Meine Urgroßeltern lebten in Südrussland. Damals gab es eine Gelegenheit, nach Nordamerika auszuwandern. Einige 1000 nahmen diese Gelegenheit wahr, unter anderem auch meine Urgroßeltern beiderseits. Mein Großvater väterlicherseits war Lehrer. Er blieb dann noch etwa zehn Jahre dort. Aber es war wohl Anfang der achtziger Jahre im 19. Jahrhundert, wo er dann auch mit seiner neuen Familie in die USA kam. Um die Jahrhundertwende gab es eine Gelegenheit, im Westen Kanadas Land zu erwerben. Diese Gelegenheit nahm mein Großvater mütterlicherseits wahr, die auch von der Krim in die USA ausgewandert waren, gemeinsam mit dem Urgroßvater. Unsere Vorfahren kamen also von Russland in die USA und dann nach Kanada. Dort bin ich geboren, während meine Frau (deren Vorfahren ebenfalls Russland-Deutsche waren) in den Vereinigten Staaten zur Welt kam. Meine Eltern beiderseits wurden ebenfalls in den Vereinigten Staaten geboren. Aber als meine Frau und ich jung waren, wurde in den Gemeinden, in denen wir uns befanden, immer noch Deutsch gesprochen. Das war möglich, weil das in Kanada durchaus erlaubt war. Die Schulen allerdings wurden in englischer Sprache abgehalten, und so haben wir unsere Ausbildung in Englisch genossen. Meine Muttersprache ist Deutsch, auch die meiner Frau. Die Schulsprache war in Englisch; studiert habe ich auf Deutsch. Ich habe mehrere christliche Schulen besucht. In den Schulen wurde auch teilweise Deutsch unterrichtet. Als ich studierte, hatten wir einen Professor, der kam von der Krim, wo auch mein Urgroßvater hergekommen war. In der Revolutionszeit dürfte dieser Lehrer auch ausgewandert sein. Er sprach kein Englisch, obwohl er es verstand, so waren seine Vorlesungen auf Deutsch. Meine Bekehrung: Mit zwölf Jahren kam ich in große Not über meinen verlorenen Zustand, bis ich den Herrn um Vergebung meiner Schuld anrief und Frieden fand. In meiner Jugendzeit hatten wir keine Pastoren. Ein Laie leitete die Gemeinde. Mein Vater war eine Zeitlang Gemeindeleiter, aber er war nie zur Bibelschule gegangen. Aber der Herr hat ihn gebraucht. Mir aber öffnete der Herr den Weg zur Bibelschule: Mit 17 brach ich die höhere Schulausbildung ab und besuchte eine Bibelschule. Den Abschluss der höheren Schule habe ich später nachgeholt. Von Sommer 1944 bis Sommer 1945 war ich in Übersee (Europa) – mit den kanadischen Truppen – als Sanitäter. Kurz vor Ende des Krieges wurde ich verwundet. Im Herbst 1945 begann ich das Theologiestudium am Mennonite Brethren Bible College in Winnipeg; ich absolvierte 1950. Während der biblischen Ausbildung war ich in der Kinder- und Jugendarbeit tätig, hauptsächlich aber im Gesang. Innerlich reifte das Interesse für das Nachkriegseuropa, bis ich mich im Frühling 1951 entschied, mich bei einer Missionsgesellschaft anzumelden, die von einem dynamischen schottischen Evangelisten ins Leben gerufen worden war. Im Herbst 1951 heirateten Carol und ich. 1954 war es möglich, dem Ruf des Herrn zu folgen, den wir früher bekommen hatten; wir reisten nach Europa. Als wir uns der europäischen Küste näherten, hatte ich das Bedürfnis, irgendwo auf dem Schiff allein mit dem Herrn zu sein. Ps 81,11 wurde mir gegenwärtig: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Lande [Kanada] heraufgeführt hat. Öffne deinen Mund weit. Ich werde ihn füllen.” Meiner Unzulänglichkeit war ich mir nur zu gut bewusst. Nun wollte der Herr meinem Munde die Botschaft geben. Auch im Natürlichen wollte er uns versorgen. Diesen zwei „Zusagen” ist er die vielen Jahre hindurch treu geblieben. Meine Frau und ich erhielten selten einen Monatslohn. Wir arbeiteten einfach im Vertrauen auf den Herrn. Niemandem erzählten wir von unseren Nöten. Wir meinten, das sei der Weg, den der Herr uns führen wollte. Zuerst waren wir ein Jahr lang in den Niederlanden tätig. Wir dachten, der Herr wolle uns dort gebrauchen. Wir lernten die niederländische Sprache; sie war ähnlich wie das plattdeutsch, das wir sprachen. In dieser Sprache diente ich dort. Wir haben viel evangelisiert. Und der Herr schenkte weit offene Türen. Viele Menschen kamen zum Glauben. Aber dann führte uns der Herr 1955 deutlich nach Deutschland. So kamen wir am 5. 5. 55 nach Nürnberg in die dortige Freie Evangelische Gemeinde, die einen regen missionarischen Dienst hatte an verschiedenen Orten in Bayern, in denen ich tätig sein durfte. Gleichzeitig kam ich durch Studenten der Gemeinde in die Arbeit der Deutschen Studentenmission. Diese Tätigkeit, zusammen mit späteren Diensten an Bibelkonferenzen, war eine gute Vorbereitung für die spätere Lehrtätigkeit an der theologischen Hochschule in Basel. Ab Sommer 1955 war ich viel unterwegs in Evangelisationen und Bibeltagen. Es war eine Zeit des Erntens und des Fragens nach Gott. 1970 wurde ich eingeladen, in das Kuratorium der neu zu gründenden theologischen Hochschule in Basel zu kommen. Als Grundlage alles Lehrens und Lernens sollte die unfehlbare Heilige Schrift dienen. Darauf wurde ich gebeten, die Dogmatik zu übernehmen. So führte der Herr uns in die Schweiz. Von 1971 bis 1981 war ich Dozent für Dogmatik und Weltanschauungskunde an der Freien Evangelisch-Theologischen Akademie (heute STH) in Basel. Mit der Zeit wurde mir aber von der Heiligen Schrift her klar, dass nicht auf diesem Wege die Vorbereitung für den Hirtendienst in der Gemeinde stattfinden sollte. Bereits vor 1970 hatte ich viele Dienste in Basel. In dieser Zeit begannen wir mit englischen Gottesdiensten für die vielen Ausländer. Mehrere Brüder waren bereit, ohne fertige Struktur die Arbeit zu leiten und stets zu fragen „Wie sieht Gemeindearbeit in der Schrift aus?“ Es war eine herrliche Zeit des Lernens. Eine außergewöhnliche Einmütigkeit herrschte im Leitungskreis und in der Gemeinde. Im Herbst 1980 sah ich mich genötigt, meinen Dienst an der Hochschule zu kündigen. Anfang des Jahres 1981 nahm ich noch die Dogmatik-Examen ab. Damit war mein Dienst an der Hochschule zu Ende. Darauf waren wir zwei Jahre in Kanada. Als wir 1983 zurückkamen, begann eine Zeit der Gastvorlesungen an verschiedenen Ausbildungsstätten. In Gießen lernte ich Studenten aus den neuen russlanddeutschen Gemeinden kennen, die in ihren Gemeinden gerne einen Lehrdienst aufbauen wollten. Um etwa 1980 lernten wir Russlanddeutsche kennen, die eben nach Deutschland gekommen waren. Als ich in den achtziger Jahren an einer anderen Hochschule in Gießen lehrte, waren dort einige Studenten aus russlanddeutschen Gemeinden zugegen. Deren Anliegen war es, in ihren Gemeinden mitzuhelfen, so dass die große Lücke der Bibelkenntnis, die man im Osten erlebt hatte, gefüllt werden konnte. Sie hatten mehrere Projekte, die sie mir vorlegten. Sie fragten mich, was ich davon hielte; ob ich ihnen helfen könnte. Ich nahm es zur Kenntnis. Zwei dieser Brüder kamen aus Gemeinden, die es sehr schwer gehabt hatten; die waren etwas zurückhaltend. Aber sie luden mich zu einem Wochenende ein. Dort in Sieglinden, sollte ich über das Thema „Seelsorge“ sprechen. Am letzten Tag dieser kurzen Zeit, fragte einer der Studenten die Brüder: „Was meint ihr, können wir den Bruder Jantzen in unsere Gemeinden einladen?“ Sie waren sehr vorsichtig. – Nun, wir hatten uns kennengelernt, und so bahnte sich ein Dienst in russlanddeutschen Gemeinden an – für viele Jahre: von 1980 bis 2011. Daneben führte mich der Herr auch zu Diensten in Russland und in der Ukraine. In der Schweiz hatten wir fast 30 Jahre unseren Wohnsitz. Zwischendurch waren wir hin und wieder in Kanada, aber unser Dienst und unser Zuhause war in Europa. Im Jahr 1999 führte uns der Herr wieder nach Kanada zurück. (Unsere Kinder lebten inzwischen in Nordamerika.) So haben wir seit dieser Zeit in Kelowna gewohnt. Aber fast jedes Jahr war ich wieder in Europa. Fast immer konnte mich meine Frau begleiten. Dies ging so bis zum Jahr 2011. Ergänzung (TJ): Herbert arbeitete in den Jahren 2011 bis zu seinem Tod weiter an seinen Veröffentlichungen, vor allem an der Verbesserung seiner eigenen NT-Übersetzung und an der Herausgabe der „Glaubenslehre“.
