluss wir Christen auf die Regierung nehmen sollen.
Wir müssen uns stets fragen, inwieweit wir uns mit der Welt solidarisch zeigen wollen, um diese Erde zu retten und zu erhalten. Ob wir unsere Gesellschaft mit christlichen Werten durchdringen wollen, um sie
ein bisschen annehmbarer und wohlgefälliger für Gott zu machen. Machen wir uns klar, dass Gott diese Welt einmal preisgeben wird, weil sie durch die Sünde verdorben ist, und dass unsere Welt gemäß biblischer Prophetie mit unvorstellbar schweren Gerichten und entsprechenden Auswirkungen auf die Schöpfung enden wird.
Auf der anderen Seite ist der Glaube keine abgehobene, rein geistliche Größe, sondern eine irdisch fassbare Wirklichkeit. Gott kam bewusst in Jesus Christus in die Welt und wurde Mensch, obwohl er ganz Gott war.
Christus erbarmte sich über die verlorenen Seelen, aber auch über die kranken, verschmachteten und ruhelosen Geister seiner Zeit. Manchmal legte sich der Herr mit den politischen und religiösen Machthaben seiner Zeit an. Daher: Die Existenz des Christen als Bürger dieser Welt ist
stets auch eine politische.
Es wird deutlich, dass die Frage nach dem richtigen Maß an politischem Engagement für uns Christen nicht eindeutig beantwortet werden kann.
Was aber feststeht: Der Staat ist von Gott eingesetzt, und Christen verhalten sich dann biblisch, wenn sie sich dem Staat grundsätzlich unterordnen. Aber das gilt nicht immer und absolut. Es existieren hoheitlich
definierte Aufgaben des Staates. Der Staat darf sich aber nicht in die Erziehung unserer Kinder einmischen oder unsere Meinungs- und Gedankenfreiheit steuern. Überhaupt darf der Staat sich nicht zum Morallehrer seiner Bürger aufspielen. Im Zweifel müssen gläubige Christen ihre Loyalität gegenüber der Regierung dann aufgeben, wenn der Staat von ihnen fordert, bestimmte biblisch gebotene Haltungen zu verschweigen, Teile der biblischen Botschaft zu verändern, biblisch Verbotenes gutzuheißen
oder gar zu praktizieren oder biblisch Gebotenes nicht auszuüben.
Als Konsequenz lassen sich die Verhaltensnormen der Christen gegenüber dem Staat wie folgt skizzieren:
• den Staat als Obrigkeit respektieren
• für den Staat beten
• den Staat ermahnen, die Würde der Person zu achten
• den Staat mit Gottes Maßstab für Gut und Böse konfrontieren
• in Ausnahmefallen dem Staat die Solidarität verweigern
• das Reich Gottes höher einstufen als den Staat
Im Ergebnis ist erstens festzustellen, dass sich unser Staat – trotz christlicher Wurzeln – nicht ausdrücklich zum christlichen Glauben bekennt, sondern neutral sein will. Zweitens, dass die Heilige Schrift keine Hinweise auf eine ideale, gottgewollte Staatsform gibt; gerade das Neue Testament spricht sich für eine »Zwei-Reiche-Lehre« aus. Und drittens ist es aus biblischer Perspektive unbestimmt, inwieweit sich Christen in die Politik einbringen sollten; es existieren aber durchaus Situationen, in denen Gläubige in der Öffentlichkeit zum Protest aufgerufen sind.
Resümee
Es ist deutlich geworden, dass die von rechts-konservativen Christen geäußerte Gesellschaftskritik zum großen Teil von der Heiligen Schrift gedeckt ist. Auch eine pauschale, undifferenzierte Diffamierung solcher Christen scheint nach biblischen Maßstäben nicht berechtigt zu sein. Christen mit rechts-konservativer Haltung müssen aber verstehen, dass unser Staat sich nicht ausdrücklich zum Christentum bekennt, sondern neutral sein will, und dass die Bibel dies auch nicht fordert. Und ob wir
Christen überhaupt den Auftrag haben, in einer dem Gericht Gottes anheimgegebenen Welt den unchristlichen Entwicklungen in unserer Gesellschaft Widerstand zu bieten, lässt sich nicht eindeutig beantworten.
Denn der »staatsrechtliche« Status eines Christen als Himmelsbürger (Phil 3,20), der sich nicht ins politische Geschehen einbringen möchte, steht dem biblischen Aufruf, der Stadt Bestes zu suchen (Jer 29,7) und unser Licht vor den Menschen leuchten zu lassen (Mt 5,16), entgegen.
Letztlich muss dem Einzelnen die Freiheit bleiben, entsprechend dem Maß seines Glaubens ggf. auch in der Politik aufzutreten und herauszutreten oder in stiller Zurückgezogenheit seinen Glauben zu leben (1Tim 2,1.2).17 Wer bewusst aus einem rechts-konservativen Blickwinkel heraus – auf der Grundlage der Bibel – seine Stimme erhebt und kritisch zu den Missständen unserer Gesellschaft äußert oder politisch organisiert, ist aus neutestamentlicher Perspektive durchaus dazu berechtigt.”
Stefan Hohage/zs-online.de/

