Mayhems Debütalbum gilt Kritikern als Meilenstein der Rockmusik. In Musik und Attitüde spiegelte sich die Ablehnung der gesellschaftlichen Verhältnisse, des dank Erdöl prosperierenden Kapitalismus und der Vorherrschaft der christlichen Religion in dem von heidnischen Traditionen geprägten Land. Auch die langen, sonnenlosen Wintermonate und die schroffe Natur Norwegens fanden ihren Ausdruck. Satanismus fügte sich da wunderbar ein.
„Damals war Black Metal kein satanischer Kult“, sagt Odden. „An all dem Irrsinn, der Anfang der neunziger Jahre geschah, war letztendlich ein manisch-depressiver Schwede Schuld.“ Der depressive Schwede hieß Per Yngve Ohlin und nannte sich „Dead“. 1988 trat er als Sänger der Band Mayhem bei und prägte deren Stil mit todesverliebten Texten und extremen Auftritten. Seinem Bühnennamen gemäß schminkte er sich leichenblass und vergrub seine Bühnenkleidung in der Erde, um sie kurz vor den Auftritten auszubuddeln. Der modrige Geruch sollte seine Erscheinung vervollkommnen.
Im April 1991 nahm er sich das Leben durch einen Kopfschuss mit einer Schrotflinte. Der Mayhem-Gitarrist Øystein Aarseth, der sich Euronymus nannte, fand seinen toten Freund. Bevor er die Polizei rief, fotografierte er die blut- und hirnverschmierte Leiche. Die Fotos schickte er Freunden und Fans. Eines davon zierte später das Cover eines inoffiziellen Mayhem-Albums.Der Mord – die finale Katastrophe
Der Selbstmord war die Initialzündung für die kurze, von Gewalt, Radikalismus und Extremismus geprägte Phase des Black Metal. „Einigen Jungs genügte es bald nicht mehr, Musik zu machen, sie wollten Zeichen setzen“, sagt Odden. Er steht in einem vietnamesischen Café, in dessen Räumen früher der Plattenladen Helvete zu finden war, norwegisch für Hölle. Helvete, geführt von Euronymus, war Keimzelle und Treffpunkt der Black-Metal-Szene.
„Wirtschaftlich war der Laden eine Katastrophe“, sagt Odden. „Wir hingen dort ab und hörten Musik, gekauft wurde nichts. Und Kunden, die Euronymus nicht passten, eigentlich fast alle, warf er raus. Er war ein radikaler Nonkonformist, um Geld ging es ihm nicht. Er hasste kommerziellen Erfolg, gut besuchte Konzerte sah er als Niederlage an.“
Einer der Stammgäste war der Musiker Kristian Vikernes, ein Rechtsradikaler, dessen Projekt Burzum bis heute Kultstatus in einschlägigen Kreisen genießt. Mit Euronymus gehörte er zu den treibenden Kräften hinter mindestens drei Kirchenbränden, unter anderem dem spektakulären Feuer auf dem Holmenkollen.
Die Brände katapultierten die überschaubare Szene in die Schlagzeilen, die Boulevardmedien schrieben Black Metal zum satanistischen Massenphänomen hoch. Vor allem Vikernes befeuerte die Aufregung, indem er in martialischer Pose Interviews gab, die Kirche schmähte und vor Journalisten damit prahlte, genau zu wissen, wer hinter den Bränden stecke. Aarseth dagegen war gegen öffentliche Aufmerksamkeit, schon nach dem Feuer in der Holmenkollenkapelle hatte er sich gegen weitere Brandstiftungen ausgesprochen.
Möglich, dass dieser Disput zur Katastrophe führte. Am 10. August 1993 besuchte Vikernes seinen Freund Euronymus in dessen Wohnung. Als er wieder ging, hatte er 23 mal auf den Gitarristen eingestochen, ein Stich ging durch die Stirn. „Über die genauen Motive kann man nur spekulieren“, sagt Odden, der mit dem Getöteten befreundet war. „Vielleicht wollte Vikernes beweisen, das er der böseste und radikalste von allen war.“ Vikernes wanderte in den Knast und das Drama machte den Black Metal unsterblich – zumal es nicht bei diesem Toten blieb. Auch der Mord an einem Homosexuellen ging auf das Konto eines Musikers aus der Szene.
Heute spielen nicht nur norwegische Bands aus dem sich ideologisch und musikalisch immer weiter auffächernden Genre in ausverkauften Hallen. „Dass ich heute mit Satyricon in der Oper auftrete und um die Welt touren kann, wäre vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen“, sagt Odden. Vermutlich hat er das auch Vikernes, Aarseth und den brennenden Kirchen zu verdanken.“ www.spiegel.de/kultur/mus…r-touristen-a-843663.html
Eine Zeugnis aus Metalszene (nicht Black-Metal):
