Märchen zur Abtreibung

bitte lesen und nachdenkenIn grauen Vortagen, vor langer, langer Zeit, geschah es, daß ein Wolf in Gottes Schöpfung zum ersten Mal ein Schaf riß und samt Haut und Knochen auffraß. Die Schafe waren bestürzt und ganz ohne Rat: Was war in einer solchen Situation zu tun?

Ein Schaf hatte eine Idee. Ein ökologisches Komitee sollte sich um die Aussöhnung mit der Wolfsherde bemühen. Gesagt getan. Die Konsequenzen waren verheerend. Von den zwölf Mitgliedern der Schafsdelegation überlebte keines die heikle Mission.

Darum errichteten die Schafe Zäune mit scharfen Spitzen. Diese boten zwar keinen absoluten Schutz, aber die Wolfsbande hatte beträchtliche Mühe sie zu überwinden. Meistens hielt der Zaun und nicht selten verletzte sich ein hungriger Wolf daran.

Besonders gefährdet waren die ganz kleinen Schafe. Sie hatten noch keine Hörner wie die größeren und konnten sich deshalb kaum wehren. Auch ihr Weideplatz war von dem Schutzzaun umgeben. Doch wenn es einem Wolf gelang, sich durch die Drähte oder unter den Zäunen hindurchzuzwängen, hatten sie keine Chance. So manches kleine Lamm mußte sein junges Leben lassen.

Dennoch. Der Zaun konnte das Schlimmste verhindern.

„Wir können zwar keinen absoluten Schutz garantieren. Das ist aber kein Grund um nachlässig zu werden“, meinten die Schafe auf ihrer jährlichen Vollversammlung. Fleißig erneuerten sie ihre Schutzanlagen Tag um Tag.

Eines Morgens erschien eine Gesandtschaft der Wölfe am Tor des Geheges und wollten mit den zuständigen Oberschafen verhandeln. „Natürlich können wir euch, liebe Schafe, sehr gut verstehen. Wir wolle euer Schafsrecht auf ein ungestörtes, friedliches Leben achten.“

Ein Raunen ging durch die Schafsmenge.

Der Sprecher der Wölfe fuhr nach einer eleganten rhetorischen Kunstpause fort. „Aber, geliebtes Schafsvolk, ihr müßt auch uns verstehen. Der Zaun, mit dem ihr eure winzigen Schafskindlein umgebt ist für uns nicht annehmbar. Was soll dieser Zaun? Wollt ihr vielleicht behaupten, daß diese Dinger richtige Schafe sind? Richtige Schafe seid nur ihr, geschätzte Ratsherrn, ihr die großen, starken Schafe mit den gekrümmten Hörnern. Ihr selbst nennt diese kleinen Dinger hinter dem Zaun doch auch nicht ‚Schafe’, sondern bloß ‚Lämmer’.“ Bei diesen Worten verneigte sich der Sprecher der Wölfedelegation mit Eleganz, um der Schafswürde der richtigen Schafe seinen ungeteilten Respekt zu zollen.

Wieder ging ein Raunen durch die Schafsmenge.

„Hört, hört. Die Wölfe sind gar keine so schlechten Tiere.“ Bevor die Schafe ihre Gedanken zu Ende denken konnten, setzte der Sprecher der Wölfedelegation mit weinerlicher Stimme erneut an.

„Immer wieder kommt es vor, daß sich einer der Unsrigen verletzt.“ Der redenden Wolf gab mit seiner Pfote ein Zeichen. Da humpelte ein schwer verletzter Wolf in die Mitte. „Seht selbst“, rief der Wolf pathetisch in den Raum: „Eure Zäune sind ein direkter Angriff gegen uns. Wollt ihr weiterhin unschuldiges Blut vergießen.“

Der Auftritt verfehlte seine Wirkung nicht. Die ersten Schafe begannen sich still Vorwürfe zu machen: „Wölfe sind einfach anders. Das muß man akzeptieren. Wie konnten wir so herzlos sein und eine Gemeinheit wie einen Stacheldrahtzaun überhaupt errichten.“

„Wie kann Frieden werden, zwischen uns und euch, wenn ihr uns derartig behandelt?“, fragte Sprecher Wolf vorwurfsvoll und mit viel Tränen in den Augen: „Außerdem. Was nützen eure Zäune? Wenn ein Wolfsmagen knurrt, kommt er mit oder ohne Zaun in euer Gehege.“

Die Schafe schauten einander verwirrt und verblüfft an.

Nach einer erneuten Kunstpause, schlug der Wolf eine Lösung vor. „Wir wollen die kleinen Lebewesen, die ihr ‚Lämmer’ nennt, gar nicht auffressen. Wir Wölfe wollen einzig und allein, daß der bedrohliche und nutzlose Zaun rund um die Lebewesen entfernt wird. Natürlich hat jeder ein Lebensrecht, auch die sogenannten ‚Lämmer’.“

Die Schafe diskutierten Stunde um Stunde.

Einige militante Schafe waren empört und wollten die Wölfe davonjagen. Andere meinten, man solle sich in die Lage der Wölfe versetzen und ihre Ansicht respektieren.

Die Diskussion wogte hin und her.

Eine Einigung war nicht zu erzielen. So beschloß man, eine demokratische Abstimmung unter allen gehörnten Schafen durchzuführen. Diese ergab folgenden glücklichen Kompromiß. Man war sich einig, den Zaun um die ausgewachsenen Schafe weiterhin aufrecht zu halten. Den Zaun um die sogenannten ‚Lämmer’, die für die Wölfe völlig uninteressant sind, wollte man dagegen preisgeben. Mit der neuen Regelung wollte man natürlich unter keinen Umständen den Eindruck erwecken, daß dadurch das Lebensrecht der sogenannten ‚Lämmer’ grundsätzlich in Frage gestellt würde. Darum einigte man sich darauf, anstelle des ehemaligen Zaunes jetzt einen Strich zu zeichnen.

So geschah es unter allgemeiner Zustimmung. Nur eine verschwindende Minderheit radikaler Schafe protestierte.

Unter den gierigen Blicken der Wölfe, rissen die Schafe in heiligem Eifer den Schutzzaun um die sogenannten ‚Lämmer’ nieder. Er wurde durch die beschlossene Bodenmarkierung ersetzt. Dann richteten die politischen Vertreter der Schafe einen dringenden und todernsten Appell an die Wölfe, die am Boden gezeichneten Linien gefälligst zu respektieren. Auch um Wölfe, die ihrem Hunger nicht Herr werden könnten, kümmerte man sich. Ihnen sollte eine kostenlose Gesprächstherapie angeboten und eine vegetarische Feldküche zur Verfügung stehen.

Die Herde der sogenannten ‚Lämmer’ blökte leise vor sich hin und hüpfte auf dem frischen Gras. Von so viel Diplomatie und Politik verstanden sie wenig. Von den großen gehörnten Schafen schaute niemand auf sie. Es war, als ob sie gar nicht existierten.

Nachdem der demokratische Beschluß der Schafe in die Tat umgesetzt war, löste sich die zufriedene Versammlung wieder auf. Gemessenen Schrittes zogen sich die gehörnten Schafe in ihr gut geschütztes Gehege zurück. In jenen Tagen wuchs das Gras so schnell wie selten vorher in der Geschichte der Schafheit. Darum wurde in den folgenden Wochen nur wenig bis gar nicht über die neue Regelung gesprochen. Es war sogar verpönt, über die „Strichlösung“ – so der Name der neuen Regelung – zu debattieren.

„Wir müssen den hungrigen Wölfen helfen und sie beraten, nicht sie diskriminieren“, sagten die intelligentesten Schafe zueinander. Es schien, als wollte man sich durch die Wiederholung der Argumente der Wölfe Mut machen.

Nach einer gewissen Zeit wagten sich einige Schafe an den Platz, wo man die sogenannten „Lämmer“ zurückgelassen hatte. Entsetzt stellten sie fest, daß die Wölfe dort ein Lager aufgeschlagen hatten, um sich von dort regelmäßig eine gewisse Stückzahl von sogenannten „Lämmern“ zu holen.

Die Linie, die zum Schutz der Schafe gezogen wurde, verbannt sich mit dem ausgetretenen Wolfspfad, der sie überquerte, zu einem Kreuz. Schnurgerade führte der Weg der Wölfe in das frühere Gehege.

Die Schafe versuchten scheu und unentschlossen mit den Wölfen in einen Dialog zu treten. Doch die Wölfe fletschten ihre Zähne und drohten: „Wollt ihr neue Gräben zwischen uns und euch aufreißen? Wollt ihr uns Wölfe wieder verletzen und den gesellschaftlichen Frieden zerstören? Was fällt euch ein, hinter die modernen Errungenschaften zurückzufallen?“

Der Spähtrupp der Schafe kehrte nach Hause zurück und erzählte den heimischen Regierungsvertretern, wie viele blutige Überreste von sogenannten „Lämmern“ sie gesehen hatten. Doch die Regierungsvertreter unterbrachen ärgerlich: „Der Strich am Boden zeigt deutlich, daß wir das Blutbad an den sogenannten „Lämmern“ nicht gutheißen können. Aber mit blutrünstigen Erzählungen, hochgespielten Emotionen, Verurteilungen Andersdenkender und billigem Aktionismus kommen wir nicht weiter. Zäune zu errichten wäre eine Kriminalisierung der Wölfe. Wir müssen sie überzeugen. Wir müssen den Wölfen helfen, statt sie zu bestrafen.“

Nachdem man noch einige wichtige Worte zum Thema Solidarität mit den Wölfen, Freiheit, Meinungsbildung und Grundlagendebatte gewechselt hatte, zogen sich alle hinter den hohen Zaun der Schafsstallungen zurück.

Am Abend ging das Wächterschaf der Abschrankung entlang, um zu prüfen, ob der Zaun in Ordnung und die Türen sicher verschlossen wären. Danach legte auch es sich beruhigt schlafen.

Das Heulen der Wölfe, das die Stille der Nacht zerriß, berührte die schlummernden Schafe hinter dem hohen Zaun nicht mehr

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