Kleine Musikgeschichte

Sollten alle Musifreaks mal lesen.

alik

Dr. Winfried Dalferth

Musik und Glaube 

Musik als Antwort auf Gottes Wort

Wer glaubt, der singt. Zu allen Zeiten haben Menschen, die der Größe Gottes begegnet sind, gesungen. Musik und Lieder zählen zu den frühesten Bestandteilen der gottesdienstlichen Liturgie. Auch das vermutlich älteste Stück im Alten Testament ist ein Lied, das uns dank seines Gebrauches im religiösen Kult erhalten ist: das Miriam-Lied in Ex. 15, 21: „Singet dem Herrn, denn er ist hoch erhaben, Roß und Reiter warf er ins Meer.“ Auch das Siegeslied der Deborah in Ri. 5,1ff. gilt als eines der ältesten Literaturdenkmäler aus dem Alten Testament. Außer im Gottesdienst erweist sich der enge Zusammenhang von Glaube und Singen auch in Festen und Alltagstreffen des Gottesvolkes.

Im Neuen Testament sind Lieder ebenso älteste Glaubenszeugnisse, so das urchristliche Christuslied, der sogenannte Philipperhymnus (Phil.2, 5-11). Forscher vermuten, daß der Philipperhymnus spätestens 24 Jahre nach Kreuzigung und Auferstehung Jesu gebildet worden ist. Das Magnificat (Lk. 1, 46-55) und der Lobgesang des Zacharias (Lk. 1, 68-79) sind weitere Lieder aus den Evangelien, die älter sind, als die Schriften, in denen sie stehen.

Von Instrumenten, Tanz und Schlagzeug im AT

In alttestamentlicher Zeit waren zahlreiche Musikinstrumente bekannt: Flöte, Schalmei, Pfeife, Harfe, Laute oder Dudelsack, Pauke, Handtrommel, Posaune, Psalter, Zither, Leier, Schelle, Rassel, Trompete, Zimbeln und Zithern. Bei Festen schienen Musikgruppen die Gäste unterhalten und für Stimmung gesorgt zu haben. „(Sie) haben Harfen, Zithern, Pauken, Pfeifen und Wein zu ihrem Wohlleben.“ (Jesaja 5,12). Das Hohelied Salomos gilt als eines der schönsten Liebeslieder der Weltliteratur. Singen und Tanz waren in das gottesdienstliche Geschehen integriert. David „tanzte mit aller Macht im Reigen, mit Liedern, mit Harfen und Psaltern“, als die Bundeslade nach Jerusalem zurückgebracht wurde.(2.Samuel 6, 5). Die große Offenheit für unterschiedlichste Instrumente die zum Gotteslob eingesetzt werden können, geht aus Psalm 150 hervor: „(1) Halleluja! Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobet ihn in der Feste seiner Macht! (2) Lobet ihn für seine Taten, lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit! (3) Lobet ihn mit Posaunen, lobet ihn mit Psalter und Harfen! (4) Lobet ihn mit Pauken und Reigen, lobet ihn mit Saiten und Pfeifen! (5) Lobet ihn mit hellen Zimbeln, lobet ihn mit klingenden Zimbeln! (6) Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja!“ Tanz und die Verwendung von Schlaginstrumenten im Gottesdienst waren demzufolge üblich.

Oden und Hymnen im NT

Zur Zeit Jesu war Musik selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Jesus und die Apostel benutzten mehrfach Bilder aus dem Musikleben. Z.B. sollte der Christ seine guten Taten nicht "ausposaunen lassen" (Matth. 6,2). Einmal vergleicht Jesus seine Zeitgenossen mit beleidigten Kindern, die einander zurufen: "Wir haben euch aufgespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint." (Lk.7,32) Paulus vergleicht lieblose Christen mit "tönendem Erz" und "klingender Schelle" (1.Kor. 13,1). Als Jude mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern vertraut, forderte Paulus die jungen christlichen Gemeinden auf: "Singt und spielt dem Herrn in euren Herzen." (Eph. 5,19) Aus den jüdischen und frühchristlichen Gottesdiensten war die Musik nicht wegzudenken.

 

Lieder machen Kirchengeschichte

Die Musik der ersten Christenheit distanzierte sich von dem sittenlosen Theater- und Lustbarkeitsbetrieb der spätantiken Städte. In den Kultfeiern der Mysterienreligionen trugen die Berufssänger und Instrumentalisten ihre Lieder so raffiniert in Rhythmus und Klangfärbung vor, daß die Menschen dadurch vielfach zu hysterischer Ekstase, zu Exzessen des Fanatismus, zu sexuellen Ausschweifungen aufgepeitscht oder zumindest zu weichlicher Genüßlichkeit verleitet wurden. Auf diesem Hintergrund ist es zu verstehen, daß in den Schriften der Kirchenväter, in den Beschlüssen der Synoden und Konzilien die Mahnung zu finden ist, die heidnische und weltliche Musik nicht ins Heiligtum eindringen zu lassen. Dies war mit der Grund dafür, daß Instrumente im urchristlichen Gottesdienst verboten waren und daß viele Jahrhunderte nur einstimmiger Kirchengesang bekannt ist. Die rein vokale, einstimmige ‘Gregorianik‘ wurde Kennzeichen früher christlicher Gottesdienste. „Keine Kithara, keine Syrinx, noch irgendein anderes Musikinstrument erzeugt einen solchen Klang, wie man ihn hören kann, wenn jene heiligen Männer in tiefer Stille und Einsamkeit Singen“, so schwärmt Chrysostomus (ca. 354-407) von seinem Ideal des Kirchengesangs ohne Instrumentenbegleitung.

Erst um ca. 1000 n. Chr. tritt die Mehrstimmigkeit auf. Lieder werden nun notenschriftlich fixiert und mit Instrumenten begleitet. Mit der Verwendung von Instrumenten im Gottesdienst kam auch die Instrumentalmusik auf. Seit ca. 1200 n. Chr. werden Instrumentalstücke im Gottesdienst zwischen den Lesungen eingesetzt. Mit dem Aufkommen der Instrumentalmusik ist die Entwicklung zur rein weltlichen Musik wieder möglich geworden, da ja Instrumentalmusik "wertneutral" ist. Sie wird erst durch das hinzukommende Wort geistlich oder weltlich definiert. Mit dem Wiederaufkommen der weltlichen Musik wuchs auch das Problem, das bis heute die Gemüter erhitzt: Die Spannung zwischen geistlicher und weltlicher Musik. Was ist im kirchlichen Rahmen erlaubt, wo sind Grenzen zu ziehen?

Die Chorkunst entwickelte sich an bischöflichen Kathedral- und Domstiften, aber auch an Fürstenhöfen. Nur in den größeren Städten war genügend Personal und Finanzkraft für solche Musizierkreise vorhanden. In kleineren Orten stellten sich freiwillige Mithelfer zur Verfügung und gestalteten als „vokal-instrumentaler Musizierkreis“ den Gottesdienst.

In der Reformationszeit entstanden vor allem im Jahr 1524 zahlreiche neue Lieder zur schulischen und geistlichen Unterweisung. Dabei war sich Luther wohl bewußt, daß Lieder entscheidend dazu beitrugen, Grundwissen des Glaubens zu vermitteln. Die ersten Gesangbücher entstanden in dieser Zeit.

Die Orgel als Begleitinstrument des gottesdienstlichen Gesanges setzte sich nur langsam durch und ist erst ab 1604 nachweisbar. In der Reformationszeit und im frühen Protestantismus war die Orgel gering geschätzt. Sie war noch nicht das Hauptinstrument zur gottesdienstlichen Liedbegleitung. So erwähnt Martin Luther einen Lautenspieler, der liturgische Stücke in einem Dorfgottesdienst bei Erfurt begleitete. 1597 erstellte die Wittenberger Theologische Fakultät eine ‘Unbedenklichkeitserklärung‘ für die Orgelmusik. Damit war der Weg der Orgel zum gottesdienstlichen Hauptinstrument frei.

Die Posaunenchorbewegung wurzelt in der Jugend – Singbewegung und entfaltete sich als Laienbewegung ab Mitte des 19. Jahrhunderts unter Führung von Eduard und Johannes Kuhlo.

Neue geistliche Lieder und christliche Popularmusik entwickelten sich aus den Gospels. Bereits 1874 sang der Chor der schwarzen Fisk Universität erfolgreich Spirituals in Europa. Die Fisk Jubilee Singers befanden sich auf einer Europatournee. Sie kamen von der Fisk University in den USA und waren der erste Gospelchor in Europa. Die Fisk University sollte als ‘Hochschule für die Neger‘den Schwarzen in den USA nach dem Sezessionskrieg zu mehr Bildung verhelfen. Der Chor wurde in einer finanziell verzweifelten Lage der Fisk-Universität gegründet. Erste Amerikatourneen waren große Erfolge und führten zu einer Tournee durch England 1874 bei der die Singers 50.000 Dollar einnahmen. Mit ihrem Honorar finanzierten die Fisk Jubilee Singers den Aufbau ihrer Universität. Ihr Erfolg motivierte andere ‘Jubilee Singers‘ zur Nachahmung – so wurden die Spirituals einem weltweiten Publikum nahegebracht. Die ersten deutschsprachigen Analysen zu Spirituals und Gospels erschienen in den 50er Jahren.

Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre begannen viele Jugendgruppen, sich Spirituals anzueignen, zunächst von der Schallplatte. Die Verbreitung der Spirituals auf Schallplatten im Nachkriegsdeutschland setzte eine gewisse Konsumfähigkeit voraus, die erst nach den schwierigsten Aufbaujahren einsetzte. Gleichzeitig wuchs auch die Kritik an Kirche und Gottesdienst, die vor allem in der Nachkriegsgeneration entstand, die den Krieg überhaupt nicht oder nur in ganz jungen Jahren erlebt hatten. Das Bedürfnis nach modernen Gottesdiensten und moderner Musik stieg rapide. Die Zeit war reif für Gottesdienste in moderner Form. In der Gestaltung der Predigt fanden die damaligen neuen Medien Eingang: Schwarz-weiß-Fotos, Großdias für Kinoleinwände, Lichtbilder, szenische Lesungen, Dialogpredigten, Fragebogenaktionen, Sprechmotetten, Anspiel, Pantomime, Tanz. Mit Musik wurde experimentiert. Elemente des Jazz fanden ihren Niederschlag. Der Schlager stand Pate. Blues, Chanson und Song wurden übernommen. Gospel und Spirituals fanden Eingang. So kam es um 1965 zu den Gottesdiensten in neuer Form (Mit Kurt Rommel, Dieter Trautwein, Alfred-Hans Zoller), die musikalisch alle mehr oder weniger auf die Gospels zurückgriffen.

In den Folgejahren entstanden ungezählte neue geistliche Lieder (Manfred Siebald, Arno und Andreas, Siegfried Fietz), später dann immer mehr christliche Rock und Popbands (Schulze, Heralds), die sich dann im Laufe der Zeit zu Arbeitsgemeinschaften zusammenschlossen.

Kriterien zur (un)geistlichen Musik.

Wenn Christen musizieren, gilt, was allgemein für eine christliche Lebensführung gilt: Alles geschieht zum Lob Gottes (Röm. 14,8; Kol.3,17; 1.Kor.10,31), zur gegenseitiger Auferbauung (1.Kor. 14,26), mit Rücksicht auf die Schwachen (Röm.14,1f; vgl. auch Mt.7,12) und in größtmöglicher Übereinstimmung von Wort und Tat (vgl. Mt.23,3).

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